Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 26 (1.7.1898)
- Article
- Die argentinischen Greuel
- Date
- 1898-07-01
- Page
- 4 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 26 auch die Kriege der La Platastaaten sind bereits seit einiger Zeit vorüber. Wer aber kennt die Tücken eines Vulcans? In diesem Lande beschloss Baron Hirsch eine große Anzahl von heimatslosen Juden anzusiedeln. Die Pläne giengen anfangs in's Ungeheuere. Es ist eine sehr bescheidene Realisierung erfolgt. Circa 7000 Köpfe zählte man vor kurzer Zeit in den jüdischen Colonien Argentiniens. Auch diese Zahl dürfte jetzt bereits zu hoch angegeben sein, da die Colonisten zu Hunderten - aus den Colonien flüchten. Vor wenigen Wochen giengen erst Nachrichten durch die Presse Europas und Amerikas, die wie ein Blitzstrahl in dunkler Wetternacht einen grellen, wenn auch nur kurzen Schein auf das Dunkel warfen, das die Jewish Colonisation Association geschickt über diese Colonien zu breiten wusste. Man wird vielleicht sagen, dass ja diese Gesellschaft erst jüngst einen Bericht übe^ das Aufblühen der argentinischen Colonien brachte, dass man also wohl von einem Dunkel nicht reden könne. Wir wollen diesen Bericht kurz wiedergeben und ihn mit den Berichten der argentinischen Blätter und den Originalberichten vergleichen, die uns zur Verfügung stehen. Dazu sind einige Worte über die Verhältnisse Argentiniens im Allgemeinen nöthig. Argentinien darf nicht nur mit Stolz den höchsten Berg Amerikas sein eigen nennen, sondern auch die vielleicht größte Staatsschuld der Welt, wenn man die Höhe der Schuldenlast mit der Einwohnerzahl vergleicht. Als der frühere Präsident Argentiniens, Pelegrini, dem Nationalcongress die Ursachen des argentinischen Staarsbankerottes vom Jahre 1890 darlegte, als er die Speculationswuth der Regierungen und hochgestellten Persönlichkeiten aufdeckte, die crassen Vorgänge in der Nationalbank und den Provinzbanken, die Ünehrlichkeit und Unordnung, die bei hoch und nieder herrschte, in den härtesten Ausdrücken verurtheilte, da hob auch er ganz besonders die traurige Haltung der Beamten hervor. Sie bezogen das Zwanzig- bis Dreißigfache ihres Gehaltes. Trotzdem waren sie überall und jedem gegenüber bestechlich. Die Corruption hatte die ganze Beamtenarmee ergriffen, welche mindestens doppelt so groß war, als sie zu sein brauchte. Der Staat und seine Einwohner arbeiteten für die Beamten, die thaten oder ließen, was sie wollten. Wie man weiß, machte die argentinische Regierung die größten Anstrengungen, um ihren zerrütteten Finanzen wieder aufzuhelfen. Insbesondere den europäischen Eiwanderern wurden große Begünstigungen, z. B. freie Ueberfahrt, große Conceffionen beim Landkauf oder der Ansiedlung in den Städten versprochen, rc. Das wirkte auch. Die Einwanderung nahm rapid zu. Insbesondere Italiener, Franzosen, Basken, Engländer, aber auch Einwohner anderer amerikanischer Staaten suchten das gastliche Land auf. Da fanden es auch Baron Hirsch, resp. seine Berather, an der Zeit, ihre Pläne auszuführen. Im Jahre 1889 wurde die Colonie Moisesville gegründet. Wir wollen die Gründung der übrigen Colonien nicht im Detail verfolgen. Es genügt, zu wissen, dass die Jewish Colonisation Association die Stelle wurde, welche nach dem Tode des Baron Hirsch die Argentinien - Colonisation leitete. Sie gab immer sehr beruhigende Berichte über die Entwicklung der Colonien, und wenn hie und da schlimme Nachrichten über den Stand der Colonien oder die Behandlung der Colonisten durch die Administration auftauchten, so wurden sie gewöhnlich rasch dementiert. Bedenklich war es aber, dass die jüdische Presse nicht zur Ruhe kommen konnte. Während ein Theil derselben immer wieder sich gezwungen sah, ungünstige Berichte zu veröffentlichen, brachte der andere Theil die reizendsten Schilderungen von den Zuständen in den der Obhut der I. C. A. anvertrauten Colonien. Diese schönen Schilderungen haben jetzt aufgehört. Dagegen blieben die schlimmen Nachrichten unwidersprochen. Und sie mussten es bleiben; denn die erst jüngst nach Europa und Nordamerika zurückgekehrten Colonisten konnten Selbsterlebtes berichten und claffische Zeugen führen. Was sagte die I. C. A. dazu? Ihrem officiellen Jahresberichte über das Jahr 1897 entnehmen wir folgende Ausführungen: „Sicherlich sind noch nicht alle Schwierigkeiten behoben. Wir können nicht sagen, dass die Bevölkerung, die nach Argentinien verpflanzt wurde, bereits jetzt alle Eigenschaften alter Agriculturvolker erworben habe. Ihre Erziehung ist noch nicht beendet. Wir sind aber glücklich, constatieren zu können, dass ein großer Fortschritt erreicht wurde. Die letzte Ernte war befriedigend — Die Colonisten scheinen jetzt auf dem Boden Wurzel gefasst zu haben, auf dem sie arbeiten. Man kommt uns nicht mehr mit Bitten, wie o er in die frühere Heimat geschafft zu werden ... Es gibt sogar Colonisten, die auf ihre eigenen Kosten ihre Eltern aus Russland kommen lassen. Wenn diese in Argentinien ankommen, finden sie sich nicht vereinsamt, sie werden durch ihre Verwandten unterstützt, und diese Colonisation ermuthigen wir. Die argentinische Regierung hat selbst die Dienste anerkannt, welche die Colonisten in den Provinzen geleistet haben, in denen sie angesiedelt sind. Die officiellen Berichte der Jnspectoren constatieren, dassdieColonisten einer bedeutenden Fläche unbebauten Landes Wert gegeben haben und dass ihre Thätigkeit bisher wü st en Gegenden eine unleugbare Prosperität verschafft hat.« Das ist alles, was die „I. C. A." im allgemeinen über die Colonisation in Argentinien zu sagen weiß. Dann folgt ein summarischer Ausweis der Beoölkerungszahl der Colonien, der angebauten Flächen (inHectar), die Aufzählung der Schulen und der Bericht über den Gesundheitszustand der Colonisten. Letzterer wird als gut bebezeichnet, nur gab es „eine ziemlich große Anz ahl Fälle von typhösenr Fieber", gegen welches man Maßregeln ergriffen habe. Es fehlt in den einzelnen Colonien noch an Aerzten. Dann bespricht ein kleiner Absatz das Selfgovernement der Colonisten. In den Colonien von Entre Rios wurde das System, weil die Colonien zu jung seien, noch nicht eingeführt. In M a u r i c i o und Moisesville existiert das Selfgovernement. Die Commission der Colonisten von Mauricio zählt fünf Mitglieder, welche sich mit den communalen Angelegenheiten und der Obsorge für Spital und Schlachthaus zu beschäftigen hat. Auch mit den Unternehmern des Dreschens hat sie zu unterhandeln und den hebräischen Unterricht zu überwachen. In Moisesville haben die Colonisten zwei Repräsentanten der Administration beizustellen. Uebrigens sollen die Colonisten auch ein Comitö der öffentlichen Arbeiten bilden, das von der Provinzregierung anerkannt fei. Dieses sogenannte Selbstverwaltungssystem soll, wie der Bericht über Argentinien schließt, „den Colonisten das Bewusstsein ihrer Freiheit und ihrer Verantwortlichkeit geben!" Wenn man diesen Bericht liest, so fällt jedem — außer dem ungewollten, aber umso bittereren Hohn der letzten Worte, — gewiss das Eine auf, dass sich der Bericht in wenigen Sätzen gefällt, die nichts Wichtiges sagen, und dass er Redewendungen gebraucht, welche geeignet sind, ein sonderbares Licht auf die Gebahrung der „I. C. Ä." zu werfen. Wir wollen keine Commentare liefern. Wir haben nur Einiges unterstrichen. Die furchtbare Banalität der Stelle aber, welche von dem Gutachten der Jnspectoren spricht, müssen wir doch besonders betonen. Noch nie hat ein officieller Bericht so gar nichts und so viel besagt, wie der, welchen die „I. C. Ä." sich nicht zu veröffentlichen scheut. Der Bericht constatiert, dass früher unbebautes Land