Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 20 (20.5.1898)
- Article
- Der Zionismus und seine Gegner
- Date
- 1898-05-20
- Page
- 5 (sequence 5)
- Language
- German
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bewegung der gesitteten Menschheit sosort wahrnehmen wird. Und umgekehrt wird dieses jüdische Gemeinwesen in Palästina jeden Juden der Welt in seiner Stellung und seinem Werte inmitten seiner Landsleute erhöhen. Sie sind mit Recht stolz auf den Engländer Disraeli, die Italiener Luzatti und Ottolnnghi, den Franzosen Cremieur. Sie werfen sich in die Brust, wenn diese Generäle, diese Minister genannt werden. Run denn: das Mittel, viele Cremieux, viele Ottolnnghis und Luzzatis, viele Disraelis zu haben, ist die Schaffung eines jüdischen Gemeinwesens. Wir Zionisten haben die Zuversicht, dass die nach Palästina zurückkehrenden Juden den in ihrem Vaterlande bleibenden Juden Ehre machen werden. Wie wir alle uns heute schämen müssen, wenn man uns den versclavten Juden des Ostens vorrückt, so werden Sie alle den Kopf höher tragen dürfen, wenn das neue Zionsland die Welt zur Achtung vor jüdischer Tüchtigkeit gezwungen haben wird. Weit entfernt eine Gefahr für das Judenthum zu sein, bedeutet der Zionismus die einzige Rettung für die Juden, die ohne ihn umkommen würden, und eine Rangerhöhung für die Juden, die einer Rettung nicht zu bedürfen glauben. Und wer den Peterspfennig nicht als eine Verleugnung der Vaterlandsliebe denunciert, der wird folgerichtig auch den Juden nicht der Vaterlandslosigkeit beschuldigen können, wenn er, ohne selbst die Heimat aufzugeben, den Brüdern, die ein neues Dasein träumen, bei der Verwirklichung ihres Traumes hilft. Bleibt der letzte Einwand: der Zionismus ist ein unausführbares Hirngespinst. Darauf sei nur ganz kurz geantwortet. So lange ein Plan erst auf dem Papier steht, können seine Gegner immer behaupten, er sei unausführbar. Mit bloßen Worten kann man sie niemals zwingen, die Segel zu streichen. Das einzige Mittel, ihnen kategorisch zu beweisen, dass sie sich irren, ist eben die Verwirklichung des Planes. Dielen Beweis hoffen wir führen zu können. Worauf wir unsere Hoffnung stützen? Auf die Ueberzeugung, dass alle Voraussetzungen der Kritiker, die den Zionismus ein Hirngespinnst nennen, falsch sind. „Es gibt kein jüdisches Volk!" sagte man uns. In Basel waren 204 Männer aus allen Theilen der Welt versammelt, die-sich begeistert als Glieder, als Vertreter eines einzigen Volkes bekannten. „Die Juden wollen gar nicht nach Palästina zurückkehren!" Diese 204 Juden in Basel versicherten, dass hinter ihnen mehrere hunderttausend Juden stehen, die schon heute bereit sind, auf den ersten Wink ihre Lenden zu gürten und gen Zion zu wandern. „Die Juden sind ein Krämervolk geworden und werden nie wieder den Pflug führen lernen!" Alle Juden, die in den Ackerbaucolonien Palästinas angesiedelt wurden, haben sich unter den ungünstigsten Verhältnissen als unvergleichlich zähe, fleißige und geschickte Pfleger der Scholle bewährt. „Palästina kann die Juden gar nicht aufnehmen." Palästina — mit den angrenzenden Provinzen — bietet reichlichenRaum für 12- bis 15 Millionen Einwohner, die neben Ackerbau auch Gewerbe treiben und einem zu entwickelnden Durchgangsverkehr und Welthandel dienen wollen. „Palästina ist ja nicht unbewohnt und die Bevölkerung wird sich nicht verdrängen lassen wollen!" Wir wollen niemand verdrängen und wir haben schon jetzt Beweise, dass die sechsmalhunderttausend Araber, die heute im heiligen Lande Hausen, mit den einziehenden Juden gute Nachbarschaft halten werden. „Die Sprachenfrage wird ein unüberwindliches Hindernis bilden." Für Leute, die blos mit ihrem Jargon ausgerüstet nach London kommen und in drei Monaten leidlich, in zwei Jahren wie Eingeborene englisch sprechen, die in Argentinien landen und nach einem halben Jahre mit den Gauchos fließend spanisch plaudern, gibt es eine Sprachschwierigkeit einfach nicht. „Die Mächte werden niemals einwilligen, dass Palästina jüdisch werde." Welche Mächte? Die Türkei? Sie ist bereit, die Juden aufzunehmen, wenn ihr dafür Vortheile geboten werden. Die anderen Mächte? Diejenigen, die sich mit der Judenfrage quälen, heißen jede Lösung der Schwierigkeit willkommen und die zionistische am meisten, weil sie die gründlichste ist. „Die Christenheit wird den Juden niemals die Hut der heiligen Stätten überlassen!" Das verlangen wir auch gar nicht. Es soll vorläufig Alles bleiben wie es ist. So lange die christlichen Mächte uns der Ehre nicht würdig glauben, die Wache am heiligen Grabe zu beziehen, möge am Eingänge der Grabkirche weiter der türkische Posten sein Gewehr schultern. Aber die Christenheit wird bald erkennen, dass wir auf ihr Vertrauen mindestens ebensoviel Anspruch haben wie der Islam, und sie wird es uns nicht vorenthalten. Diejenigen, die die Schwierigkeiten des Zionismus für unüberwindlich halten, leiden an Gespensterfurcht. Die Sache ist, zwar nicht ausschließlich, doch wesentlich, eine Geldfrage. Sie sagen: „Der Zionismus ist unausführbar, darum halten wir uns von ihm ferne." Ich antworte Ihnen: „Sie halten sich vom Zionismus fern, darum ist er unausführbar." Wenn die wohlhabenden, die reichen Juden den armen, die die ersten Bürger des jüdischen Gemeinwesens in Zion werden wollen, mit Geld — nicht mit Almosen! nur mit einem wohlgesicherten, anständig verzinsten Darlehen — zu Hilfe kommen wollten, so wäre Zion in kürzester Zeit kein Dichterwort, sondern eine politische Wirklichkeit. Die Gelegenheit, mit ihrem Gelde an der Verwirklichung des zionistischen Gedankens mitzuarbeiten, wird Ihnen in den nächsten Wochen geboten werden, wenn der Aufruf an Sie ergeht, für die in der Gründung befindliche jüdische Colonialbank Beiträge zu zeichnen. Und nun fasse ich meine allzulange Beweisführung ganz kürz zusammen. Den Zionismus abzulehnen haben nur diejenigen Juden recht, die das Verschwinden des Judenthums wollen. Aber diese Gegner dürfen anständigerweise in der Sache nicht mitreden, da der Zionismus nicht ihre Angelegenheit ist, sondern die Angelegenheit der Juden, die die Erhaltung des Judenthums wünschen. Die Erhaltung des Judenthums ist bei der Fortdauer des gegenwärtigen Zustandes unmöglich. Die gebildeten Juden werden abfallen, die ungebildeten verkommen, wenn ihnen keine besseren sittlichen und wirtschaftlichen Daseinsbedingungen geschaffen werden. Der Zionismus ist für viele Juden das Heil, für keinen Juden eine Gefahr. Die Unausführbarkeit des Zionismus ist eine Fabel von Kleinmüthigen, die sich kein Haus vorstellen können, solange es nicht ganz fertig gebaut, so sogar trocken gewohnt ist. Und mein letztes Wort ist: Das Judenthum wird zionistisch fein oder es wird nicht sein! Der zweite Baseler Congress. 19. M«i 1898. Die Quertreibereien, die gegen die Veranstalter des II. Congresies bereits begannen, haben nun schon krärtige Antivorten erhalten. Die Redaction des „Hamagid" z. B., welche einem Artikel des Herrn Dr. Kaminka Aufnahme gewährte, der gegen den Congress und das Actionscomitö in rüder Weise hetzte, hat in einer Woche über 300 Protestkundgebungen gegen diesen Artikel erhalten. Dem Comits wurden auch von vielen anderen Seiten Kundgebungen zugesendet, welche auf das Schärfste diese Machinationen verdammen und sich in begeisterter Weise für den II. Congress und die Colonialbank anssprechen. Das Comitv hat die Inhaber von Schekelbüchern zur Einsendung der Blocks aufgefordert. Es wird dringend empfohlen, alle Vorarbeiten zu beschleunigen, damit nicht im letzten Augenblicke durch die Massenhastigkeit des Materials Schwierigkeiten entstehen. Namentlich ist es im Jnteresie derjenigen,