Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 20 (20.5.1898)
- Article
- Der Zionismus und seine Gegner
- Date
- 1898-05-20
- Page
- 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr 20 J*#WdC Seite 3 finge oder erwachsen zu rhachitischen Zwergen, der ganze Stamm ist zur Krankheit, Unwissenheit, Laster und Wahnsinn verurtheilt und seine vollständige Zerstörung nur eine Frage weniger Menschenalter. Wie wollen sie diesen Unglücklichen helfen? Hoffen Sie etwa auf die Abschaffung der Gesetze oder Sitten,unter denen die Juden in den östlichen Ländern zu Grunde gehen? Eine solche Hoffnung hat nicht die geringste vernünftige Berechtigung. Es mag ja sehr schwierig sein, sechs Millionen Juden in Palästina, dem Hauran und Syrien mit Selbstverwaltung und staatlichen Rechten anzusiedeln, aber tausendmal schwieriger wäre es, von der russischen und rumänischen Regierung die Aufhebung ihrer Judengesetze zu erlangen. Ich will gar nicht an die Möglichkeit glauben, dass mir ein nichtzionistischer Jude etwa entgegenhält: „die russischen und rumänischen Juden sind nicht unsere Sorge. Wir haben nichts mit ihnen gemein", das wäre nicht nur eine himmelschreiende Unmenschlichkeit und ein ruchloser Verrath an allen natürlichen und geschichtlichen Pflichten, es wäre auch vor allen Dingen eine klägliche Thorheit, denn wir mögen thun was wir wollen, in den Augen unserer Feinde ist das Judenthum der ganzen Welt eins. Wir mögen noch so grimmig den letzten Rest von jüdischem Zusammengehörigkeitsgefühl aus dem Herzen reißen. Die Feinde schmieden um uns Alle eine eiserne Klammer von Solidarität, die wir nicht zerbrechen können. Das gesammte Judenthum wird immer nur so stark sein, wie sein schwächster Punkt und den Maßstab, mit dem man es misst, wird immer der niedrig stehende Jude liefern. Sie können den Kaftanjuden nicht von den Schößen ihres seinen Fracks abschütteln'. Ihre Anstrengungen zu diesem Zwecke machen sie in den Augen der Nichtjuden nur lächerlich und verächtlich. Die Verachtung, die der hündisch kriechende Bettler in schmierigem Kaftan und mit den fettigen Schläfenringeln einfloßt, fällt auf uns alle zurück. Der reisende Antisemit, der auf die Lumpen unseres vogelfreien unglücklichen Bruders im Osten gefahr- und straflos spucken darf, denkt bei dieser Beschimpfung an den jüdischen Baron, Geheimrath und Professor seiner Heimat, dem er wegen seines staatlichen Titels und Ranges äußere Achtung bezeigen muss und jeder Fußtritt, der seine Dreckspur auf dem Kaftan zurücklässt, schließt eine Absicht in sich, die sittlich auch dem Amtstalar des jüdischen Richters und Hochschullehrers und die Seidenrobe der jüdischen Bankbaronin trifft. Wenn also nicht aus Brüderlichkeit, aus Menschlichkeit müssen wir im wohlverstandenen eigenen Interesse das Mögliche thun, um den verkommenden oder bereits verkommenen Juden des Ostens auf eine höhere wirthschaftliche, sittliche und geistige Stufe zu heben. Das ist meine Antwort auf den Einwand, dass das Judenthum zu seinem Bestände des Zionismus nicht bedarf. Die höhergebildeten Juden des Westens wollen nicht länger verachtet sein und werden abfallen; diejenigen, die gegen Verachtung unempsindlich sind, werden in einen abstoßenden Materialismus versinken und die Verachtung wirklich verdienen; die Juden des Ostens aber werden mit Leib und Seele untergehen. In einer neblig fernen Zukunft wird ja freilich auch der Antisemitismus aufhören. Aber wenn das Judenthum bis dahin dem Hass und der Verachtung ausgeliefert bleiben soll, so wird das goldene Zeitalter des reinen Menschenthums und der allgemeinen Brüderlichkeit keine Juden mehr vorsinden, die sich seines Sonnenscheins erfreuen könnten. 9hm, zum zweiten Einwand gegen den Zionismus. Er könnte den nicht zionistischen Juden schaden. Dieser Einwand geht aus einer derartig naiv unverschämten Selbstsucht hervor, daß man Mühe hat, ihn mit Gleichmuth zu erörtern. Er läuft darauf hinaus, dass etwa eine Fünftel- Minderheit von behäbigen und satten Juden der Vierfünftel-Mehrheit von verzweifelten und zu äußersten Thaten der Selbsthilfe entschlossenen Juden sagt: „Wie könnt ihres wagen, durch eure wilde Anrufung Zions unsere Verdauung zu stören? Warum verwürgt ihr eure Leiden nicht? Warum verhungert ihr nicht stumm? Seht ihr nicht, daß ihr den bösen Antisemiten, die allein noch unser Behagen ein wenig trüben, ein Argument gegen uns liefert, die wir doch von Zion nichts wissen wollen?". Eine Minderheit, die zu einer ungeheuren Mehrheit so spricht, hat eigentlich jeden Anspruch auf Rücksicht verwirkt und würde verdienen, dass man ihr antwortete: „Ihr opfert uns leichten Herzens und hofft doch, dass wir auf euch Rücksicht nehmen? Wenn der Zionismus nichts anderes thäte, als unter eure wohlgepolsterten Armstühle ein Feuerchen anzuzünden, so wäre das allein schon eine genügende Rechtfertigung für ihn." Diese Antwort wäre verdient, aber wir geben sie nicht. Denn anders als die nichtzionistischen Juden sind wir keine Antisemiten und freuen uns nicht, wenn irgendeinem Juden, und wäre er ein noch so schlechter, etwas Böses widerfährt. Ich habe vorhin das Wort „naiv" ausgesprochen. In der That, ich glaube, dass diejenigen, die den Einwand der Gefahr erheben, sich der Bedeutung ihres Standpunktes gar nicht bewusst sind, und nicht aus eiskalter Rücksichtslosigkeit gegen die Anderen, sondern aus reiner Gedankenlosigkeit auf ihr Argument verfallen sind. Das gestattet uns, auch über diesen Punkt uns mit ihnen ruhig und freundlich auszusprechen. Die Gefährlichkeit des Zionismus soll darin bestehen, dass er den Vorwurf zu rechtfertigen scheine, die Juden hätten keine Vaterlandsliebe. Wer soll diesen Vorwurf erheben? Die Antisemiten? Die haben nicht auf den Zionismus gewartet, um uns in jedem Lande für vaterlandslose Fremdlinge zu erklären, und die werden immer bei ihrer Behauptung bleiben, auch wenn Sie mit noch so edler Entrüstung den Zionismus von sich weisen. Es gibt keine aussichtslosere Politik, als so handeln zu wollen, dass man dem Feinde gefällt. Diese unwürdig ängstliche Politik ist nicht die unserige. Wir sagen: Thue recht und scheue niemand. Wir haben nicht den Ehrgeiz, die Antisemiten durch Demuth und Unterwürfigkeit zu entwaffnen. Sie sollen weiter schimpfen. Das darf und wird uns niemals hindern, alles zu thun, was uns für das Wohl der Juden zuträglich scheint. Was die Antisemiten dazu sagen, ob sie es zum Vorwand neuer Beschimpfungen und Verleumdungen nehmen, das ist uns vollkommen gleich. Bleiben die christlichen Landsleute, die nicht unsere unversöhnlichen Feinde und die guten Glaubens sind. Dass fctep uns wegen des Zionismus die Vaterlandsliebe absprechen werden, ist nicht zu erwarten. Wem sollen sie denn diesen Vorwurf machen? Den Juden, die nach Zion gehen? Diese Juden behaupten nicht, in ihrem Geburtslande ein Vaterland gefunden zu haben. Sie heucheln nicht, sie bekennen sich offen zu ihren Gefühlen, sie wollen Bürger Palästinas sein, und ihre echte, glühende Vaterlandsliebe hat das heilige Land ihrer Vorfahren zum Gegenstände. Oder wird man den Vorwurf den Juden machen, die in ihrem Geburtslande bleiben? Diese beweisen ja ihre Anhänglichkeit an das Geburtsland dadurch, dass sie bleiben. Sie haben zwischen Zion und ihrem Heimatslande zu wählen, und sie entscheiden sich für ihr Heimatsland. Genügt das nicht, um sie gegen hämische Missdeutungen sicherzustellen, wenn sie jenen