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Die Welt · 1898-07-22 · 29 (22.7.1898) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
29 (22.7.1898)
Article
Die Übervölkerungsfrage im Lande Israel
Date
1898-07-22
Page
4 (sequence 3)
Language
German
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Seite 4 Nr. 29 Arten, wie man fälschlich oft meint, weil man die Generationsgesetze außeracht lässt. Was den niedrigeren, unentwickelteren, schwächeren, kleingewachseneren Arten und Gattungen an Kraft und Leistungsfähigkeit fehlt, das ersetzen sie durch ihre Fruchtbarkeit und Zahl. In der That, es stünde schlimm um die höheren, stärkeren, großgewachsenen Arten und Gattungen, wenn es mit den anderen sich nicht so verhielte. Denn wenn die höheren und stärkeren Arten und Gattungen nur auf Kosten der niedrigeren, schwächeren und kleineren leben, wovon würden sie sich schließlich nähren, wenn die Vermehrungsfähigkeit bei den höheren Arten so groß wäre, wie bei den niedrigeren und kleineren? Der Kampf ums Dasein führt also keineswegs immer und nothwendig zur Ausrottung der schwächeren und kleineren Arten und Gattungen, so dass nur die größeren und stärkeren überlebten, weil bei jenen die Vermehrung umso stärker ist. Die Zahl der verschwundenen und ausgerotteten höheren und stärkeren Thierarten ist mindestens ebenso groß als die der ausgestorbenen niederen und schwächeren. Also das Gesetz des Ueberlebens des. Stärkeren gilt nur von den Individuen, nicht von den Gattungen, weil es hier durch die Gesetze der Fortpflanzung aufgehoben wird. Die Natur schützt sich gleichsam selbst vor dem Untergang einer Gattung, so niedrig sie ist, weil im Haushalt der Natur jede Gattung ihre Stelle hat und wertvoll fürs ganze ist. Freilich werden die Individuen einer Gattung durch große Vermehrung und starke Fortpflanzung nicht stärker und vollkommener; aber die Natur vervollkommnet überhaupt keine bestehende Gattung, sie will nur die bestehenden, so wie sie sind, erhalten. Bei der Menschengattung liegt die Sache nun aber noch etwas anders. Der Mensch und sein Geschlecht kann sich selbst vervollkommnen oder verderben. Sein Leben und seine Existenzweise liegt in seiner Hand. Thiere können sich s e l b st weder persectionieren und meliorisieren, noch depravieren und degenerieren. Nur wenn sie nicht mehr die nothwendigen Lebensbedingungen finden, sterben sie aus. Während die Lebensbedingungen der Thiere eng begrenzt sind, und sie besonders hinsichtlich ihrer Ernährung meist auf ganz bestimmte Gegenstände und Stoffe angewiesen sind, die einen Gattungen auf diese, die anderen Gattungen auf jene Pflanzenarten oder Thierarten, so verfügt der Mensch und besonders der Culturmensch über eine außerordentlich mannigfaltige Ernährtlngsweise; er lebt von allen möglichen Pflanzen, Früchten, Thieren in den mannigfclltigsten Combinationen der Stoffe. Durch kräftige Nahrung, naturgemäße Lebensweise, normalen.Gebrauch seiner physischen Kräfte erhält der Mensch nicht nur seinem Geschlechte die natürliche normale Größe und Krast des Körpers, sondern auch, wenn er selbst durch ungünstige Umstände im Wachsthum gehemmt, das normale Menschenmaß nicht erreichte, können doch unter günstigeren Lebensverhältnissen seine Kinder es wieder erreichen, wenn es auch nur in Ausnahmsfällen gelingen wird, das normale Menschenmaß zu überschreiten, und ein ganzes Geschlecht von Uebermenschen zu züchten, vergeblich sein dürfte. .Umgekehrt, schlechte Nahrung, unzweckmäßige Lebensweise, Missbrauch der physischen Kräfte, sei es durch Ueberanstrengung, sei es durch Jmmoralität, depravieren das Individuum und degenerieren sein Geschlecht, so dass eine an Wuchs kleine und schwächliche, schmächtige und kränkliche Nachkommenschaft entsteht, besonders wenn Armut und Elend, Ueberanstrengung oder Jmmoralität sich durch mehrere Generationen hindurchziehen. Aber es ist eine Thatsache, dass solche kleinwüchsige, schwächliche, zurückgebliebene oder zurückgesunkene Geschlechter und Familien sich umso rascher und zahlreicher vermehren, wie Ratten und Mäuse. Auch hier zeigt sich das wunderbare Gesetz der Natur, auch dem Kleinen und Schwachen Dauer zu verleihen durch umso größere Vermehrung. Es ist Sache des Physiologen, den Ursachen dieser Erscheinung nachzuspüren. Wir können sie nicht erklären; protestieren aber dagegen, dass man deswegen die Thatsache verleugne. So wenig die Physiologie bisher erklärt hat, warum gewöhnlich die Kuh nur eine zu befruchtende Eizelle im Vorrath hat, die Katze aber gleich ein halbes Dutzend, so wenig wird sie dahinter kommen, warum schwächliche, zarte, abgearbeitete, mit Mangel und Noch ihr Leben lang kämpfende Frauen trotzdem mehr Kinder gebären, als große, starke, robuste Frauen. Je schwächlicher auch ein Volk ist, umso mehr überwiegen die weiblichen Geburten, als ob die Natur die schwächliche, dem Kamps ums Dasein immer weniger gewachsene Rasse, durch Vermehrung der Gebärsähigen schützen wolle. Armut und Elend machen also keineswegs steril, sondern vielmehr generationssähiger, wenn auch die Qualität der Geborenen immer minderwertiger wird. Es dürfte also ein Jrrthum sein,' wenn man glaubt, Armut und sociales Elend hätten ihre Wurzel in der Uebervölkerung und seien Wirkungen derselben, vielmehr je größer Armut und Elend werden, umso rapider schwillt das Proletariat an und mehren sich die Geburten. Dagegen je allgemeiner der Wohlstand sich gleichmäßig unter einem Volk verbreitet und zunimmt, je wohlgenährter die arbeitende Clasie ist und je robuster besonders ihre Frauen sind bei mäßiger Arbeit, umso kräftiger und größer, muskulöser und stärker sind die Nachkommen, umso mehr halten sich die Geschlechter die Wagschale, umso später tritt bei der Jugend die Geschlechtsreife ein, umso mäßiger sind die Begierden, umso kleiner die Zahl der Geburten, umso willkommener jedes Neugeborene. Je mehr ein Geschlecht, ein Volk, eine Rasse qualitativ sich verbessert, erhöht und vervollkommnet, umso weniger wird die Natur zu übermäßiger Production genöthigt und umso langsamer und spärlicher pflanzen sie sich fort. Dagegen das Kleine, Schwache, Unvollkommene zeugt und gebärt ohne Unterlass. So also hält die Natur selbst Auslese, aber nach ganz anderen Principien, als die meisten meinen. Das Große, Starke, Tüchtige, Voll kommene pflanzt sich spärlicher fort und hat allezeit weniger seinesgleichen, je vollkommener und gottähnlicher es ist, denn gerade die Gottheit ist auch das absolute Einzelwesen eben durch ihre absolute Vollkommenheit. Um also Uebervölkerung und allzu zahlreiche Geburten zu verhüten, gibt es kein anderes Mittel, als die Verbesserung der materiellen und ökonomischen Lage der arbeitenden Classen. Je mehr der Noth und dem Elend gesteuert wird, umso mehr Quellen der übermäßigen Generation werden verstopft. Dies ist das einzige, naturgemäße und zugleich die Wohlfahrt aller befördernde Mittel, durch welches weder künstlich, noch naturwidrig, noch unsittlich ins Leben der einzelnen und der Familien eingegriffen wird, es ist das einzige Mittel, welches den Naturgesetzen der Production und Generation der organischen Wesen entspricht. Auch die Vermehrung des jüdischen Volkes geschah bisher genau nach diesen Naturgesetzen. Unter dem Druck derNoch und des Elends in Mizraim und dem Golus hat es sich allzeit rapid vermehrt, das sehen wir heule noch in den Westprovinzen Russlands und anderswo. Die besser situierten Juden der östlichen Länder sind auch kräftiger, muskulöser, größer und bei ihnen zeigt sich kein bedemender Ueberschuss der Geburten über die Sterbesälle; auch die allzufrühen Heiraten finden nicht statt; die Kinderzahl der Familien ist mäßig. Ja die deutschen Juden weisen fast schon ein Manko auf gegenüber den nationalen Deutschen bezüglich der Geburten, well es in Deutschland kein jüdisches Proletariat gibt. Wenn das jüdische Volk, dieses eigenthümlichste Volk

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