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Die Welt · 1898-01-01 · 35 (2.9.1898) · p. None

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
35 (2.9.1898)
Article
Rede des Herrn Dr. Max Mandelstamm
Date
1898-01-01
Page
None (sequence 3)
Language
German
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eingesogen, religiöse Vorurtheile, Unduldsamkeit der Kirche, d. h. ihrer Vertreter, die Dumpf- und Stumpfheit der Massen, die durch gewissenlose Rädelsführer, welche im Trüben fischen wollen, immerfort angestachelt werden: die physische Kraft und das Bewusstsein der physischen Überlegenheit, des „Bei sich zu Hause Seins" : andererseits physische Ohnmacht und Minderzahl der Juden, der harte Kamps ums Dasein, der so manchen zwingt, so manchesmal zu unsaubern Mitteln Zuflucht zu nehmen: die wilde Jagd nach dem Gelde, welches allein Macht, Einfluss und persönliche Sicherheit verleiht; die Protzigkeit derjenigen Glücksritter und Parvenüs, die zu Einfluss und Macht gelangt sind, die „Chuzpa" in ihrer widerwärtigsten Gestalt, die durch Jahrhunderte vererbte Findigkeit der Juden auf allen Gebieten des Handels und der Finanzen, und infolge dessen ihr den Ariern gefährlicher Wettbewerb. Das sind die Contraste, die immerfort auseinander stoßen, zu ewigen Reibungen Veranlassungen geben und einen wahren circulns vitiosus Herstellen, der einerseits eine aufrichtige Assimilation zur Chimäre macht, zur Fata morgana, mit welcher sich die Juden immerfort vertrösten, — andererseits den Ariern die billige Ausrede in den Mund legt, dass die Juden es nicht verdienen, de jure und de facto gleichgestellt zu werden. Die bester situierten Juden, die Reichen gar, die im Genießen irdischer Güter im „olam haze“ Ersatz finden für so mancheDemüthigung, die jüdische Intelligenz, welche sich hinter ihre wissenschaftliche Specialität ängstlich verkriecht und durch das Schlüsselloch ihrer Studierstube sich „der Erscheinungen Flucht" 8ub specie aeteraitatis anschaut, entfalten nun einen Jndifferentismus, der geradezu bewunderungswürdig wäre, wenn er nicht den in Elend und Unwissenheit verkommenden Massen gegenüber unverzeihlich wäre. Die Hoffnung nun, welche die Herren darein setzen, dass mit der sogenannten „socialen Frage" — diesem Sündenbock für alles jüdische Ungemach — zugleich die jüdische gelöst werden müsse, hat ebensoviele Chancen auf raschen Erfolg, wie etwa das Erscheinen des Messias, den wir seit zweitausend Jahren mit solcher Gläubigkeit und Sehnsucht erwarten, und zwar 1. deshalb, weil die Judophobie, wie ich bereits erwähnt, kein solcher Mikrobe ist, der seinen Ursprung socialökonomischen Uebelständen der Neuzeit verdanken, mit Hilfe irgendeines socialen Antitoxins unschädlich gemacht werden könnte, sondern ein Erbübel ist, ein guter alter vertrauter Bekannter, bloß in ein neumodisches Gewand eingekleidet, und weil 2. die christliche Ethik, die allein imstande wäre, radicale Abhilfe zu schaffen, der aus Dampf dahineilenden, enorm ansteigenden Cultur ebenso nachhinkt, wie etwa eine Schnecke — einem Schnelläufer. Der Kampf aller gegen alle ist auf der ganzen Schlachtlinie entbrannt und wird vom Stärkeren stets da ausgenommen werden, wo der Widerstand am kleinsten ist, also Chinesen, Türken, Neger, Juden. Deshalb heißt es: „Rette sich, wer da kann!" Ich glaube nun, mit dem ersten Theil. meiner Aufgabe fertig zu sein und den Beweis erbracht zu haben, dass die Art und Weise, wie die Juden bis jetzt vorgiengen, um die Judenfrage irgendeiner Lösung näher zu bringen, eine verfehlte war und ist, eine Curpfuscherei. Wohl ist sie imstande, einige üppig wuchernde Neubildungen — durch Taufe — vom jüdischen Leibe zu entfernen, der kranke Organismus aber bleibt krank und desect nach wie vor, was durch die jetzige Lage der Juden, durch ihre verzweifelt schlechte Lage, ad oculos demonstriert worden ist. Was nun wir Zionisten, wir Jünger der neueren Schule, vorschlagen, scheint doch noch eine rationellere Grundlage zu besitzen und soll auch der letzte und, wie uns dünkt, der einzig mögliche Versuch sein, 1. die Juden als Nation zu retten, indem es uns sehr, sehr darauf ankommt, nicht sterben zu müssen, 2. einen möglichst großen Theil des verkommenden jüdischen Proletariats vom totalen Untergange zu retten und einem menschenwürdigen Dasein entgegenzuführen. Für uns Zionisten ist der Kosmopolitismus als Weltanschauung ein schöner Traum, bloß dazu angethan, einen Jndifferentismus sondergleichen unter den Juden zu züchten, nicht aber eine Lockspeise für Männer, welche sich c o n c r e t e Ziele stecken, welche Helsen wollen und Helsen müssen, dank dem kategorischen Imperativ, der sie dazu treibt. Tyatsächlich stehen wir vor einem Nationalitätenkampf, der an Heftigkeit, Rücksichtslosigkeit und Grausamkeit seinesgleichen sucht. Es ist ja möglich, dass dieser Kampf ein nothwendiges Stadium in der Evolution des Menschengeschlechtes ist, der nach Aeonen zum Kosmopolitismus führen wird; umso eher müssen auch wir uns darnach einrichten. Sollte dieser Kampf nicht in der schnöden Weise geführt werden, wie er jetzt geführt wird, sollte er nicht dem Principe huldigen: „öte toi de lä, que je m’y mette- — sollte die Differenzierung der Nationen in der Weise vor sich gehen, wie sie von unseren alten Weisen aufgesasst und geübt worden — intensive Entwicklung des nationalen Geistes und Selbstbewusstseins bei voller Toleranz gegen andere Nationen — dann allerdings könnte eine solche Differenzierung der Menschheit dasselbe leisten, was die feinere Differenzierung höherer Organe für einen hochentwickelten Organismus leistet: einer jeden Nation wäre ihre specielle Function und Bestimmung zugewiesen und eine jede würde für die Schatzkammer der Cultur die kostbarsten Beiträge liefern und zur Hebung der Menschenwürde das Ihrige thun. Vorläufig sind wir noch recht weit davon entfernt. Auf alle Fälle aber ist die Hauptbedingung einer selbständigen nationalen Entwicklung — eigener Boden, Land, Erdgeruch. Diesen eigenen Boden besitzen nun alle Völker und Völkchen der weiten Erde mit Ausnahme des jüdischen Volkes, welches unstet und flüchtig, einem Gespenste gleich ohne Fleisch und Knochen, unter den lebensfrohen Ariern herumirrt und in seinen heiligen Büchern, in der Bibel und dem Talmud, spärlichen Ersatz findet für das verlorene Heim, gleichsam ein Stück wandelnden Vaterlandes. Wir brauchen Land, wir brauchen eigenen Boden, aus welchem wir, Antäus gleich, Kraft ziehen könnten zum Kampf ums Leben. Und wenn Völkerschaften, wie etwa Montenegriner, Bulgaren, Serben, Rumänen, Croaten und Slowaken Anrechte auf selbständige Entwicklung erheben dürfen und ihre Rechte auch zur Geltung bringen, trotzdem diese undifferenzierten Zellenconglomerate so bitter wenig der Welt gegeben dürfen es die Juden umsomehr, die eine dei? hervorragendsten Rollen in derWelt- und Culturgeschichte gespielt und bisnun wie durch ein wahres Wunder als typisch ausgeprägte Nation sich erhalten haben. Und wenn es den Boers, also holländischen Bauern, im Verlaufe von 150 Jahren gelungen ist, trotz der mangelhaften Culturnlittel, die ihnen bei Beginn ihrer Niederlassung in Transvaal zu Gebote standen, einen Staat zu gründen, der nun eine Macht ist, mit der man rechnen muss, — so dürfte uns gewiss Aehnliches gelingen, die wir intensive Cultur mit eisernem Fleiße und beispielloser Bedürfnislosigkeit verbinden können. Das Land, das wir brauchen, ist unser altes Heimatland, Palästina, an welchem wir seit der Diaspora durch tausend sichtbare und unsichtbare Fäden, durch tägliche Gebete, durch unsere Religion, die eminent national ist, hängen. Unsere Ansprüche auf dieses Land sind insoferne

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