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Die Welt · 1898-01-01 · 35 (2.9.1898) · p. None

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
35 (2.9.1898)
Article
Rede des Herrn Dr. Max Mandelstamm
Date
1898-01-01
Page
None (sequence 1)
Language
German
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rilnjf?u K. 35 i>n.Mell". Rede des Herrn Dr. Max Mandelftamm. Hochverehrte Versammlung! Im April laufenden Jahres wurde ich von den Delegierten der Vorconferenz, die in Wien tagte, mit dem ehrenvollen Auftrag betraut, eine Enquete überdie verschiedenen Strömungen innerhalb des Zionistenlagers und des Lagers der Chowewe-Zion-Vereine, der „Zionssreunde" anzustellen, aus den divergierenden Anschauungen das Facit zu ziehen und, wenn möglich, in allgemeinen Umrissen den Weg anzudeuten, auf dem wir gemeinschaftlich vorgehen könnten, damit wir dem großen Ziele, das wir uns gesteckt, näher kommen. Es sind bei mir 7 Referate sowohl von Zionisten als auch von Zionssreunden eingelausen, eines aus Frankreich, 2 aus Deutschland, 2 aus Oesterreich und 2 au§ Russland. Ich habe mich nach bestem Wissen und Gewissen bemüht, die verschiedenen Richtungen zu prüfen, womöglich principielle Unterschiede zu erspähen und muss zu meiner großen Genugthuung erklären, dass ich im Zionistenlaqer selbst keine irgendwie nennenswerten Meinungsdifferenzen wahrnehmen konnte, sod'ass mir dadurch meine Arbeit bedeutend erleichtert wurde und ich, bevor ich der hochverehrten Versammlung unser Programm vorlege, mich nur mit den uns absolut feindlich gesinnten Richtungen werde auseinanderzusetzen haben, während ich die Chowewe-Zion-Vereine, die sogenannten praktischen Zionisten, als unsere Gegner aufzufassen von unserem Standpunkt aus nicht die geringste Veranlassung finden kann. Ich muss die hochverehrte Versammlung um illachsicht bitten, wenn ich als ein in der Praxis ergrauter Arzt, mithin im engem Gesichtskreise eines Arztes befangen, das Problem, welches ich lösen soll, vom ärztlichen Standpunkte auffasse. Ich betrachte nun das Judenvolk als einen durch und durch kranken Organismus, zu dessen Heilung wir hier in einem so überaus zahlreichen Consilium zusammengetreten sind. Die Pathologie dieses kranken Körpers ist durch die scharfsinnigen, klaren Ausführungen eines anderen Arztes, des Dr. Mar Nord au, im vorigen Jahre sowohl als auch in diesem, mit der größten Präcision dargelegt worden. Es handelt sich offenbar um ein Siechthum, einen chronischen Marasmus, dem das Gros des Judenvolkes verfallen ist. Aus Mangel an Licht, frischer Luft, die ihm böswillig vergiftet wird, und an guter Kost. Es scheint hier nicht sowohl ein organisches als vielmehr ein functionelles Leiden vorzuliegen, welches durch eine methodische, energische, zweckbewusste Behandlung vielleicht noch behoben werden könnte. Dafür spricht der Umstand, dass das Judenvolk trotz zweitaufendjähriger Diaspora nicht zugrunde gegangen ist und noch lebt. Und so wird es meine Aufgabe sein erstens, nachzuweisen, dass die Heilmethoden, die bis nun angewendet worden, keine rationellen gewesen, vielmehr an die Euren der Empiriker der guten alten Zeit erinnern, die in Ermangelung einer richtigen Diagnose gegen einzelne Symptome und Symptömchen loszusteuern, anstatt das Uebel an der Wurzel zu fassen pflegten. Ich meine die Euren der Assimilation und Taufe. Und zweitens wird es meine Aufgabe sein, den Beweis zu erbringen, dass die Heilmethode, die wir Zionisten vorschlagen, das Gute für sich hat, dass sie auf rationeller Basis, auf Experiment und zweitausendjähriger Beobachtung beruht, und daher, wenn energisch und consequent durchgeführt, zur Gesundung unseres Volkes auch führen muss und wird. Der Skarus praesens, der wahre Sachverhalt ist nun folgender: von den neun bis zehn Millionen Juden, die auf dem weiten Erdenrund zerstreut sind, wohnen circa sieben Millionen in Russland, Rumänien, Oesterreich. Obzwar durch Grenzpfähle von einander getrennt, bilden sie dennoch innerhalb dieses Territoriums eine Bevölkerungsmasse, welche alle Attribute, alle Merkmale einer einzigen Nation an sich trägt. Vor allem haben sie eine gemeinsame Religion, an der die allermeisten mit alter Zähigkeit und Treue hangen: sie sprechen fast alle eine gemeinsame Umgangssprache — den Jargon — eine Art semitischen Volapüks, eine Mundart, die in epigrammatischer Kürze den Geist und den Charakter dieses Volkes treffend wiedergibt: und dann haben sie noch eine gemeinsame Schriftsprache, die althebräische, welche Hunderttausende lesen und schreiben, in welcher alle ohne Ausnahme beten und welche eine enorme Literatur aufzuweisen hat. Sie leben endlich alle in einem gemeinsamen G o l u s, oder, um medicinisch zu reden, sie sind allesammt durch eine gleichförmige B i n d e s u b st a n z — durch Verfolgungen und Leiden jeglicher Art — fest miteinander verkittet. Sie haben durch Jahrhunderte eine gemeinsame V e rgangenheit durchlebt — im Ghetto: sie haben eine gemeinschaftliche Gegenwart —im Ghetto und eine gemeinsame Zu kun ft erwartet sie — eine totale körperliche, moralische und geistige Degeneration, falls nicht irgendwie Wandel geschaffen werden sollte... Es wäre mithin ganz widersinnig, von diesen Juden des Ostens behaupten zu wollen, dass sie bloß eine „Glaubensgenossenschaft" bilden und nicht vielmehr eine Nation.. Wer unter ihnen längere Zeit gelebt hat, wird wohl zugeben müssen, dass das nationale Bewusstsein dieser Juden des Ostens, wenn auch latent, wenn auch lethargisch gebunden, dennoch ein sehr intensives ist, und es bedurfte nur eines warmen Sonnenstrahles, um in Hellen Flammen aufzulodern. Dieser erdrückenden Mehrheit gegenüber steht eine Minderheit w e st e u r o p ä i s ch e r Juden, hauptsächlich in Deutschland, dann in Frankreich, England, Holland, Italien, denen man bei oberflächlicher Betrachtung es kaum ansehen kann, dass sie außer den religiösen Glaubenssatzungen noch etwas Gemeinschaftliches mit ihren östlichen Stammesgenossen haben sollten. Diese Minderheit ist culturell hochentwickelt, wetteifert auf allen Gebieten der Kunst und Wissenschaft, des Handels und der Industrie mit ihren arischen Nachbarn, spricht und schreibt die Landessprache in größter Vollendung, hat die Sitten und Gebräuche ihrer Umgebung ganz ausgenommen und trägt sie gar oft mit besonderer Ostentation zur Schau. . . Dazu kommt noch der Umstand, dass diese Minderheit d e j ur e aller Rechte theilhaftig ist, die constitutionelle Staaten ihren Bürgern gewähren, sodass die Magen-

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