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Die Welt · 1898-05-20 · 20 (20.5.1898) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
20 (20.5.1898)
Article
Der Zionismus und seine Gegner
Date
1898-05-20
Page
4 (sequence 4)
Language
German
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Sette 4 Nr. 20 Juden, die sich für Zion entscheiden, brüderlich die helfende Hand reichen, ihnen den Abzug aus dem Geburtslande, die Niederlassung in Palästina erleichtern. Lassen Sie uns einmal diesem Vorwurf der Vaterlandslosigkeit ins Gesicht leuchten, ehrlich und offen, wie es Männern geziemt, die vor einem großen Vorhaben stehen. Im Munde derjenigen, die uns diesen Vorwurf machen, ist er ein besonders grausamer Hohn. Sind denn wir es, die uns in unserer Hermat als Fremde bezeichnen? Sind nicht sie es? Waren wir nicht jahrhundertelang bereit, zwischen unseren Landsleuten und uns nur einen religiösen, keinen nationalen Unterschied gelten zu lassen, und waren nicht sie es, die uns bis zum heutigen Tage in jeder amtlichen Statistik nicht als Religionsgemeinschaft, sondern als besondere Nationalität, als besondere Nation ansührten? Haben wir uns von allen Ehrenrechten des Vollbürgers ausgeschlossen oder haben sie es getyan? Wir sind Zionisten geworden, weil unsere Landsleute uns erklärt haben, dass sie uns nicht als Landsleute anerkennen. Es wäre die äußerste Treulosigkeit, wenn sie nun den Spieß umdrehen und sagen würden: „Wir erkennen euch nicht als Landsleute an, weil ihr Zionisten seid." Ich verschmähe es, denen, die uns Mangel an Vaterlandsliebe vorwerfen, die banale Antwort entgegenzusetzen: Wir erfüllen alle unsere staatsbürgerlichen Pflichten, wie unsere christlichen Landsleute; wir entrichten unsere Geldnnd Blutsteuer, wie sie. Das ist wirklich ein schwacher Beweisgrund. Bloße Pflichterfüllung leuchtet nicht in Gemüthstiefen hinab. Sie kann erzwungen werden. Ihr entzieht sich auch der Fremde nicht, der zum Zwecke des Erwerbes ohne jede Gefühlsbeziehung in einem Lande wohnt. Das Verhältnis des Juden zu seinem Geburtslande ist ein anderes. Der Jude fühlt sehr stark. Das ist jedem Volkerpsychologen bekannt. Jeder Affect steigert sich bei ihm zur Leidenschaft. Er ist vom Stamme jener Asra, welche sterben, wenn sie lieben. Auch die Vaterlandsliebe ist bei ihm heftiger als bei anderen, ruhigeren Naturen. Es gibt keine Misshandlung, die sie ihm aus dem Herzen reißen könnte. Als Spanien seine Juden unter Greueln verjagte, die in der Geschichte ohne Vorbild sind, da weinten die Vertriebenen um ihre sonnige Heimat ebenso sehr, wie um ihre niedergemetzelten Kinder und Eltern, und mehr, als um die ihnen geraubte Habe. Und noch heute, vier Jahrhunderte später, pflegen die Nachkommen jener Hinausgestoßenen ihre spanische Muttersprache, ihr Ladino, als ein theures Vermächtnis des verlorenen Vaterlandes. Von einer ganz einzigen Innigkeit ist das Gemüthsverhaltnis des deutschen Juden zu seinem Vaterlande. Nirgendwo hat er sich alle köstlichen Adelseigenschaften seiner Landsleute so vollständig zueigen gemacht, wie hier. Er ist mit der deutschen Sprache so zusammengewachsen, dass sie -ein Stück seines geistigen Organismus geworden ist. Wenn dem deutschen Reisenden tausende Meilen von der Heimat, in der unwahrscheinlichsten asiatischen Barberei, in Kamtschatka, am Fuße der chinesischen Mauer in Dhiwa oder Bochara, plötzlich deutsche Laute entgegenklingen, so ist es neununter zehnmal aus dem Munde eines dorthin verschlagenen polnischen oder russischen Juden. Diese Laute sind entstellt und anstößig fehlerhaft, es ist ein Deutsch, das auf seiner mittelalterlichen Entwicklungsstufe stehen geblieben ist und seitdem durch hehebräische und slavische Eindringlinge verunstaltet wurde. Aber es ist immer noch deutsch, das Deutsch, das die im 14-. Jahrhundert aus ihrem Vaterlande verbannten Juden in das sich ihnen gastlich öffnende Reich Kasimirs des Großen mitgenommen und bis zum heutigen Tage, fast sechs Jahrhunderte lang, treu bewahrt haben. An den Großthaten des deutschen Schwertes theilzunehmen, war den Juden bis zum Beginn dieses Jahrhunderts meist versagt. Aber an der deutschen Gesittung haben sie redlich mitgearbeitet, weit über ihr Pflichtteil hinaus. Wenn man das herrlich strahlende Licht des deutschen Geistes fpectralanalytisch untersucht, so findet man in jedem Theil des Spectrums die jüdischen Linien, im Roth der Politik wie im Grün des Gewerbefleißes, im Purpur der Kunst, wie im Violett der Wissenschaft. Von jenem mittelalterlichen jüdischen Minnesänger Süßkind, dessen Lieder uns die Manesse'sche Handschrift zum Theil bewahrt hat, bis zu Heinrich Heine und zu späteren heute wirkenden Talenten haben die Juden nicht aufgehört, auf jeder Seite der Geschichte deutscher Dichtung zu glänzen, und nennt man die besten Namen deutscher Dichter und Schriftsteller, solcher, die dem deutschen Schriftthum die größte Ehre vor der Fremde gemacht haben und noch machen, so werden auch jüdische Namen genannt. Der Jude Jacoby hat den Anstoß zur verfassungsmäßigen Entwicklung Preußens gegeben. Die Juden Simson und Rießer haben am ersten deutschen Parlament in der Paulskirche leitend mitgewirkt. Der Jude Simson hat die Abordnung des norddeutschen Reichstages zum ersten deutschen Kaiser aus dem Hause Hohenzollern geführt. Der Jude Lasker war beim Ausbau des neuen deutschen Reiches in erster Reihe thätig, von vielen anderen, kaum minder verdienstvollen Juden nicht zu sprechen. Dem deutschen Juden ist Germania die angebetete Mutter. Er weiß, dass er das Aschenbrödel unter ihren Kindern ist, aber er ist doch auch ihr Kind; er gehört doch auch zur Familie; er hat immer in der Küche gesessen, aber doch unter dem gemeinsamen Obdach; und bei den großen Familienereignissen, in den Tagen des großen Kummers und der großen Freude vergaß alles den harten Brauch, der ihn für gewöhnlich in die Küche bannte, und er fand sich in der guten Stube, bei der Mutter, mit den bevorzugten Geschwistern, mit ihnen zu jubeln, mit ihnen zu weinen, eine gottgesegnete Stunde lang, die er dann auf seinem Schemel beim Herde nie wieder vergaß. Wenn der Sammelruf an die Juden ergehen wird, nach Zion zu wandern, so werden sich in der Seele deutscher Zionisten erschütternde Tragödien abspielen. Vielen und wahrlich nicht den schlechtesten, wird es unmöglich sein, sich für das eine oder das andere Dasein zu entscheiden. Es wird ein Riss durch ihr Herz gehen und sie werden sich an der geheimen Wunde still verbluten. Ihr Schmerz im Augenblicke der Wahl wird das Maß ihrer Liebe zum deutschen Vaterlande geben. Auch die sich werden losreißen können, werden in Palästina bis zu den fernsten Kindeskindern an Deutschland denken, wie an eine verlorene Jugendgeliebte. Die Nibelungenstadt Worms, Straßburg, die wunderschöne Stadt, werden von Sehnsuchtspoesie um dämmert in ihren Sagen und Liedern leben. Sie werden sich erinnern, dass in der Erde dieser und mancher anderen für sie heiligen Städte die Asche ihrer verbrannten Vorfahren ruht; den Verfolgern und Peinigern werden sie im neuen Dasein der Freiheit längst verziehen haben und nur noch mit stolzer Rührung der Ahnen gedenken, die so heldenmüthig zu sterben wußten. Viele deutsche Juden endlich, auch gute Juden, werden sich von der Heimat überhaupt nicht losreißen können und werden bleiben. Sie sollen auch bleiben. Der Zionismus erwartet und verlangt gar nicht, dass alle Juden beidei Wellen nach Palästina zurückkehren. Er soll das Heil seil für diejenigen, die leiden und um Hilfe rufen. Die sic! wohlfühlen, sollen an ihren Verhältnissen nichts ändern Wir wollen nur, dass sie sich noch besser fühlen. Dm werden sie, wenn ein jüdisches Gemeinwesen in Palästim entsteht und gedeiht. Es wird eine Stärke dieses Gemein wesens sein, dass es zu dem zurückbleibenden Judenthuri in beiden Welten innige Beziehungen unterhalten wirk noch innigere, als Rom zu den Katholiken aller Länder dass es gleichsam mit einem höchst entwickelten Nerven geflecht die ganze Erde umspannen und in seinem Gehir zu Zion jede leise Gedankenströmung, jede Gefühle

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