Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 26 (1.7.1898)
- Article
- Die argentinischen Greuel
- Date
- 1898-07-01
- Page
- 5 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 JPKOWtf Seite 5 bebaut wurde, und dass die landwirtschaftliche Thätigkeit den Wert des bebauten Bodens erhöhe. Was für Zustände müssen denn in diesen unglücklichen Colonien herrschen wenn etwas so Selbstverständliches als officieller Bericht der Inspektoren angeführt wird. Wenn das wirklich der ganze Bericht ist, dann hat er über die Wirtschaft der „I. C. A." geradezu ein vernichtendes Urtheil abgegeben. Da aber der Bericht der „I. C. A." so wenig zu sagen weiß, so wollen wir Einiges aus den uns zu-' gegangenen Zeitungen und Berichten ergänzend mittheilen. Der „Courier de. la Flata*4 vom 23. und 24. Mai 1838 bringt einen großen Artikel unter dem Titel: ..Le Kracl» de la Jewisli'*, aus dem wir folgende Mittheilungen wortgetreu übersetzen: ... 100 Millionen sind von Baron Hirsch zur Verfügung gestellt worden. Niemals hat eine Colonisalionsgesellschaft ein so bedeutendes Capital zur Verfügung gehabt, das frei war von allen Lasten und Zinsen. Die Gesellschaft hatte Großes leisten können, aber sie scheint nur eines hervorgebracht zu haben: d i e heißen persönlichen Ambitionen unter ihren Directoren und Administratoren. Da wir angegangen worden sind, die Resultate zu studieren, welche der Zuwachs dieses bedeutenden Elementes (sc. der reichen Colonisationsgesellschast) hervorgebracht hat, stnd wir verpflichtet, die Augen nicht zu verschließen, uno seine Armseligkeit einzugestehen. Und man hatte doch als Versuchsfeld ein Land gewählt, das sich besser als irgend ein anderes zu diesen Experimenten eignet. Zur Zeit, als die ersten Colonisten ausgerüstet wurden, als die ersten Administratoren hier erschienen, die durch den Baron ernannt waren, von ihm hatten ausgewählt und von einer beglaubigten Competenz hatten sein müssen, da war das Land, wie man zugeben muss, so wohlseil und im Preise gesunken, wie man ihn in Argentinien seit 30 Jahren nicht kannte. Wir haben es mit angesehen, wie man einem der ersten Administratoren, Herrn Rosenthal — der uns selbst darüber um Rath fragte — im Jahre 1892 Ländereien von zweifellosein Wert in bedeutender Ausdehnung in einer der fruchtbarsten Gegenden der Republik um einen derartigen Preis anbot, dass ein Hectar ausgezeichneten Bodens auf circa — 3 (drei) Frcs. zu stehen kam. Die Bewerbungen waren aber so heftig, die Anbote so zahlreich, dass andere Ländereien den Unterhändler-.! für den Kauf vortheilhafter schienen. Schließlich kaufte die Gesellschaft nur wenig. Ihre Repräsentanten weigerten sich, gerade das Beste zu erwerben, und ließen sich durch Gründe leiten, welche nichts mit der objectiven Qualität dessen zu thun hatten, was man erwarb. ... Seit zehn Jahren nun (seit 1888) wird das Werk des Baron Hirsch betrieben. Acht Jahre dauerte es nach dem Bekanntwerden des Projectes, bis sich der erste Einwanderer zeigte. Mit einem einzigen Blick lässt sich heute die Summe der Resultate übersehen. Der Bericht, den wir vor Augen haben, gibt uns Kunde von 23 Bevölkerungscentren, die ausschließlich von eingewanderten Juden bewohnt sind. Diese 23 Eentren enthalten im ganzen 1339 Männer und >381 Frauen Dazu kommen 2387 Knaben und 1908 Mädchen, von denen sehr viele bereits in diesem Lande geboren sind. Im ganzen 70iö Menschen. Das ist also das Resultat dieser großen Anstrengung von Capital und Generosität in einem Zeiträume von 18 Jahren. Man hatte uns immer gesagt, und wir glaubten auch daran, dass die Einwanderung der I. A. C. hier bereits 33.000 Menschen sesshaft gemacht habe. Man sieht, dass die osiiciellen von ihr selbst publicierten Ziffern weit entfernt sind von dieser Münchhausiade. Wenn wir im Gegensätze zu dieser winzigen Ziper der Protectionseinwanderung die Ziffern der unabhängigen jüdischen Einwanderung betrachten, so finden wir in B u e n o s Aires allein 5000 Juden, von Denen sich die ersten vor circa 20 Jahren hier niedergelassen haben . .. Diese Ziffer wurde uns durch den Rabbiner angegeben. Wir haben alle Ursache, sie fürrichlig zu halten .. Nachdem der Verfasser des Ar.ike^s, der I. C. A. die Gerechtigkeit hat widerfahren lassen, dass ihre Action eine wohlthätig gemeinte gewesen sei, nachdem er aus der niedrigen socialen und culturellen Stufe der Einwanderer einen Theil des Misserfolges zu erklären gesucht hat, fährt er fort: Es gibt aber auch noch eine andere Ursache des Misserfolges dieser Colonisation, und unsere localen Journale lassen uns diese Ursache oft erkennen. Es ist die jämmerliche A d m inistration der Colonien und, sagen wir es offen, die Ausbeutung der Colonien und der Colonisten durch die Administratoren. Nun existiert in Buenos Aires eine Adrniniflrationscentrale, die seit 1890 mit ihrem Unternehmen vollständig Schiffbruch erlitten hat. Wir sahen aus Europa gesendete Personen einander folgen, die alle wieder zurückgerufen wurden. Schließlich wurde dieses administrative Centrum allmählich aus sehr bescheidene Proportionen reduciert. Es scheint dieser Leitung der Administration an Energie gegen die Administratoren zu fehlen, welche nach der jüdischen Tradition die Patriarchen und Familienchefs sein sollten, um die sich ihre Untergebenen achtungsvoll und in Ergebenheit gruppieren. Nach den Journalen von Santa F6 zeigen die täglichen Vorkommnisse eine sträfliche Vereinbarung der oft sehr jungen Administratoren mit den localen Behörden zu dem Zwecke, die Colonisten auszubeuten, zu ruinieren und gänzlich zu Grunde zu richten. Es scheint, dass die Millionen des Barons und der Association nur dazu bestimmt sind, einige Wenige zu bereichern, und dass diese Leute nur einen Zweck kennen, den Colonisten die Colonie und die Colonisation überhaupt zu verleiden. Sie sehen zweifellos mit großem Missvergnügen zur Unterstützung dieses Werkes Capitalien ausgeben, welche sie lieber zu ihren eigenen Gunsten verwendet sähen. In Moisesville müssen die Colonisten so viel leiden, dass die Entvölkerung geradezu rapide Fortschritte macht. „Der Verfasser schließt seinen Artikel damit, dass er das Unternehmen als ein unglückliches bezeichnet, indem die Millionen des Baron Hirsch dazu dienen, Juden nach Argentinien zu bringen und sie dann wieder zurückzuschaffen. Er empfiehlt der Association einen vollständigen Beamtenwechsel." Die Geschehnisse in Moisesville bespricht auch das Abendblatt der jüdischen „Arbeiter-Zeitung" in New-Aork und Philadelphia vom 8. April 1898 unter dem Titel: „Wie die mörderischenBeamten dieBaronin Clara Hirsch betrügen." Das Blatt bringt das Bild des Colonisten Hirsch Zeinstecher aus der Colonie Moisesville, wie er, die Füße in einen Block gespannt, dasieht. Das Blatt schreibt darüber unter anderem: ... In Russland hat man die Juden in bestimmten Landtheilen eingepfercht. In dieser jüdischen Provinz (in den argentinischen Colonien) werden die Menschen einzeln in dieser Weise gefesselt. Wie gefällt Euch dieser Fortschritt? Dieses Bild ist keine Erfindung. Es ist die Copie einer Photographie, die sich in unserem Besitze befindet. Der Mann, welchen sie darstellt, heißt Hirsch Zeinstecher und lebt noch in Buenos Aires, wohin er von der Colonie Moisesville flüchten musste, um weiteren Martern zu entgehen. Eine andere Copie dieses Bildes ist an die Baronin Hirsch gesendet worden zum Andenken daran, in welchem glücklichen Zustande die Colonisten in ihren Colonien leben. Zeinstecher war auf folgende Weise zu seiner „Strafe" gekommen. Der Hauptverwalter der Colonie Moisesville, Miguel K o h e n, hatte sich vor mehreren Monaten entschlossen, sich einiger Colonisten zu entledigen, die ihm nicht zu Gesichte standen. Eigentlich wollte er mehr als die Hälfte der in Moisesville befindlichen Colonisten los werden, da sie ihm zu sehr aus die Finger sahen. Ta er dies nicht aus einmal thun konnte, so suchte er sich zuerst zwei Dpfer aus, einen gewissen Hirsch Baraz und Israel Weißbart. Er gab plötzlick) an, die Colonisten hätten die Casse der Administration in Moisesville erbrechen und berauben wollen, und die zwei Genannten seien die Rädelsführer gewesen. Er setzte ein Protocoll aus, dessen Richtigkeit er durch seine Creaturen bestätigen ließ, und (endete es an die Centrale der Administration. Dann begab er sich nach San Cri stob al, dessen Polizeicommiffär sein Freund ist, und gab diesem die nöthigcn Instructionen. Bald daraus wurden Polizisten in die Colonie geschickt, um die „Rädelsführer" zu verhaften. Diese Verhaftung erweckte einen Sturm des Unwillens unter den Colonisten. welche wussten, dass die ganze Geschichte erfunden worden sei. 40 von ihnen begaben sich in die Stadt, um gegen die Verhaftung zu protestieren. Der Commissär war aber nicht mehr in der ^radt. An seiner Stelle gab Kohen, der sich dort befand, dem Polizeisecretär die Befehle. Die Folge davon war, dass noch eine Anzahl von Colonisten ins Gefängnis geworfen wurde. Es waren folgende: N. Grauer, I. Rosenblüth, Hirsch Zeinstecher, Abraham Siegel, I. Ludmir, A. Schächtmann. M. Bermann, M. Schapira, L. Sapir, I. Zilman und I. Piper. Im Gesängis wurden nun die Armen fürchterlich misshandelt, um sie dadurch zu zwingen, ein ihnen vorgelegtes Document zu unterschreiben. Wie es sich später herausstellte, verpflichtete sich jeder Colonist durch diese Unterschrift, Moisesville sofort zu verlassen. In der That konnten fünf dieser Unglücklichen die Martern nicht ertragen und gaben ihre Unterschrift. Als die Reihe an den sechsten, an Hirsch Zeinstecher kam, war er trotz der Misshandlungen nicht zu bewegen, seine Unterschrift zu geben, ilm ihu