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Die Welt · 1898-01-01 · 35 (2.9.1898) · p. None

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
35 (2.9.1898)
Article
Rede des Herrn Dr. Max Mandelstamm
Date
1898-01-01
Page
None (sequence 2)
Language
German
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frage für die Juden des Westens ebenso befriedigend oder auch unbefriedigend gelöst ist wie für ihre arischen Nachbarn. Es scheint daher in der That, als ob die westlichen Juden nicht die geringste Veranlassung hätten, von einer Judenfrage zu reden, von einem kranken Organismus, der geheilt werden müsste; es scheint vielmehr, dass für sie die Judenfrage längst gelöst ist. Das bilden sich die Juden des Westens ein und deshalb sagen sie von sich: „Wir sind Deutsche, Franzosen, Engländer mosaischer Confession", und um die letzten Spuren der Rasse wegzuwischen, werden sie gar konfessionslos. Die besser situierten Juden des Ostens ahmen ihnen nach und behaupten, offenbar der Wahrheit ins Gesicht schlagend, von sich dasselbe; und wenn man sich nach den Aussagen dieser glückseligen Assimilationsmenschen richten sollte, so gibt es überhaupt keine Juden mehr auf der ganzen Welt, höchstens sechs bis sieben Millionen Bettler, die zufälligerweise den Sabbath statt des Sonntags feiern, den Sabbath, dessen Abschaffung die Reform-Rabbiner recht gern besorgen würden. Es sind Bettler, die zufälligerweise Jargon mauscheln, und die zufälligerweise der elementarsten Menschenrechte beraubt sind. Das sei übrigens kein so großes Unglück, da doch die Cultur Riesenfortschritte mache und die sociale Gerechtigkeit, wenn nicht heute, so doch ganz bestimmt morgen auf der ganzen Erdkugel hergestellt werden müsste . . . Zum großen Glück für die Juden des Ostens ist dieses Raisonnement ihrer westlichen Stammesgenossen ein schrecklich einseitiges. Was verschlagt es denn, dass die Juden des Westens, und in widerlicher Nachäffung ein Theil der Juden des Ostens, urbi et orbi verkünden, sie seien Deutsche, Franzosen, Polen, Russen mosaischer Confession, wenn ihre arischen Nachbarn ihnen höhnisch zurufen, dass sie solch einen semitisch arischen — Hermaphroditismus nicht anerkennen wollen? Was verschlägt denn, dass die Juden des Westens statt langer Kaftane und gekräuselter Schläsenlöckchen — schwarze Bärte tragen und weiße Manchetten und das reinste französische oder deutsche Idiom reden oder gar beim Zechgelage mit tiefer Inbrunst die „Wacht am Rhein" herunterjohlen — wenn das Kainszeichen der Rasse auf ihre Stirne eingegraben ist und ihre arischen Nachbarn sie auf Schritt und Tritt fühlen lassen, und zwar auf keine besonders zärtliche Art, dass sie Fremde sind, Eindringlinge, Schmarotzer am arischen Leibe, die entweder eliminiert oder unschädlich gemacht werden müssen? . . . Da hilft nichts! Ob die Juden des Westens wollen oder nicht, sie müssen an einem Strange mit ihren östlichen Stammesbrüdern ziehen; sie müssen es schon aus dem Grunde, weil die Juden des Ostens durch unausgesetzte Immigration ein so großes Quantum frischen Judenstoffes nach dem Westen hineinfiltrieren, dass eine Auflösung der Juden des Westens in der Staatsflüssigkeit ohne Rest, das heißt durch Taufe — fast zur Unmöglichkeit wird. Die „Peter Schlemihle" des Westens möchten wohl sammt und sonders ihren Schatten vom Osten nicht nur nicht suchen, sondern verlieren, sie können ihn aber nicht loswerden und das Judenvolk lebt und ist da, sowohl im Osten als auch im Westen. . . Hier muss ich übrigens eine Bemerkung einstechten, welche, meiner Ueberzeugung nach als bedeutendes Entlast u n g s m o m e n t für viele derjenigen Stammesgenoffen gelten kann, welche in der Assimilation die endgiltige Lösung der Judenfrage erblicken. Die Assimilationsbestrebungen sind nicht allein dem einfachen, thierischen Selbsterhaltungstriebe der Juden zuzuschreiben; das gilt bloß für die gewöhnlichen Durchschnittsmenschen, die im Leben überhaupt keine anderen Fragen als die Magenfrage kennen. Dieses Streben nach Assimilation hat noch einen anderen, einen viel tieferen und auch viel edleren Grund, der im jüdischen Volkscharakter. in dem stark ausgeprägten, intensiven Gemüths- und Gefühlsleben des jüdischen Volkes ruht. Es steckt etwas K o s mo p ol i t i s ch e s in diesem Volke, welches die Nächstenliebe, die Verbrüderung aller Menschen untereinander, als etwas Nothwendiges empfindet. Es ist derselbe ethische Zug, der sich bereits beim Propheten Jesaia in dem Satze ausspricht, es müsse eine Zeit kommen, wo Wolf und Schaf friedlich nebeneinander weilen werden. Es ist derselbe Zug, der sich in wunderbarer Weise bei Spinoza ausdrückt. Predigt er doch die unendliche Liebe aller untereinander, weil ja Gott und die Welt Eines sei und Gott sich selber liebe, wenn wir uns untereinander lieben. Deshalb auch sehen wir seit Ende des vorigen Jahrhunderts, seit Mendelssohn, die edelsten und besten Männer unseres Volkes an dieser Verbrüderungsarbeit thätig. Mit der ihrem Stamme eigenen Leidenschaftlichkeit, mit der ganzen Intensität ihres Gemüthes, mit Einsatz ihrer besten Kraft und ihres Herzblutes entäußern sie sich ihres eigenen Jchs zugunsten der Mitbürger, unter welchen sie leben. Und wenn sich der edle Mensch und warme jüdische Patriot Gabriel Rießer in den Vierziger-Jahren zu dem bemerkenswerten Ausspruch hinreißen ließ, dass, wenn man ihm in der einen Hand die Emancipation der Juden, in der anderen die Einheit Deutschlands darböte, er nach derjenigen Hand greisen würde, die ihm die Einheit Deutschlands gäbe, so kann man sich kaum eine größere Selbstverleugnung denken. Diese Selbstentäußerung nun setzen viele Männer noch jetzt fort, wo es doch schon an der Zeit wäre, die kalte Ueberlegung mehr denn das Herz zurathe zu ziehen. Denn offenbar legten und legen diese edlen Männer an die Ethik der arischen Völker denselben Maßstab an, den sie bloß an die besten der Arier und an sich selbst anlegen dürften, und unterschätzen hundertfach die religiösen Vorurtheile und den national en Eigendünkel der arischen Völker im allgemeinen. Diese Männer vergessen offenbar, dass in den breiten Volksschichten noch gar zu viel „Bestie" steckt, die sich durch die Zauberformel „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit" nicht austreiben lässt; sie vergessen, dass, wie mein seliger Freund Pinsker ganz richtig bemerkte, die Judophobie eine Psychose sei, dass sie als solche erblich und als eine durch Jahrtausende vererbte Krankheit auch unheilbar sei. Allerdings treten von Zeit zu Zeit lichte Momente in dieser ein, welche sowohl unsere glaubensseligen jüdischen Schwärmer als auch edeldenkende Arier in einen Sicherheitstraum einlullcn. der aber durch neue Tobsuchtsansälle umso schrecklicher unterbrochen wird. Und das muss ja so kommen. Denn wo Juden unter Ariern leben und Ansprüche machen, wie Menschen leben zu wollen, da tritt die Mesalliance offen zutage, eine unglückselige Ehe zwischen zwei Nationalitäten, die in ihrem ganzen Wesen, in ihrer ethischen Beanlagung, in ihrer Lebensanschauung voneinander verschieden sind. Durch die Staatsraison, durch constitutionelle Formen sind die Arier zwar gezwungen, mit den Semiten unter einem Dache lebend, den äußeren Anstand nicht zu verletzen; aber von Tisch und Bett sind und bleiben sie dennoch geschieden. Der stärkere Theil, welcher über die Gewalt verfügt, macht wohl reichlich von seinem Hausherrnrecht Gebrauch und wehe dem schwächeren Theil, wenn er irgend welche Ansprüche erhebt und im Namen der höheren Gerechtigkeit fordert, wo man gewöhnt ist, ihm zu schenken; und noch schlimmer gar, wenn der schwächere Theil es wagt, manch fetten Bissen dem Hausherrn vor der Nase wegzuschnappen. Da gibt's keinen Anstand mehr, da gibt's häusliche Scenen der widerlichsten Art. Einerseits, mit der Muttermilch

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