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Die Welt · 1898-07-08 · 27 (8.7.1898) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
27 (8.7.1898)
Article
Unsere Dichtung
Date
1898-07-08
Page
15 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 27 Seite 15 der starken Betheiligung jüdischer Schriftsteller als eine specistsch jüdische Erscheinung hingestellt, die auch von den Juden begünstigt werde; und weitläufig hat man mannigfache Zusammenhänge mit dem jüdischen Bolkscharakter Nachweisen wollen. Nun ist den Decadenten aber kein anderer so leidenschaftlicher Gegner erstanden, als Max Nordau, der bewusste, national gesinnte Jude. Man könnte ja fteilich herausfinden, dass das Judenthum eben zwei Seiten habe, eine materielle, genussgierige, und eine metaphysische, spiritualistische, ein Dualismus, der auffallend sich durch die ganze alte jüdische Geschichte ziehe, und dass sich hier die eine Seite durch den Moralisten Nordau gegen die andere der genusssüchtig ausschweifenden Decadenten gekehrt habe. Aber wiederum: in welch haarfeine Verästelungen läuft solch spitzfindige Untersuchung aus. dass gar Manchem, der nach dem vollen Leben strebt, davor grauen muss. Aber mit einer geradezu wuchtigen, ganz unmittelbaren Vollheit wirkt auf diese seinen und zarten seelischen Zustände der Zionismus: indem er schlicht und gerade proclamiert, dass die Juden nichts weiter sein wollen als eben Juden, ist er so sehr der schlichten, geraden Allnatur gemäß, dass es eigentlich kaum einen Dickter, oder Künstler oder Denker geben dürfte, dem seine Ziele nicht höchst wünschenswert erschienen. Lange bevor vom Zionismus auch nur die leiseste Kunde zur europäischen Menschheit gedrungen, hat der „Deutsche", der das Buch von „Rembrandt als Erzieher" verfasst hat, diese gleichsam ästethische Schönheit des Zionismus geschildert, und weil es für icdeu Zionisten doch von höchstem Interesse sein muss, mag das Citat hier in all seiner Weitläufigkeit noch Platz finden: „Eigenthümlich genug zeigt sich endlich die Vornehmheit Rembrandt's in — seiner Vorliebe für die Juden; hier begegnen sich seine locale und seine vornehme Gesinnnung, sein Blick in die Nähe und sein Blick in die Höhe. Er hatte diese Menschengattung täglich vor Augen, denn er wohnte m der Judenbreitstraße zu Amsterdam; die Keime solcher künstlerischen und geistigen Besonderheiten liegen oft näher zur Hand, als man meint. „Nah ist und schwer zu fassen der Gott" sagt Hölderlin. Ein echter und altgläubiger Jude hat unverkennbar etwas Vornehmes in sich; er gehört zu jener uralten sittlichen und geistigen Aristokratie, von der die meisten modernen Inden abgewichen sind; in dieser Hinsicht fühlte also Lord Beaconsfield halbwegs richtig, als er sie für den ältesten Adel der Welt erklärte. Rembrandt's Juden waren echte Juden, die nichts anderes sein wollten als Juden, die also Charakter hatten. Von fast allen heutigen Juden gilt das Gegentheil; sie wollen Deutsche, Engländer, Franzosen u. s. w. sein, und werden dadurch nur charakterlos. Nichts aber ist schlimmer als Charakterlosigkeit, sie ist das Verbrechen aller Verbrechen, sie ist die Sünde gegen den heiligen Geist — des Individualismus — die nicht vergeben wird. Und sie wurde selbst einem Spinoza von seinen Stammesgenossen nicht vergeben.' Ein Verzicht auf die eigene Individualität erscheint nur berechtigt, wenn er zugunsten einer höheren und wahrhaft seelischen Weltauffassung stattfindet: wie sie eben Spinoza sowie der christlichen und indischen Askese eignet. Aber auch dieser selbstverleugnende wird gegenüber dem selbstbethätigenden Idealismus stets nur von zweitem Range sein. Seiner Individualität abtrünnig zu werden, aus bloßem Eigennutz oder aus Eitelkeit ist gemein. Stets will der Plebejer etwas anderes sein als er ist. Rembrandt hielt es mit den aristokratischen, nicht mit den plebejischen Inden; jene zogen ihn, trotz ihrer Fremdartigkeit, als verwandte Geister an; diese, wie sie heute sind, würde er verabscheut oder nie begriffen haben. Es ist ein weiter Weg von Abraham, Hiob, Jesaias, dem Psalmisten bis zu den heutigen Talmudisten, Börsenjobbern, Reportern; so weit wie der vom Edlen zum Gemeinen; und man darf diesen Unterschied nie vergeffen. Tie wahrheitsliebende Rahel sagte von ihrem eigenen Bruder, dass er ein „Schuft" sei; sie schied sich von ihm wie sie musste; denn sie war eine sittliche, geistige und sogar sociale Aristokratin. In Heine trifft sich gewissermaßen das Geschwisterpaar. Börne war ein ehrlicher Mann; seinen 'Religionswechsel knnn man bedauern wie den Winkelmann's; aber mau muss ihn entschuldigen ....... Und an einer anderen merkwürdigen Stelle, da von der Mission des „heimlichen Kaisers" gesprochen wird, heißt es: „.Wer ein echter Israelit ohne Falsch ist, wie die Bibel sagt, der wird sicherlich jenem künftigen Richter und Führer willkommen sein; willkommen als ein ehrlicher und vielleicht auch geistvoller Fremdling: von den „gefälschten" Juden, die zugleich Deutsche sein wollen, gilt dies nicht. Denn ehrlich und ehrenhaft ist nur der, welcher sich selbst treu bleibt. Echten Juden können sich echte Deutsche recht wohl befreunden; auch solchen, die sich wie Spinoza, Rahel, Börne nur ein edles abstractes Judenthum bewahrt haben, aber gegen alle unechten Inden werden alle echten Deutschen stets zusammenstehen." Die Goldsitzilds. Roman aus dem Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich Fürst Wrcdc. (9. Fortsetzung.) II. Buch. II. Kampfbereit war David Goldschild herbeigeeilt, als er das Recht auf Erde seines Volkes bedroht sah. Er fand im Chefredacteur des „Freien Blattes" einen Gesinnungsgenoffen. Dieser Kuno Müller war ein merkwürdiger Geselle. Seine Eltern waren aus Jung-Bunzlau nach Wien gezogen, wo sich der Vater als Advocat niederließ. L^Die hünenhafte Gestalt, die lichtblauen Augen und das flachsblonde Haar des wallenden Bartes hatten Kuno frühzeitig den Beinamen „der Ur-Germane" eingetragen. Entsprach nun dieses Aeußere seiner inneren Veranlagung oder ward vielleicht der Heranwachsende Jüngling erst durch den Kosenamen auf seinen künftigen politischen Beruf aufmerksam — kurz, Kuno Müller war jedenfalls einer der waschechtesten „Kleindeutschen", die je Wiener Luft geathmet. Die deutsche Einheit war und wird immer das Ideal jedes Germanen sein. Nur war der Student Kuno Müller in der Wahl der Mittel, dieses Ziel zu erreichen, keineswegs sehr bedenklich. Wäre es nach seinem Sinne gegangen, so hätte man allen deutschen Fürsten die Köpfe abschlagen, ihre Kronen in einen Sack werfen und diesen mit der nächsten Post nach Berlin senden müssen. Die ablehnende Antwort des Königs von Preußen an die Deputierten der Frankfurter Nationalversammlung, als -diese ihm die Würde eines Kaisers der Deutschen antrug, hatte dem Ur-Germanen eine bittere Enttäuschung bereitet und Friedrich Wilhelm IV. konnte von Glück sagen, dass er die saftigen und kernigen Vorwürfe seines österreichischen Schildträgers nicht zu hören bekam. Nach dem Tode der Eltern gründete der Jurist mit dem geerbten Gelde das „Freie Blatt." Zu jener Zeit musste ein litterarifches Unternehmen Tüchtiges leisten, um sich über Wasser zu erhalten. Die Tage des Jahres 1848, in denen eine marktschreierische Aufschrift und eine leidenschaftliche, radicale Sprache genügten, um sich einen Leserkreis zu sichern, waren vorüber. Der junge Chefredacteur verfügte zwar über eine imponierende Gestalt, burschikoses Benehmen, einen langen, blonden, Vollbart und einige nie versagende Schlagwörter; die übrigen Fähigkeiten, um ein politisches Blatt zu leiten — fehlten ihm jedoch. Es konnte daher nicht Staunen erregen, dass bereits nach einem Jahre die Caffe des „Freien Blattes" bedenklich leer war. Aber über Nacht sollte Hilfe kommen.

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