Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 34 (26.8.1898)
- Article
- Talmud Ketzuba 110 b
- Date
- 1898-08-26
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 84 j*Owar »Ich weiß schon", rief der alte Herr in komischem Entsetzen, »jetzt kommt die innere Judennoth, dann die von die armen Juden in Polen und Russland — und dann Palästina." »Ja", rief Fritz begeistert, ,,Palä . . Der Vater hielt ihm den Mund zu. „Vorläufig gehts Ihr doch noch nicht hin." »Nein Papa, nein, vorläufig gehen wir nur nach Basel." »Und der Herr Papa muss die Spesen zahlen." „Papa, wirklich, Du willst —" Nein, eigentlich wollte er nicht, aber das strahlende Gesicht seines Jungen wollte er nicht trüben, die aufrichtige Begeisterung nicht erdrücken. „Nu, schließlich bester ich geb das Geld für jüdische Brüder, als für — sagen wir — den Doctor." Fritz eilte, nachdem er sich herzlichst bedankt hatte, davon, um seinem Freunde, Dr. Graf, zu erzählen, dass es chm möglich sein werde, sich zum Zionisten-Congress delegieren zu lasten. Da sie in Sternenthal das Recht hatten, drei Delegierte zu wählen, so wollten sie Fritz Friedenstein als Vertreter der Studenten, Dr. Graf, den Arzt, als Vertreter der älteren Zionisten und Reb Jostel Fischhof, den alten Rabbinats- Affessor, als Abgeordneten der orthodoxen Schekelzahler nach Basel schicken. Friedenstein hatte die Erlaubnis und das Reisegeld errungen; Reb Jostel Fischhof und Dr. Graf versuchten noch immer vergebens, von ihren Frauen einen Urlaub zu erlangen. Frau Golde Fischhof behauptete, dass ihr Mann die Reise gar nicht überleben würde, von wegen der Gicht, infolge mangelhafter Ernährung und auch wegen der großen Aufregung, in die er bei jeder Debatte gerathe. Nun, und solch ein Congress, lauter Juden, dies Geschrei — Na,-Gott soll behüten. Bei Dr. Graf aber war die Sache noch — complicierter: seine Frau stützte sich auf ihren Vater und dieser auf seine Autorität als Rabbiner. Sie wollte ihren Mann, ihren armen, abgeplagten Robert nicht bei dieser Hitze nach Basel fahren lasten — allein schon gar nicht. Beim Congress gibt es auch Damen. Nun, dann könnte sie ja mitfahren. Nein, das gienge nicht, denn Papa ist dagegen — Papa — Papa — Papa — jedes dritte Wort bei Adelen war Papa. ' Seine natürliche Autorität war durch die göttliche der heiligen Lehre, die er vertrat, zur Unerschütterlichkeit verhärtet. »Papa sagt, es ist ein politisches „Verbrechen", sagt der Herr Vorstand. Papa sagt, die Herren in Wien sollen die Juden nicht verrückt machen. Papa sagt, in Palästina ist es viel zu trocken, zu klein, zu — kurz — und dann ist die Idee ganz veraltet. Denn jetzt haben wir die Mission, die Welt zu erleuchten und zu belehren, die ganze Welt — und wer über Papa lacht, ist ein Bösewicht, der feine Adele gar nicht mehr lieb hat — Kurz,' Papa sagt, die ganze Bewegung sei gegen das jüdische Gesetz, gegen die Religion." Das erzählt Dr. Graf seinen frohlockenden Gesinnungsgenosten, halb lachend, halb ärgerlich, auf dem Wege in den Verein »Zion", wo die Wahl der Delegierten stattfinden sollte. Das Bereinslocal befand sich im Hofzimmer des „Cast- Wien". Schon im Thoreingang machte sich lautes Stimmengewirr hörbar, vor der Thüre standen die Studenten, mit farbigen Bändern und zionistischen Zeichen geschmückt. Im Zimmer saßen die älteren Männer, in eine erregte Debatte vertieft, die augenscheinlich von Reb Jostel Fischhof geleitet wurde. Denn er gesticulierte am heftigsten und sprach am eindringlichsten. Im Winkel gegenüber der Thüre saßen einige Frauen. »Ich hab's mitgemacht," erzählte eine Greisin, deren hellblickende Augen freudig strahlten, „plötzlich haben wir weg müsten aus Moskau; mein Bub' war damals noch ein Kind. Das können Sie sich nicht vorstellen, meine Damen, was das heißt, so mit einemmale herausgeristen werden aus Haus und Wirtschaft, mit einemmale! Heute eine angesehene Dame, gewöhnt an allen Comfort, und dann plötzlich kein Bett zu eigen. Wir waren Russen, Russen durch und durch, da mit einem Tage — aus, weg wie eine Landstreicherin, weil wir nach Meinung der anderen — doch keine Rüsten sind. Da Hab ich mir's geschworen, mein Kind soll einmal wissen, wo es hingehört, wo seine Heimat ist. Wir wollten nach Amerika. Da ist mein lieber Mann hie-' krank geworden und gestorben. So bin ich in Mähren geblieben. Aber seitdem ich von der Bewegung gehört habe, die den Juden eine feste Wohnstätte gründen will, die alte Heimat zurückerobern, da habe ich meinen Fedor ermahnt, sich anzuschließen. Und so oft er von Wien auf Ferien kommt, muss er mir vom Zionismus erzählen. Ich Hab' nur einen Wunsch, wenn ich sterbe, mein Haupt in die Erde der Heimat zu legen." Frau Golde Fischhof, des alten Rabbinats-Astessors Gattin, nahm ihr Sacktuch aus der Tasche und wischte sich die Augen. Es war nicht die Rührung über das Schicksal der Frau Gawrilowitsch, die ihr Thränen erpresste; ihr eigenes Los erschien ihr mit Recht beweinenswert. Ihr Mann, ihr Reb Jostel, ihr Rabbinats-Assessor, der Mann ihres Herzens und ihrer Sorge, den sie seit 42 Jahren in rührender Treue und Selbstaufopferung gepflegt hatte, wollte sich von ihr scheiden lasten, scheiden, trennen für immer! lind drüben am Tische erklärte er in seiner übertrieben heftigen Weise in übersprudelnder Rede, dass er ein Recht dazu habe, sich eventuell scheiden zu lasten. Der weiße Bart flog auf und nieder, die Brille ranzte von der Nase auf die Stirne und wieder zurück. Der Daumen der geballten rechten Hand bewegte sich lebhaft hin und her und immer wieder hörte man den einen Satz. »In Keßuba heißt es: Wenn der Mann auswandern will nach dem Heiligen Lande und die Frau geht nicht mit, darf der Man ihr ,,6et^ geben, er darf sich scheiden lassen. Nun is Basel zwar nicht erez jisrael, aber da das Heilige Lano noch nicht uns gehört, Gott sei's geklagt, und es von der gesetzlichen Regierung dorten, dem Sultan, der Allmächtige soll ihn leben lassen und seine Sinne zu uns lenken, verboten ist, einzuwandern, uns aber nicht erlaubt ist, gegen die Gesetze der Herrscher zu handeln, und wir aber jetzt in Basel berathen, wie wir mit Gottes Hilf' ins gelobte Land kommen sollen, ist Basel gleich zu achten erez jisrael, und wenn sie nicht mitgehen will, so —" . „Aber erlauben sie, Reb Jostel," meinte der Religiouslehrer, »die Stelle bezieht sich doch nur auf eine Auswanderung, auf ständige Veränderung des Wohnortes, während man doch von Basel wieder" — hier unterbrach der kleine Mann — »Wenn man bald zurückkommt, ist doch gar keine Unannehmlichkeit dabei, und ich kann allein nicht wegen meiner Gicht." Hier unterbrach Dr. Graf den greisen Eiferer. „Bitte, wo steht die Stellevon der Scheidung, wenn die Frau nicht nach Palästina auswandern will? »Im Talmud Keßuba 110 b. Tostafos sagt dort" — aber Dr. Graf ließ sich die Gelegenheit entgehen, zu hören, was die französischen Commentatoren, die Tossafisten, zu dieser Talmudstelle sagten, er verließ das Wahllocal und begab sich in die Wohnung seines Schwiegervaters, des Rabbiners Dr. Pollak, wo er seine Frau wusste. Die ganze Familie saß beim Jausenkaffee, verstimmt und doch friedlich. Er aber kam diesen Frieden zu stören. Noch eine Minute und das freundliche Gesicht des Schwiegervaters wird sich falten, die behäbige Mama wird die Hände ringen und Adele — ach, Adelchen wird weinen, weinen, wie schon so