Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 27 (8.7.1898)
- Article
- Unsere Dichtung
- Date
- 1898-07-08
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 14 jfcftvor «-.27 indiscrete, unfeine Art die Besonderheiten des nationalen Milieus und der nationalen Charaktere zu outrieren. Diese schicklichen Grenzen mag Georg Hirschfeld in seinen Milieu- Dramen wohl gewahrt haben, während andere Schriftsteller Dichtungen aus jüdischen Verhältnissen^ganz ungeniert, wenn auch oft dem feinsten Empfinden nur merklich, ins Christliche übertragen. Solch gleichsam selbstverständliches Außerachtlasfen des Nationalen ist aber natürlich nur möglich, wenn das Milieu ganz geschlossen ist, wenn keine Person einer anderen Nationalität in dasselbe hineintritt. Wenn das Schicksal eines ganzen Volkes dargestellt werden, wenn gar der Kampf dieses Volkes gegen ein anderes geschildert werden soll, ist eine deutliche Betonung des Nationalen unerlässlich und auch durchaus poesiegemäß. Denn Kleists „Hermannsschlacht"' etwa mag doch keine geringere und unfeinere Dichtung sein, als sein „Käthchen von Heilbronn". In dem Falle, eine Angelegenheit seiner ganzen Nation darzustellen, ist der jüdische Dichter vorzüglich, wenn er das besondere, einzigartige Schicksal des jüdischen Volkes zum Gegenstände seiner Dichtung macht. Große, ja herrliche kriegerische Ruhmesthaten sind in der Geschichte des jüdischen Volkes nicht selten, aber schwerlich würden sie eine sonderliche Wirkung aus die jetzigen Juden ausüben können, welche in einer jahrtausendlangen Leidenszeit sich des Gedankens, es könnten jenen Heldenthaten sich neue anreihen, wohl längst entwöhnt haben; wohingegen die Darstellung ihres Leidensschicksals auf alle eine entschieden wehmüthige Wirkung thun muss. Ter jüdische Dichter verfährt hier mit dem Problem seiner dichterischen und nationalen Existenz, wie Hebbel (nach Treitschkes bekanntem Wort) in der „Maria Magdalena" mit dem Problem des bürgerlichen Trauerspieles: er macht das Problem selber zum Gegenstände der Dichtung. Die einseitige Gebundenheit der bürgerlichen Welt lässt keine bedeutenden Conflicte aufkommen, aber der Kamps gegen diese Gebundenheit ist doch bedeutend genug. Die Wurzellosigkeit des jüdischen Volkes, wie es unter den anderen Völkern lebt, muss jede breitere, bedeutendere epische Darstellung jüdischer Existenz, etwa im Formate des „Wilhelm Meister" oder des „Grünen Heinrich" unmöglich machen, aber wiederum ist doch eben diese Wurzellosigkeit der Existenz mit all ihrer großartigen Tragik bedeutend genug. Unter den Werken, die diese tragische Existenz darstellen, sind die Romane „Der neue Ahasver" von Fritz Mauthner (erschienen 1881) und „Werther der Jude" von Ludwig Jakobowski (1893) die bemerkenswertesten. Mauthner verwahrt sich in seinem Vorwort dagegen, dass sein Werk von rein ästhetischen Gesichtspunkten aus beurtheilt werde; und beiden Romanen würde eine rein ästhetische Würdigung ausreichlich auch nicht gerecht werden können. Diese Werke sind in einer unerfreulichen Epoche respectheischende Beweise für die edlere, stolzere 'Gesinnung der Verfasser; aber eben von subjectiver Bedeutung nur, indem sie noch keinen Zusammenhang mit einer aufwühlenden Zeitbewegung haben. Vielleicht erst in unserer unmittelbarsten Gegenwart könnte man sich einen Roman vorstellen, der das Problem zwar nicht in der vollen Totalität (die wäre so unmöglich wohl wie die Totalität einer Faustdichtung), aber doch in einer annähernden, gestaltete. Ein junger Jude, der den ganzen Ahasverschmerz seines Volkes fühlt, wird, indem er von ihm sich zu befreien sucht, bei diesem Streben nach Assimilation, zu immer schmerzhafteren Erlebnissen geführt, und erkennt am Ende, dass dem Schicksal seines Volkes kein Einzelner sich entziehen könne; in der tiefen, schwarzen Nacht dieser pessimistischen Erkenntnis ist abseits der Stern des Zionismus milde blinkend, halb verschleiert erst, aufgegangen. Welch eine Fülle von Seelenzuständen ließe in diesem Rahmen sich darstellen: von der tiefsten melancholischen Depression mit Arbeit und Pflichterfüllung allgemacher Uebergang zum Freien, Lebenskräftigen; die wehmüthige, wehleidige Heimatsliebe, die vielleicht Heimatssehnsucht ist; das feine, zarte Genießen einer jüdischen Familienidylle, aber aus diesem erfteulichen Zustande auch schon ein sehnsüchtiges Hinübergreifen ins Fremde, bis endlich der halb und halb Assimilierte umso leidenschaftlicher nur das Scheitern der wahrhaftigen, endgiltigen Assimilation empfindet. Und würde die Bedingtheit der jetzigen jüdischen Existenz durch eine ebenso breite Darstellung des deutschen Lebens, aufgezeigt werden können, so wäre vielleicht ein Werk möglich, das, indem es den Verfasser von seinem individuellen Leiden befreite, zugleich die bedeutendste Wirkung auf die jüdische Volksseele ausüben könnte. Nicht um die individuelle Selbstbefteiung, aber sogleich um die unmittelbarste Wirkung mag es den. jüdischen Dichtern zu thun sein, die für diesen Stoff statt der hier „inneren" Romanform die dramatische gewählt haben, welche eben der allerintensivsten Wirkungen fähig ist. Mit sehr glücklichem Erfolge hat Dr. Theodor Herzl, der Führer der zionistischen Bewegung, diese Wirkung in dem Drama erreicht, das den Lesern dieser Zeitschrift bekannt geworden ist; ein anderer hervorragender Führer der Bewegung, Max Nordau, arbeitet nach den Meldungen der Blätter gegenwärtig an einem Drama, das „Dr. Kohn" betitelt werden soll. Auch diejenigen Dichter, die in reiner Künstlerfteude ohne ein Bewusstsein chrer nationalen Besonderheit schaffen, wird der überschauende Betrachter, der Literarhistoriker oder der Effayist, noch mit der geistigen und socialen Struktur der Nation in Verbindung zu bringen wiffen. Vielleicht um so leichter, je weniger der Dichter dieses Bewusstsein hatte. Wie der ruhigste Wafferspiegel der tiefste ist, und all die Gebilde und Gewinde des Grundes am hellsten durchscheinen lässt, so wird der Künstler die tiefsten Zusammenhänge seiner Nation offenbaren, wenn er eben seine Kunst niemals durch das Bewusstsein hat trüben und beunruhigen lasien. Für die Psychologie des deutschen Volksgemüthes ist zum Beispiel „Deutschland, Deutschland über Alles" mit der Hervorhebung der „deutschen Treue" und des „deutschen Sanges" ebenso wertlos, als dafür etwa ein Volkslied oder ein Möricke'sches Lied unendlich wertvoll sind. Der Dichter schildert etwa eine Liebes- oder Eifersuchtsleidenschaft so absichtslos, unbewusst als möglich und rein menschlich, gleichsam im natürlichen Gefühle, dass die Liebe oder Eifersucht bei allen Völkern doch etwas Gleichmäßiges sein müffe, was es in gewissem Sinne ja auch in der That ist; aber der Psychologe wird, je. nachdem der Dichter ein Spanier, ein Deutscher, oder ein Jude ist, noch etwas Besonderes über die verschiedenen Bolkscharaktere sagen können. Des Künstlers Werk ist eben wieder ein Stück Natur geworden, und wie alle Natur ausdcutbar. Der Verstand kann aus ihm Begriffe heransziehen und mit ihm Fangball spielen, was er oft genug in der verwegensten Weise thut. Für eine spitzfindige Ausdeutung existieren keine Grenzen, da es kaum etwas auf der Welt gibt, was von einem gewandten Dialectiker nicht mit allem Möglichen in einen einigermaßen schicklichen Zusammenhang gebracht werden könnte. Ich entsinne mich, dass in einem Berliner jüdischen Bildungsvereine einmal ein Bortrag über „Ibsen und das Judenthum" gehalten wurde. Nun tritt in keinem einzigen seiner Werke eine jüdische Gestalt auf, und Ibsen hat aus Anlass des Bahrschen Antisemitismus-Interviews kurz und bündig erklärt, dass seinem Denken etwas specifisch Jüdisches noch niemals nahegetreten sei. Gewiss, der diesen Bortrag hielt, meinte keinen Zusammenhang zwischen Ibsen und dem eigentlichen Judenthum, sondern dem, was man die jüdische Idee, was man jedoch auch ebensogut moralischen Rigorismus, Puritanerthnm, vorzüglich aber Christenthum nennen könnte. Aber wie willkürlich und wie verwirrend sind solche erzwungene Zusammenhänge! Wie contrastieren sie mit der ungezwungenen Schlichtheit und Gradheit jeder rechten und echten Dichtung, und wie machen sie gegen alle Theorie misstrauisch! Zumal man auf dem Gebiete der Kunst, wo die Individualität von überragender Bedeutung ist, auch gegen die verführerischesten Zusammenhänge noch misstrauisch sein muss. Es lässt sich vielleicht über eine einzelne Individualität in ihren festgezogenen Grenzen noch etwas Zuverlässiges sagen, aber kaum in ihrem Zusammenhänge mit Begriffen. Man hat die Decadenten wegen