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Die Welt · 1898-07-08 · 27 (8.7.1898) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
27 (8.7.1898)
Article
Unsere Dichtung
Date
1898-07-08
Page
13 (sequence 1)
Language
German
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j^ywc Seite 13 Nr. 27 | e ii ii l ej o n. Unsere Dichtung. Von Robert Jaffe. Man kann gar wohl behaupten, die ersten Keime der zionistischen Idee, die soweit zurückliegen, sind rein dichterische. Das berühmte jüdische Dichtertriumvirat, Jbu Esra und Gabirol und Jehuda ben Halevy, hat nichts so schön und ausdauernd besungen, als die Sehnsucht nach Sinai, dem heil'gen Land; Halevy vor Allen. Seiner „Zionslieder" sind außerordentlich viele, und dass es ihn nach Gottes Hause hindränge, ist der immer wiederkehrende Grundgedanke. Immer wieder srägt er: „Wird meine Sehnsucht denn gestillt. Das Land zu seh'n, das heilerfüllt?" Es sehnt, wie Steppen sich nach Wasser sehnen, sein Herz sich hin nach Zions heil'gen Hallen. „Dann eilen wir, entronnen Dem Elend ganz. Nach Zion hin mit Wonnen Zu Fest und Tanz; Der Aermste wird sich sonnen In Gottes Glanz. Dies ist aber nicht rethorisches Pathos; sondern nach echter Dichterart nimmt er diese Sehnsucht ganz concret. Sein Sinnen, Streben ist, dass noch seine glühende Wange an dem teuren Boden hange; er will das Land wirklich betreten, „mit der Füße nackten Ballen"; von Jordans Flur soll seine Hütte dereinst umspült werden. Und dass diese tiefe Sehnsucht wirklich keine Phrase war, erwies der bereits mehr denn fünfzigjährige Dichter, indem er eine Pilgerfahrt nach dem Lande seiner Sehnsucht antrat. „Am Ziele angelangt, verstummt er — die dichterisch verklärende Sage lässt ihn unter den Hufen eines Sarazenenrosses an den Thoren Jerusalems sein reines Leben aushauchen, nachdem er sein Zionslied eben im Anblick der heiligen Stadt gesungen." Dieser Zionismus ist noch ein religiöser; wie in dieser Epoche die ganze jüdische Existenz wirklich noch eilte vorzüglich religiöse ist, und Assimilation noch mit dem Uebertritt zum Christenthum identtsch. Bon ihm mag der moderne Zionismus nun verschieden sein, wie etwa ein Tolstoi'scher oder Zcna'schcr Roman vom „Cid" oder den „Lusiaden". Dieser ist ja nicht recht eigentlich aus einer acttven bestimmten schwärmerischen Sehnsucht nach Zion herausgeboren worden, sondern mehr wohl aus dem passiven schmerzlichen Gefühl der Heimatlosigkeit und aus dem beschämenden Gefühl, vereinzelt die persönliche Würde nicht wahren zu können; in zweiter Linie erst verschmolz diese negattve unbestimmte Sehnsucht sich mit der posittven gerade auf Zion gerichteten zu dem, was den modernen Zionismus ausmacht. Aber indem seine Triebkräfte doch gar nicht anders als die Religion aus den dunklen vollen Fluten des Gemüthes aufgestiegen, muss er auch desgleichen eine entschiedene Wirkung auf die Poesie ausüben. Und verschlungen und verfädelt, wie bei jedem Volke Dichtung und Leben, ist mit dieser die bei weitem allgemeinere psychologische Wirkung des Zionismus. Solange — in der Zeit des Assimilattonsstrebens — beinahe jeder Jude sich schämte, als solcher erkannt zu werden, stolz war, wenn er für einen Christen angesehen wurde, und alles, was ihn äußerlich separieren konnte, am meisten haßte — solange musste ihm die volle, goldene Freude und Behaglichkeit an seiner Existenz fehlen; demgemäß nun die jüdischen Dichter niemals strebten, ihr und ihrer Gesellschaftsclafse reales privates Dasein darzustellen. Solche Wiederspiegelungen einer ganzen schönen Cullur in einem Einzeldasein, wie etwa im „Wilhelm Meister" oder im „Grünen Heinrich" oder (um ein geringeres Werk nur zu nehmen) in des Willibald Alexis „Cabanis" mussten im Kreise des Judenthums, das sich seiner Existenz schämte, immerdar unmöglich bleiben. Es wurde da bisweilen behauptet, dass die vom Ghetto kaum frei gewordene jüdische Wirklichkeit weniger als jeder andere Gegenstand poetischer Darstellung sein könne und in mancher Berurtheilung von Hirschfeld's „Agnes Jordan", noch, wurde es verblümt angedeutet. Aber in Wahrheit ist es mit der jüdischen Wirklichkeit immer parallel genau so wie mit jeder anderen, etwa der berlinerischen oder sächsischen: bei einer consequent naturalistischen Darstellung wird sie immer den Eindruck des Gemeinen machen, und wenn nun wirklich nach Schiller's Wort der naive (nach unserer Terminologie =- der naturalistische) Dichter von dem Objecte seiner Darstellung am meisten abhängt, wer will behaupten, dass das Milieu der „Familie Selicke", oder der beiden ersten Hauptmann'schen Dramen etwa poesiewürdiger wäre als das von Hirschfeld's „Zu Hause" oder von Agnes Jordan"? Nur muss man bei allen Vergleichungen sorgsam und ehrlich zu Werke gehen; von absoluter Zuverläfsigkeit sind sie doch nur, wenn man einzelne Werke eines und desselben Poeten aus einer und derselben Epoche gegeneinander abwägen kann, wozu Paul Heyse eine vorzügliche Gelegenheit bietet. Ist die Novelle von der Frau „Judith Stern", weil sie in einem jüdischen Milieu spielt, poetisch minderwertiger als die Novellen ringsherum? Ist Heines „Rabbi von Bacharach"-Fragment weniger poetisch, als jede noch so ausgezeichnete deutsche Novelle? Nun ist bei den Juden, welche ja im Ghetto zu der wunderlichen Vertraulichkeit eines kleinen geschlossenen Kreises erzogen worden sind, freilich dies etwas Sonderliches, dass sie das haben, was nach Goethe „das geistreiche Zusammensein lebelusttger Menschen auszeichnet": eine Sprach- und Geberdensymbolik. „Es entsteht eine Art Gauneridiom, welches, indem es die Eingeweihten höchst glücklich macht, den Fremden unbemerkt bleibt, odw bemerkt, verdrießlich wird." Manches erscheint einem jüdischen Leser jüdischer Darstellungen als humoristisch, während es den fremden nur ganz wunderlich dünkt, verwirrt und beinahe peinlich berührt, und manches Tragische berührt ihn nicht minder fremdartig. Diese gleichsam intimen, heimlichen Schilderungen des jüdischen Kleinlebens sind aber doch mehr vereinzelte Curiositäten und bilden eine eigentliche Literatur nicht, welche auch wie eine Familie, deren Mitglieder stets unter einander heiraten und in die niemals frisches Blut eingeführt wird, bald degenerieren müsste. Die zahllosen „Ghettogeschichten" fallen in diese Kategorie kaum noch: vielleicht Bernstein» - „Vögele der Maggid" und „Mendel Gibbor" noch; aber indem sie zumeist denkbarer Weise zu ethnographischem Interesse zugestutzt wurden, mussten sie ja gerade den Fremden verständlich gemacht werden. Zwischen diesen beiden Polen, der sonderlichen Darstellung eines heimlichen sonderlichen Lebens und seiner ethnographischen Verwertung fehlt das geruhige Centrum, das, was Gottfried Keller das „Lob des Herkommens" nennen würde, die volle, runde, goldene Freude an einem mannigfach verzweigten heimatlichen Volksleben. Eben diese Freude war es, die dem seiner Existenz sich schämenden Inden fehlen musste und die der Zionismus wieder Hervorrufen konnte, dergestalt die Poesie auf die erfreulichste Weise befruchtend. Schädigen würde er jedoch die Poesie nur, wollte er von jüdischen Dichtern ein schärferes nattonales Bewusstsein fordern. Kein echter Künstler würde von einem Bewusstsein seiner Nattonalität etwas wissen wollen; was bei jedem anderen Volke nicht anders ist. Der bekannte Antisemitenführer Dr. Friedrich Lange beklagt sich in seinem Buche vom „reinen Deutschthum", dass die jungen Dichter, die er auf ihre Verpflichtungen gegen ihre deutsche Nationalität aufmerksam gemacht, immer geanttvortet hätten: sie könnten anders als deutsch doch gar nicht dichten, wenn als Deutsche sie Verhältnisse und Menschen, die sie kennten, darzustellen strebten. Ein jüdischer Dichter, der etwa eine Leidenschaft durch eine Handlung iwd durch Charaktere darstellen wollte, müsste, weil ja das Feinste und Seltenste des Dichters seinem Jnstinctleben, also seiner Rasie angehört, schon im nationalen Milieu und bei nationalen Charakteren bleiben; aber er brauchte denn doch nicht auf eine

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