Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 34 (26.8.1898)
- Article
- Talmud Ketzuba 110 b
- Date
- 1898-08-26
- Page
- 14 (sequence 3)
- Language
- German
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jpicgnfcr Nr. 34 oft, wegen dieser „unglückseligen Idee". Er setzte sich ans den angeboteuen Stuhl, dann schloß er die Augen, wie einer, der in's kalte Wasser springen will. „Ich muss Euch mittheileu, dass wir nach Palästina auswandern." Es war geschehen, und siehe da, es war fürchterlich. Papa schwieg, erstarrt in Schreck und Indignation. Mama schrie „Gott der Gerechte". Adele aber rief schnippisch : So w i r, das heißt doch Du allein, denn ich, ich gehe nicht in dies wüste Land, so verrückt bin ich doch nicht. Sie kam ihm schnippisch, während er auf Thräucu gefasst war, schön, das enthebt ihn ja jeder Rücksicht. „Ich mache Dich aufmerksam," erwiderte er kühl, „dass dies ein Scheidungsgrund ist." Adele fuhr auf und starrte ihm ganz verständnislos ins Gesicht. Er aber setzte siegreich ein Wort nach dem andere». „Ja, ein Scheidungsgrund, Papa wird so gütig sein, dies zu bestätigen," und als ob er gewohnt wäre, täglich im Talmud zu forschen, fuhr er fort: „Im Talmud Keßuba 110 b heißt es ausdrücklich: „Wenn der Ehegatte nach dem gelobten Laude auswandern will und die Frau sich weigert, so ist dies ein Scheidungsgrund." Adele wendete sich an ihren Vater: „Papa, steht das wirklich im Talmud?" Papa konnte cs nicht leugnen. „Aber Papa, dann ist cs doch eine gottgefällige Handlung, hinzugehen, und wenn die Strafe der Scheidung —". Plötzlich wendete sie sich gegen Robert. „Und Du willst wirklich gehen, ohne mich gehen. Du, Du drohst mir mit der Scheidung. Gut. so soll Dein Wille geschehen, scheiden wir uns ja so rasch als möglich, gleich. Kinder haben wir so nicht." — Nun war auch die Thränenflut da und Robert fühlte ein beengendes Gefühl in der Herzgegend. „Siehst Du", stotterte er, „eigentlich will ich nur nach Basel, aber da jetzt Palästina abgesperrt ist, so meint der Herr Fischhof, dass auch Basel — ein Scheidungsgrund —" Oh, das garstige Basel, nun geht sie erst recht nicht und weuu er geht, dann, dann lässt sie sich scheiden, und scheiden lässt sie sich überhaupt. Dann fallt sie der behäbigen Mama in die Arme und schluchzt zum Herzbrechen. Der Herr Rabbiner suchte sie zu beruhigen. Ter Zionismus war ihm zwar sehr unsympathisch, aber doch nur, weil er jede Aufregung, jedes Aufsehen vermeiden wollte, weil er die Ruhe vor allem liebte. Er zog den Frieden in der Gemeinde allen anderen Pflichten vor, man sollte sehen, dass die Juden sich fügen und in Ruhe leben, wie die anderen. Und nun sollte sein Haus — seine Adele — zwar die Drohung mit der Scheidung schreckte ihn nicht — aber auch ein Streit zwischen dem jungen Paare — und alle Leute kannten den Zwiespalt. Jetzt hieß es, die rabbinische Autorität retten — und nachgeben. ' . „Du weißt ja, wie es heißt, mein Kind", sprach er mit klangvoller Stimme. „Du sollst Vater und Mutter verlaßen und dem Manne Deiner Wabl folgen, es bedarf also eigentlich keiner Drohung, es ist Pflicht, dass Du — nach Basel fährst, wenn Dein Mann — Denn schließlich, soviel auch dagegen zu sagen ist, und so sehr ich als Patriot und Jude darunter leide, eine Sünde ist der Zionismus nicht." „Also geh mein Sohn", wandte er sich zu Robert, „geh nach Basel — die Herren scheinen Aerzte zu brauchen", fügte er mit einem Anflug von Malice binzu. Aber der Schwiegersohn blieb ihm nichts schuldig. „Ja, Papa, Israel ist schwer leidend, Ihr Herren Rabbinen könnt ihm höchstens einen Krankenbesuch abstatten — helfen aber — helfen wollen wir dem Patienten!" * Bus den Briefen des CspiKn Dreyfns.' (Schluss.) Wenn es sich nur darum handelte, zu leiden, so wäre das nichts. Aber es handelt sich um die Ehre meines Namens, um das Leben unserer Kinder. Und ich will nicht, hörst Du, ich will nicht, dass unsere Kinder jemals gesenkten Hauptes einhergehen sollen. Voll und ganz .muss Licht geschaffen werden in dieser tragischen Angelegenheit. Nichts darf Dich infolgedessen znrückschrecken, nichts Dich ermüden; alle Pforten öffnen sich, alle Herzen schlagen einer Mutter entgegen, welche nichts verlangt als die Wahrheit, damit ihre Kinder leben können. Es ist wie aus dem Grabe, dass ich Dir diese Worte sage, nur damit lässt sich meine Lage vergleichen, mein Schmerz ist größer, als -dass ihn ein Herz ertragen könnte . . . Ich habe Augenblicke schrecklicher Verzweiflung. Das ist wahr; diese ganze Hülle von Infamie, die ich für einen Elenden zu ttagen habe, brennt mir in meinem Gesichte, zermalmt mein Herz. Alles, mein ganzes Sein empört sich gegen eine moralische Lage, die so sehr dem widerspricht, was ich bin . . . Wie ich Dir so oft gesagt habe, hast Du nichts zu verlangen, als die Erforschung der Wahrheit. Du wirst sicher unter den Leitern der Angelegenheiten unseres Landes Leute von Herz finden, die erschüttert sind von diesem ungeheuren Leid einer Gattin und Mutter, die dieses-schreckliche Martyrium eines Soldaten verstehen werden, für den die Ehre alles ist. Und ich kan n es nicht glauben, dass man nicht alles aufbietet, um Dich in Deinem Stteben zu unterstützen, Licht zu schaffen, den oder die Elenden zu entlarven, die unwürdig jedes Mitleids sind, die einen so schrecklichen Frevel begangen haben. Diesen Zweck musst Du anstreben durch jedes mögliche Mittel. Es darf auch nicht ein einziger Franzose übrig bleiben, der an meiner Ehre zweifelt ... Du wirst mir verzeihen, wenn ich manchmal meine Gedanken in etwas allzulebhafter Weise vorgebracht habe. Aber, was willst Du? Wenn ich meine Pflicht thue, wenn ich sie ganz erfülle, ohne zu wanken, so zieht sich doch mein Herz schmerzlich zusammen, blutet es doch unter dieser infamen und unverdienten Lage; und Dein Schmerz ist nicht mir der meine, der unserige, sondern auch der aller jener, welche ich liebe. Und dann, sage Dir doch selbst, dass ich mich beherrschen muss, Tag und Nacht, ohne einen Augenblick der Rast, dass ich nie den Mund zu einer Klage öffne, dass ich keinen Moment der Erschöpfung haben darf. Aber dann, wenn ich Dir schreibe, dann kommt mir alles das, was in mir nach Gerechtigkeit und Wahrheit schreit, trotz alledem in die Feder ... Ich kann Dich nicht einmal trösten, meine liebe Lucie. Weder für Dich noch für mich gibt es einen Trost in einem solchen Unglück: aber Dein Gewiffen, das- Gefühl der großen Pflichten, die Du zu erfüllen hast, müffen Dir unbesiegbare Kräfte verleihen. Und dann, wenn der Tag der Gerechtigkeit für uns leuchten wird, werden wir unseren Trost in unserer tiefen Liebe finden . . . Muth, Muth! Oh, leiden zu müffen in jeder Weise, ich weiß, was das heißt, ich schwöre es Dir. Während dieser ganzen Zeit ist mein Herz eine Wunde, die jeden Tag, jede Stunde blutet, die nicht eher vernarben können wird, als bis ich erfahren werde, dass meine Unschuld erkannt worden ist. Weißt Du, manchmal wird der Geist stumpf und verwirrt, wenn man sieht, dass in unserem Jahrhunderte solche Jrrthümer Vorkommen, dass sie eine so lange Zeit bestehen können, ohne dass man sie anfklärt . . . Manchmal bin ich so ermattet, so angeekclt, dass ich einem Soldaten gleiche, der durch langwährende Strapazen erschöpft, sich an dem Rande eines Grabens hinstreckt und lieber dort sein Leben endet. Aber meine Seele erweckt mich wieder, meine Pflicht richtet mich wieder auf, mein ganzes *) Lettres (Tun innocent. P.-W Stock, Editeur. Paris 1898.