Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 34 (26.8.1898)
- Article
- Talmud Ketzuba 110 b
- Date
- 1898-08-26
- Page
- 15 (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 34 Seite 15 Sein spannt sich in einer äußersten Anstrengung an, denn ich will mich noch mit Dir und meinen Kindern zusammensehen an dem Tage, an dem mir .meine Ehre wiedergegeben wird. Das ist der wahrhafte Todeskampf, der sich jeden Tag erneuert, eine Höllenstrafe, ebenso furchtbar, als unverdient. Wenn ich Dir das alles sage, wenn ich Dich manchmal, wenn auch nur flüchtig, sehen ließ, wie entsetzlich mein Leben ist, wie diese Lage der Ehrlosigkeit mein ganzes Sein zerbröckelt, mein Herz revoltiert, so geschieht es nicht, um zu klagen, sondern um Dir nochmals zu sagen, dass, wenn ich bisher gelebt habe, wenn ich weiter leben werde, es nur deshalb ist, weil ich meine Ehre verlange, meine, Deine, die unserer Kinder ... Du hast das Recht, überall erhobenen Hauptes hinzntreten, denn was Du in Anspruch nehmen willst, ist nicht Gunst oder Gnade, nicht einmal moralische Ueberzeugnngeu, so gerecht sie sein mögen, sondern die Erforschung, die Entdeckung der Elenden, welche dieses infame und feige Verbrechen begangen haben. Die Regierung hat alle Mittel dazu.... Meine Tage, meine Stunden fließen eintönig dahin in der quälenden entnervenden Erwartung der Entdeckung der Wahrheit, der Entdeckung des Elenden, der dieses infame Verbrechen begangen hat.... Oh, ich habe schreckliche Augenblicke zu durchleben, in denen mein Herz die Verwundungen schier nicht mehr erträgt, welche eine schon so tiefe Verletzung immer wieder auffrischen; ich habe Augenblicke, in denen mein Hirn sich krümmt unter der Wucht meiner so traurigen, so trügerischen Gedanken. Wenn ich die Correspondenz nach einer langen, bangen Zeit der Erwartung erhalte, weim ich noch immer keine Nachricht von der Entdeckung der Wahrheit, von der Erforschung des Urhebers dieses niederträchtigen, feigen Frevels bekomme, oh, dann durchlebe ich eine mich tief erschütternde Enttäuschung. Mein Herz blutet, es bricht fast unter der Last so großer, so langdauernder, so unverdienter Schmerzen.... Meine theure Lucie, Du verlangst von mir, ich möge mit Ruhe den Tag erwarten, an dem Du mir die Aufdeckung der Wahrheit wirst mittheilen können. Verlange von mir, ich nivge .warten, solange ich können werde. Aber mit Ruhe! Oh, das nicht! Wenn man mir, einem Lebenoen, das Herz aus der Brust reißt, wenn mau mich in meinem theuersten Gute trifft, in Dir, in meinen Kindern! Wenn mein Herz Tag und Nacht in Schmerzen aufschreit, ohne eine Minute der Ruhe, wenn ich unter einem fo furchtbaren Alpdrücke dahinlebe.... In den laugen, qualvollen brächten, unter der Schwere meines Martyriums stöhnend, habe ich mir oft gesagt: Oh, wie hätte ich bereits das Räthsel dieses schrecklichen Dramas durch welches Mittel immer herausbekommen, und hätte ich selbst schließlich den elenden Missethätern dieses feigen Verbrechens, wenn sie auch noch so schwer zu fassen wären, das Messer an die Kehle setzen müssen. Und noch öfter habe ich anfgeschrien: Gibt es denn keinen Mann von soviel Herz, Seele und Geschicklichkeit, ihnen die Wahrheit zu entreißen, uni endlich das schreckliche Martyrium von einem Manne und zwei Familien zu nehmen? Ach, ich weiß, das sind nur die Träume eines Mannes, der furchtbar leidet; aber was willst Du, es ist zu schrecklich, zu grässlich! Das verwirrt meinen Verstand, das bringt meinen Glauben an Loyalität und Redlichkeit ins Wanken. Es gibt doch ein Gesetz der Moral, das Alles bezwingt, Leidenschaften und Hass! Es ist das, welches überall und immer die Wahrheit will.... Niemals, niemals, niemals — das ist ein Schrei ans der Tiefe meiner Seele— niemals fügt man sich in die Ehrlosigkeit, wenn man sie nicht verdient.... Mein Schmerz ist manchmal so groß, dass ich mir die Haut vom Körper reißen möchte, um in einem physischen- Schmerze das allzu heftige moralische Leiden zu vergessen .... Oh, ich möchte mit meinem Blute schreiben, vielleicht würde ich mich dann bester ausdrücken.... Das einzige Ende aller unserer Martern ist die Enthüllung der Wahrheit. Wenn ich trotz meines Körpers, trotz meines Herzens, trotz meines Hirnes noch immer lebe und gegen das alles mit einer wilden Energie kämpfe, so geschieht das, weil ich ruhig sterben möchte, mit dem Bewusstsein, dass ich meinen Kindern einen fleckenlosen geehrten Namen zurücklaste. mit dem Bewusstsein, dass Du glücklich bist.... Die Regierung allein besitzt die ausreichenden mächtigen Mittel zur Erforschung, sie hat genug entscheidende, wenn sie nicht will, dass ein Franzose, der von seinem Vaterlande nichts verlangt als die Gerechtigkeit, das volle Licht, die ganze Wahrheit in diesem unseligen Trauerspiele — der nur noch Eines im Leben zu verlangen hat, Tür seine Kinder noch den Tag zu sehen, an dem ihnen ihre Ehre zurückgegeben wird — wenn sie nicht will, dass ein Franzose diesen zerschmetternden Vcrhältnisten erliege wegen eines erbärmlichen Verbrechens, das er nicht begangen.. Ich, habe die tiefste Ueberzeugung, dass Du die Männer finden wirst, dass man den, Schrei nach einer Berufung von Seite eines Franzosen nicht zurückweisen wird, den Appell eines Vaters, der von seinem Vaterlande nichts verlangt als die Entdeckung der Wahrheit, die Ehre seines Namens, das Leben seiner Kinder.... Gerechtigkeit und Wahrheit müsst ihr fordern, bis es ganz hell geworden ist, für ganz Frankreich. Es m u s s sein, ob bei meinen Lebzeiten oder nach meinem Tode, denn wie Bankos Geist werde ich aus dem Grabe steigen, um Euch immer und immer mit meiner ganzen Seele zuzurufen: „Muth, Much, um mein Vaterland, das mich so furchtbar straft, das mich opfert, daran zu mahnen, dass es eine Pflicht zu erfüllen hat, dass es volles Licht in dieser tragischen Sache schaffen muss, dass es diesen entsetzlichen Jrrthum, der bereits so lange dauert, wieder gut machen muss.... W Dir Goldsitzilds. Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wrede. (1 . Fortsetzung.) Das war der erste Schritt. Diese erste, oft nur aus kindischem Uebermuth contrahierte Schuld, zog immer höhere Beträge und zwar zu immer härteren Bedingungen nach sich. Auf diese Weise hatte dieser eine Mann bereits einige hundert Existenzen vernichtet, ohne dabei selbst ein Vermögen erworben zu haben. Ter Lömenantheil des Gewinnstes fiel eben immer seinen kapitalkräftigen Hintermännern zu, während er selbst sich mit einer Provision begnügen musste. Der rührige Agent hatte aber noch eine zweite Specialität und das war — die Vermittelung von Heiraten. In der jüdischen Geschichte spielt der „Schadchen" eine keineswegs zu unterschätzende Rolle. Eine strenge Gesetzgebung untersagte von altersher die Ehe mit Töchtern aus den benachbarten Volksstämmen. Anderseits aber war es nöthig, um die Familie vor den schädlichen Folgen allzu oft wiederholter Verwandtschaft möglichst zu bewahren, die Bräute aus den entferntesten Gemeinden zu wählen. Der Ehevermittler war daher ein naheliegendes Auskunftsmittel. Auch darf man bei der Beurtheilung nicht vergessen, dass die jüdische Religion in der Ehe nur einen Vertrag erkennt, der obendrein zumeist zwischen den Eltern der jungen Leute abgeschlossen wird. Herr Isidor Gelb aber hatte sich diese an und für sich wohlthätige und nützliche Institution recht eigenmächtig zum eigenen Vortheile eingerichtet. Traf ein junger Herr mit klingendem Namen in Wien ein, gleich pochte der rührige Agent an seine Thüre und erklärte dem erstaunten Jüngling, eine durch großen Reichthum bekannte Familie habe ihn beauftragt, einen Gatten ftir die Tochter zu suchen. Eine Karte oder ein nichtssagender Geschäftsbrief diente als Beglaubigungsschreiben. Natürlich gelang es höchst selten, einen Ehebund auf diese Weise zustande zu bringen. Aber die Fälle des Gelingens waren auch die am wenigsten einträgliche Seite des Geschäftes. Die Falle war ganz anders gestellt.