Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 29 (22.7.1898)
- Article
- Die Übervölkerungsfrage im Lande Israel
- Date
- 1898-07-22
- Page
- 5 (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 29 Seite 5 der Erde, wieder dazu kommen wird, im Lande seiner Väter einen eigenen Staat zu bilden, dann wird es auch nothwendigerweise ein besonderer eigenartiger Staat sein, ein neuer, originaler, nicht nach den Mustern der bestehenden Staaten '.nit ihren historisch gewordenen Mängeln, ihrem socialen Elend und ihrem unzufriedenen Proletariat. Es muss ein besseres, höheres, edleres Staatswesen entstehen. Es hätte keinen vernünftigen Sinn, wenn die Juden aus aller Welt zusammenkämen und nach Palästina zögen, um dort einen Staat zu bilden, der ihnen keine besseren Lebensbedingungen böte, als die Staaten, in denen sie jetzt leben, in dem das alte Elend sich erneuerte, wenn auch unter jüdischem Gouvernement. Vielmehr muss der jüdische Nationalstaat der Zuknnft zugleich die vollkommenste Form menschlicher Gemeinschaft, der wahre, humane Socialstaat sein, da Gerechtigkeit und Friede sich küssen, wo den Armen und Gedrückten geholfen, allem socialen Elend gewehrt und aller Tyrannei corrupter Zustände ein Ende gemacht sein muss. Es muss der Staat des moralischen Fortschritts, der socialen Ausgleichung und der universellen Humanität sein. Ein anderer Judenstaat wäre der Anstrengungen und Opfer nicht wert, die er kostet, und würde, wie die früheren Judenstaaten, rasch wieder dem Untergänge verfallen. Nur der Judenstaat hat in der Zukunft Berechtigung und Bestand, in welchem die providentielle Aufgabe, welche dem jüdischen Volke zugewiesen ist, endlich zur Lösung kommt. Wenn die jüdische Nation ihre Auferstehung feiern und wieder eintreten wird in den Kreis der Nationen und der Weltgeschichte, dann muss das auch einen für die Well und die Entwicklung der Menschheit bedeutenden und segensreichen Zweck haben. Denn auch von den Staaten gilt, dass nur die, welche Gutes schaffen und auf der Bahn der Gerechtigkeit sortschreiten, den Kampf ums Dasein bestehen. Dem jüdischen Volk ist aber schon vor Jahrtausenden die Aufgabe zugewiefen worden, dass in ihm alle Völker der Erde sollen gesegnet werden. Dies wird es erfüllen, wenn es in seinem Lande den vollkommenen Staat der socialen Gerechtigkeit bildet. Die socialen Einrichtungen werden also solche sein, durch welche die Entstehung eines Proletariats verhütet wird. Es werden die socialen Verhältnisse, Industrie und Handel, Ackerbau und Gewerbe so geregelt sein, dass der Arbeit ihr voller Lohn zutheil wird. Armselige, schwächliche, abgehärmte und abgearbeitete Frauen wird es nicht geben; dann werden sie aber auch nicht ein Dutzend hungernder, kränklicher, schmächtiger Kinder gebären. Ein wohlhabendes, glückliches, großes, starkes Geschlecht wird kein so zahlreiches, aber ein um so kräftigeres Geschlecht erzeugen. Mit der socialen Frage wird das jüdische Volk auch die Populationsfrage in gesunder, natürlicher, den Moralgesetzen entsprechender Weife praktisch und mustergiltig lösen. Die Populalionsfrage ist eine sociale Frage und kann daher nur auf sociale Weise im vollkommenen Socialstaat gelöst worden. Der zweite Baseler Congress. .Kaum etwas mehr als ein Monat trennt uns noch von den Tagen des Zionistencongrefses. Znm zwcitenmale werden die Vertreter des jüdischen Volkes, das noch nicht die Hoffnung auf seine Zukunft aufgegeben hat, gemeinsam berathen. Sie werden sich Rechenschaft zu geben haben, was seit dem Vorjahre geschehen, um dem Ziele näher zu kommen. Sie werden auch Beschlüsse faffen muffen für die kommende Zeit. Nicht nur für das kommende Jahr. Was der. Congress Heuer beschließen wird, dürfte fiir alle Zionisten viele Jahre von ausschlaggebender Bedeutung sein; denn er wird vor allem die finanzielle Basis der zionistischen Bewegung mitzusichern haben. Er wird aber auch zahlreiche, nicht weniger actuelle, wenn auch nicht so große Fragen zu entscheiden haben, welche für den Fortgang der Bewegung von vitaler Bedeutung sind. Dem zweiten Congress wird daher mit Recht voll großer Erwartung entgegengeseben. Der Bedeutung des Congreffes entsprechend ist auch die Theilnahme der Juden der verschiedenen Länder. Bekanntlich werden nur die von den zionistischen Hundertschaften gewählten Vertreter Sitz und Stimme bei dieser jüdischen Nationalversammlung haben. Die ersten Delegierten sind bereits gewählt. Die Mehrzahl der Delegierten wird erst in den nächsten Wochen gewählt werden. Ueber die Modalitäten der Wahl versendet das Bureau des Zionistencongresses in Basel an alle Schekelblock-Jnhaber ein Communique, dem wir folgende Stellen entnehmen : „Der Wahlmodus ist folgender: Sie, geehrter Herr Gesinnungsgenosse, werden mit Herrn .die Schekelzahler einladen, in einem Locale sich einzufinden. Wahlleiter find Sie, Herr Gesinnungsgenosse, nebst dem Herrn. Außerdem wählt die Versammlung 3 Beisitzer, worunter einen Schriftführer. Nach Anhörung der Candidaten wird die Wahl vorgenommen. Wähler sind nur diejenigen, die in der Schekelliste dieser Ortsgruppe eingetragen find. Jeder Wähler muss sich durch eine Quittung legitimieren. Sollte er die Quittung verloren haben, so kann er, wenn er auf der Schekelliste steht und der Wahlcommiffion persönlich bekannt ist, zur Wahl zugelassen werden, sonst nicht. Jede Zahl der erschienenen Schekelzahler ist berechtigt, die Wahl vorzunehmen, aber nur wenn alle Wahlberechtigten rechtzeitig eingeladen wurden. Auf diesen letzteren Umstand wird umsomehr Gewicht gelegt, als dadurch unnütze Reclamationen vermieden werden sollen. Die Wahl kann durch Stimmzettel oder Haudaufhebcn erfolgen. Als gewählt erscheint derjenige, der die absolute Majorität auf sich vereinigt. Wird die absolute Majorität nicht erreicht, so findet im zweiten Wahlgang die Stichwahl zwischen den Candidaten statt, welche die meisten Stimmen erhalten haben. Bei gleicher Stimmenanzahl entscheidet das Los (beim drittenmal), Nach dem Wahlact ist das Wahlprotokoll ansgcfüllt und von der Commiffion unterschrieben unverzüglich nach Basel einzusenden." Das Congressbureau bemerkt in einer weiteren Mittheilung : „In der letzten Woche wurden die Wahllisten an die Vertrauensmänner versendet. Im Jntereffe unserer Sache liegt es, dass alle Ortsgruppen, über wie viel Stimmen sie auch verfügen, einen Delegierten zum zweiten Congress entsenden. Sollten die zionistischen Ortsgruppen nicht aus ihrer eigenen Mitte einen Delegierten wählen können, so stehen von Seiten des Bureaus Candidaten lösten zur Verfügung." Die von uns jüngst publicierte Geschäftsordnung ist in Broschürenforul gedruckt worden und wird jedem einzelnen der Delegierten von dem Congressbureau in Basel vor der Eröffnung der ersten Sitzung zugestellt werden. Ebenso die bis dahin eingelaufenen und in Druck gelegten Berichte, Anträge und anderen Geschäftsstücke. Bereits gewählte Delegierte: M. H. E i g e r, I. M. W o l - pert, I. Beckermann, I. Zucker L. S chalit, N. Rappatz o r t, L. Etti n ge r, K. Tagge r, B. Günzburg;J. Jas i n o w s k i, S. S o k o l o w, M. F e l d st e i n, I. C o h n, S. Freimann, A. Maliniak, B. Weinberg, CH. Ras zk i e s, M. M o s e s, Tr. D. F a r b st e i n, Adolf Dobranicki, Leo Epstein, Dr. I. I e l s k i, CH. I. Krämer, M. Kipper, Stanisl. Landau, Pinch. Lichtenberg,