Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 29 (22.7.1898)
- Article
- Die Übervölkerungsfrage im Lande Israel
- Date
- 1898-07-22
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr 29 viel zu klein sei, um auch nur alle die Juden aufnehmen zu können, welche gegenwärtig unter dem Druck der Verfolgung leiden und am willigsten zur Auswanderung wären. Es sei eine große Frage, ob Palästina nicht bald an Uebervölkerung leiden würde, wenn es auch nur so vielen Juden eine Heimat bieten sollte, als jetzt in Russland leben oder vegetieren. Es ist selbstverständlich, dass, wenn jetzt alle Juden Russlands, Galiziens und Rumäniens, denen eine Besserung ihrer Lage wünschenswert wäre, aus einmal nach Palästina auswandern würden, das Land solche Masseneinwan - derung nicht ertragen könnte, auch wenn diese Einwanderung erwerbsfähig und zum Ackerbaue geeignet wäre. Kein Land kann die gleichzeitige Einwanderung von Millionen neuer Ansiedler ertragen. Darum handelt es sich aber ja auch nicht. Die Frage ist, ob bei einer allmählichen Besiedelung des Landes für ein so lebenskräftiges Volk, wie es die Juden sind, in absehbarer Zeit nicht doch Uebervölkerung eintreten würde. Das scheint nicht nur vermeint werden zu können, sondern es dürfte vielleicht in Palästina' zum erstenmal der Versuch gemacht werden, dieses schwere Problem, wie kann einer Uebervölkerung vorgebeugt werden, auf rationelle und auf Erfahrungsthatsachen gegründete Weise praktisch zu lösen. Bis jetzt ist man bei der theoretischen Behandlung dieser Frage von unzureichenden Voraussetzungen ausgegangen. Man ist nämlich von der allgemeinen Annahme ausgegangen, dass das Menschengeschlecht und jedes einzelne Volk sich in einem gewissen Percentsatz durch Ueberschuss der Geburten über die Sterbenden vermehrt, und dass diese Vermehrung anwächst, je günstiger die Lebensbedingungen für die Einzelnen sind. Diese Annahme schien dadurch gerechtfertigt, dass gerade in den großen industriellen Centren eines Volkes, in denen der Nationalreichthum des Landes produciert wird, das Anschwellen des Bevölkerungszuwachses am deutlichsten wahrnehmbar ist. Ein Jäger-, Fischer-, Bauernvolk vermehrt sich langsamer als ein Industrie- und Handelsvolk. Hier wächst die Bevölkerung in rapider Weise. Für die Industriestaaten ist die Uebervölkerungssrage am brennendsten. So hat man nun immer auch nur gefragt, wie kann dem rapiden Anwachsen der Bevölkerung in den Industriestaaten abgeholfen werden? Auf die mannigfachen Vorschläge, die sich aber alle bisher aus verschiedenen Gründen als undurchführbar erwiesen, soll hier nicht eingegangen werden. Wir schlagen einen neuen Weg der Untersuchung ein, und werden so auf eine rationelle und durchführbare Lösung kommen. Betrachten wir nämlich zuerst die Naturgesetze der Erzeugung und Geburt der Erdenwesen, so können wir ein dreifaches Gesetz wahrnehmen. Die enormste und rascheste, bis zur Unberechenbarkeit gesteigerte Vermehrung und Fortpflanzung zeigen die Mikroben und Moneren, die Pilze und Jnfuforienthierchen. Der unendlichen Vermehrung dieser einfachsten und niedrigsten Organismen gegenüber ist die Fortpflanzungsfähigkeit der höchst entwickelten Säugethiere eine ganz minime und höchst eingeschränkte. Es gilt das Grundgesetz, dass, je höher eine Pflanzen- oder Thierart steht, je vollkommener ein Lebewesen organisiert ist, und je entwickelter und complicierter seine Lebensorgane und Lebensfunctionen sind, umso später wird es zeugungsfähig und fruchtbar, und umso kleiner ist die Zahl seiner Nachkommenschaft. Denken wir uns die directe Nachkommenschaft eines Hunde- und Elephantenpaares so zahlreich als möglich, so kommt sie gar nicht in Betracht, gegenüber der Nachkommenschaft eines Jnfusorienthierchens auch nur während vierundzwanzig Stunden. An dieses erste Grundgesetz aller Fortpflanzung schließt sich dann ein zweites. Unter Lebewesen derselben Ordnung oder Classe erzeugen die kleineren, schwächeren, niederen Gattungen wieder eine viel zahlreichere Nachkommenschaft als die größeren, stärkeren Gattungen. Es gibt keine so großen Züge von Haifischen, als es Schwärme von Häringen und Stockfischen gibt. Der Schwalben und Staare sind viel mehr, als der Störche und Geier, der Tauben und Hühner mehr als der Adler und Habichte; der Mäuse mehr als der Katzen; der Hasen mehr als der Füchse; der Gazellen mehr als der Panther. Je mehr sich Kraft und Größe in der Gattung concentriert, um so weniger expansionsfähig ist sie. Der Löwe, der Elephant, das Pferd bringen je aus einmal nur ein Junges zur Welt, während Hunde, Katzen, Schweine, Rehe gleich mehrere Junge werfen, obgleich alle diese Thiergattungen derselben Classe, den Säugethieren, angehören. Die letztgenannten kommen aber den ersteren nicht an Größe und Kraft gleich. Die Erfahrung hat aber noch ein drittes Gesetz der Fortpflanzung. Nämlich in derselben Gattung oder Art haben die schwächeren, schmächtigeren, geringeren Individuen wieder die meisten Nachkommen. Die Obstzüchter wissen schon lange, dass, je mehr Saft und Kraft erforderlich ist, um große Stämme und dicke Aeste zu ernähren, umso geringer die Fruchtbarkeit und der Ertrag dieser Bäume ausfällt; dass aber die klein gehaltenen, schwächlichen, schmächtigen Spalierbäume die erträglichsten und fruchtbarsten sind. Die Weingärtner, welche viele Trauben erzielen wollen, lassen den Weinstöcken nur so wenig Holz, dass sie kaum über den Boden herauswachsen. Ganz dasselbe gilt nun auch vom Menschengeschlecht. Es ist Thatsache, dass die schwächlichen, zarteren, schmächtigen, auch die weniggenährten, ab gearbeiteten Frauen die meisten Kinder gebären. Arbeiterfamilien mit 10 und 12 oder noch mehr Kinder sind viel häufiger, als kinderreiche Familien in den besser situierten, gutgenährten Ständen. Auch wo das naturwidrige Zweikindersystem nicht herrscht, ist doch die Nachkommenschaft umsoweniger zahlreich, je kräftiger und stärker, wohlgenährter und größer die Frauen sind. Die Geschlechtsreife tritt umso später schon ein, je muskulöser und großknochiger, wohlgenährter die weibliche und männliche Jugend ist. Man trete nur in die Hütten der Armut, wo man zehn und fünfzehn elender Kinder findet, und man wird eben so elende, schmächtige, abgemagerte, kleingewachsene, hungernde Mütter finden, bei denen man es für unmöglich hält, dass sie alle diese Kinder haben gebären können, und die abgearbeiteten, hageren, kleinen Männer sehen nicht besser aus. Je elender, heruntergekommener eine Bevölkerung ist, umso rascher vermehrt sie sich. Dass es auch bei den Juden so ist, dafür haben wir aus uralter Zeit ein classisches Beispiel. Pharao in Mizraim sprach zu seinem Volke: „Siehe, des Volkes der Kinder Israel ist viel mehr, denn wir. Wohlan, wir wollen sie mit List dämpfen, dass ihrer nicht so viele werden." Und man letzte Frohnvögte über sie, die sie mit schweren Diensten drücken sollten. Aber jemehr sie das Volk drückten, umsomehr mehrte es sich und breitete es sich aus." Das ist überall giltiges Naturgesetz in der Pflanzen-, Tbier- und Menschenwelt: das Kleine, Schmächtige, Armselige vermehrt sich umso rascher und stärker. Der pharaonische Antisemitismus wandte daher eine verkehrte Maßregel an, die das Gegentheil des Gewollten bewirkte. Durch die drei thatsächlichen Naturgesetze der Vermehrung wird das entgegenstehende Naturgesetz, das im Kampf ums Dasein ja die stärkeren, vollkommeneren und adaptionsfähigeren Individuen überleben, vollkommen compensiert und paralysiert. Denn dieses Gesetz gilt eben nur von den Individuen, nicht von den Gattungen und