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Die Welt · 1898-05-20 · 20 (20.5.1898) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
20 (20.5.1898)
Article
Der Zionismus und seine Gegner
Date
1898-05-20
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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«eite 2 Nr. 20 hatte, nahm der Antisemitismus in der That sehr rasch ab. Ein bekannter Vers im „Cid" von Corneille sagt: „Et le combat cessait faute de combattants,“ „Der Kampf hörte auf, da es keine Kämpfer mehr gab." Da die Juden gelehrig in ihr Ghetto zurückkehrten, brauchte das christliche Gemeinwesen sich über sie nicht länger aufzuregen. Wenn die Juden sich bescheiden, Staatsbürger zweiter Classe — nein, das ist ein wenig zu viel! — dritter oder vierter Classe zu sein, dann verschwindet der Antisemitismus, weil er gegenstandslos wird. Dann können sie auf ein allseitiges Wohlwollen rechnen, das freilich mit etwas Verachtung gemischt ist — aber du lieber Himmel! Diese Erde ist nun einmal ein Jammerthal, und der Verständige weiß sich damit abzufinden. Doch ich will nicht spotten, denn es ist mir im Grunde gar nicht so ums Herz. Ich bin betrübt über die Verblendung der Juden, die sich über die Uebel der Gegenwart damit trösten, dass der Antisemitismus eine Tagesmode ist und bald vorübergehen wird. Geben Sie diese Hoffnung aus! In absehbarer Zeit wird der Antisemitismus nicht verschwinden. Er ist zu tief in der Menschenseele gegründet. Er hängt zu innig mit einigen der ursprünglichsten Eigenthümlichkeiten des menschlichen Denkens und Fühlens zusammen. Wir alle, Juden wie Christen, Wilde wie Gesittungsmenschen, empfinden feindlich, was in Wesen und Gewohnheiten von uns abweicht. Es genügt, daß Jemand anders sei wie wir, um uns unangenehm zu sein. Sind die von uns Verschiedenen eine verschwindend kleine schwache Minderheit, so fühlen wir uns nicht gezwungen, unsere Abneigung zu unterdrücken oder auch nur zu verschleiern und ihre Ungehemmtheit begünstigt ihre Entwicklung. Zu diesem allgemeinen menschlichen Grunde der Feindseligkeit jeder Mehrheit gegen jede in ihrer Mitte lebende Minderheit. die durch besondere Züge kenntlich ist, tritt in unserem Falle ein Ueberlebsel von altem Glaubenshass gegen die Gottesmörder und ein Nachhall abergläubischer Fabeln des Mittelalters von allerlei jüdischen Unthaten hinzu. Die Abneigung gegen die abweichende Minderheit bezeichnet diese mit psychologischer Gesetzmäßigkeit als die Prügelknaben und Sündenböcke für alle Fehler oder Missgeschicke der Mehrheit. Wenn die stammes- und glaubenseinheitlichen Völker des Alterthums von irgend einem Ungemach heimgesucht wurden, wofür sie keine ausreichende Erklärung in eigenem Verschulden fanden oder finden wollten, so vermutheten sie, dass die Stammesgötter ihnen zürnten und suchten sie zu versöhnen. In allen Fällen, wo diese Völker die Schuld an ihren Leiden den Göttern beimaßen, da machen moderne aufgeklärte Völker, die unter ihnen wohnenden Juden für sie verantwortlich. Es ist derselbe Aberglaube, nur zeitgemäß umgesialtet. Und das wird nicht anders werden, so lange die Menschennatur sich nicht geändert haben wird. Wie lange'das dauern wird, weiß ich nicht zu sagen, jedenfalls viel zu lange, als dass das Judenthum es abwarten könnte. Denn das ist das Wesentliche, worauf ich hinauskommen wollte. Das Judenthum kann nicht warten, bis der Antisemitismus versiegt und in seinen ausgetrockneten Bette eine üppige Saat von Nächstenliebe und Gerechtigkeit emporsprießt. Stellen Sie keine Regel-de-Tri-Berechnung an, in der sie aus den zwei Jahrtausenden der jüdischen Leidensvergangenheit eine Zahl für das der jüdischen Leidenszukunft gewinnen wollen. Die Verhältnisse sind nicht mehr dieselben wie in der Vergangenheit, die Rechnung würde deshalb nicht stimmen. Der gebildete und selbstbewusste Jude des Westens fühlt sich als einen Vollmenschen und will als solcher von aller Welt anerkannt sein. Er hat nicht mehr den undurchdringlichen Glaubenspanzer, der früher, wenn nicht seinen Leib, doch seine Seele gegen Bosheit und Herabsetzung schützte. Seiner gesteigerten Empfindlichkeit ist Verfolgung und Beschimpfung unleidlich geworden. Blicken Sie doch um sich! Wie können Sie die Zeichen der Zeit verkennen, wenn sie nickt mit Blindheit geschlagen sind? Im Herbst 1896 wurde ich von der' „Berliner Allgemeinen Israelitischen Wochenschrift" aufgefordert, meine Meinung über die Zukunft des Judenthums abzugeben. Ich schrieb dem Blatte: „Das Judenthum erleidet gegenwärtig einen Vorgang, der einer Verdumpfung des Geistes und Eindickung des Charakters gleichkommt. Die Klugen, die Geistvollen, die Begabten unter den Juden, die aber nur diese Geistesfähigkeiten und nicht auch entsprechende Charaktereigenschaften besitzen, wenden ihrem Stamme den Rücken; nur die bleiben zurück, die entweder zu stumpf sind, um die Verfolgung und Beschimpfung schmerzlich wahrzunehmen, oder die charakterfest bis zur Hartnäckigkeit sind und der heftigeren Feindschaft stärkeren Trotz entgegensetzen. Wenn diese doppelte Auslese noch ein oder zwei Menschenalter dauert, so wird das davon übrig bleibende Judenthum voraussichtlich eine Sammlung geistig wenig bedeutender, vielleicht geradezu beschränkter, aber unbeugsam eigensinniger, jeder äußeren Einwirkung unzugänglicher Menschen sein, und ob solche Wesen auch das Maß von Anpassungsfähigkeit besitzen, das zur Selbsterhaltung inmitten zahlreicherer und stärkerer Gegner unentbehrlich ist, das scheint mir fraglich." JmOctober 1896, als ich dies schrieb, war ich noch nicht Zionist, ich wusste nichts von der Sache und kannte nicht einmal das Wort. Ich war sehr positiv in meiner Prognose, doch sehr unsicher in der Therapie. Heute bin ich auch über die Behandlung nicht im Zweifel. Der Abfall des gebildeten westlichen Judenthums ist nicht zu verhindern, wenn es weiter den Angriffen des Antisemitismus ausgesetzt bleibt, der, ich wiederhole es, keine vorübergehende Erscheinung ist. Wer die gebildeten Juden dem Judenthum erhalten will, der muss ihnen die Möglichkeit eröffnen, als Juden sich frei zu entwickeln, sich voll auszuleben, sich von allgemeiner Achtung und Liebe umgeben und getragen zu fühlen, jeden berechtigten Ehrgeiz zu befriedigen, und diese Bedingungen kann ihnen einzig und allein ein eigenes jüdisches Gemeinwesen gewähren. Ich habe bisher blos den Fall der gebildeten Juden des Westens, Ihren Fall, im Auge gehabt. Ich sage es Ihnen ruhig ins Gesicht: Ihr alter Judentrotz ist vermorscht und wird dem nie abrüstenden Antisemitismus nicht mehr lange Stand halten. Und sie haben doch nur unter einem seelischen Unbehagen zu leiden, das derbere Naturen gar nicht empfinden. Der deutsche Antisemitismus unternimmt nichts gegen die Leiber. Seinetwegen mag der Jude sich ruhig den Bauch mit Schalet und selbst mit Trüffeln vollschlagen, und wer aus dem Stoffe geknetet ist, dem köstliche Mahlzeiten ein ausreichender Lebenszweck sind, der kann sich unter dieser Form des Antisemitismus ganz wohl befinden. Aber im europäischen Osten handelt es sich um das leibliche Dasein der Juden. Dort verlangen die Juden keine Ehrenrechte, sondern mindestens eine Mahlzeit von trockenem Brode täglich. Dort ist der Antisemitismus keine pseudowissenschaftliche Theorie, die die geistige und sittliche Minderwerthigkeit einer Raffe zur größeren Ehre einer anderen Rasse beweisen will, sondern eine harte Waffe in der Hand der Staatsgewalt, mit der diese erbarmungslos an der Ausrottung der Juden arbeitet. So lange die Völker des Ostens ein schwach organisierter loser Menschenhaufe waren, konnte das Judenthum trotz ihrer Feindseligkeit sich unter ihnen behaupten. In dem Maße, in dem diese Völker zur höheren Gesittung erzogen werden, wird ihre Feindseligkeit - wirksamer. Ihr sich festigendes Gefüge zermalmt und stößt aus, was sie nur widerwillig unter sich dulden. Die Juden des Ostens kommen in den Ketten der sie umschnürenden Gesetze buchstäblich um, wenn ihnen nicht schleunigst geholfen wird. Sie leiden Hunger und Kälte, sie verthieren in Obdachlosigkeit, Nacktheit und Nahrungsmangel, ihre Kinder sterben als Säug-

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