Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 11 (18.3.1898)
- Article
- Eine Vorrede
- Date
- 1898-03-18
- Page
- 15 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 11 jPKtfwe Seite 15 Franz (verbeißt die Rührung). Machst Dich lustig? . . . Du von mir! Jacob. Jawohl! Und Anfangs, ohne es recht zu wissen. Kleines und Großes. Betonungen, Mienen, Geberden. Wie man sich ohne Kriecherei verbeugt und wie man sich ohne Trotz aufrichtet — und was Alles! F r a n z. Geh! So ein Muster bin ich? Jacob. Wenn ich wahr sein soll, Hab' ich in Dir nur Deine Familie bewundert, so wie Du heute meine Familie verachtest. Franz. Das Hab' ich nicht gesagt! Jacob. Ihr wart seit ein paar hundert Jahren freie Bürgersleut' — und wir. . . (Lächelt schmerzlich.) Aber wenn ich ein Stück aus der Judengasfen herausgekommen bin, so war's an Deiner Hand. Jetzt kann ich schon allein weitergehen!... Und schaust, Franzl, weil wir uns jetzt zum letztenmal vom Herzen herauf anreden, will ich Dir auch was aus den Weg mitgeben. Du bist ein Advocat geworden, weil die Wurzlechner von jeher Advocaten oder Aerzte in der Wienerstadt waren. So ist auch der Wasserstein das, was seine Ahnen gewesen. Das beißt: wozu das Schicksal seine Ahnen gemacht hat. Gs ist nicht seine Schuld. Es ist nicht Dein Berdienst. Das Moralische sängt später an: nämlich beim Bewusstsein. Beim Ueberwinden des Jnstinctiven. Und uns har nicht einmal die Statur zu dem gemacht, was wir sind, sondern die Geschichte. Mit Gewalt habt Ihr uns auf das Geld geworfen — und jetzt sollen wir ans einmal nicht am Geld kleben! Zuerst habt Ihr uns tausend Jahre in der Sclaverei gehalten dann sollen nur von einem Tag auf den anderen auch innerlich frei werden! Wer ist denn innerlich frei? Bist Du's? Ja, wir dürfen nicht einmal die Durchschnittsfehler haben, die jeder hat sonst sind wir die elenden Juden! Franz (mitleidig). Jacob! Jacob. Aus ist's mit uns, Wurzlechner! Und wenn Du mir jetzt die Wahl stellst, mit wem ich gehen will — mit Dir oder mit Wasserstein, so Hab' ich gewählt, -sinn Wasserstein gehör' ich, ob er reich oder arm ist. Ich kann ihm nichts vorwerfen, so wenig wie ich Dich loben kann. Ihr steht jeder nur dort, wo Euch Eure Geschichte hingestellt hat. Aber weiter muss man kommen! Verstehst? Weiter, höher! Dann ist man ein Mensch! Franz (erschüttert). Jacob, glaub'mir, ich kann nicht anders. Wenn Du alles wüsstest . . . Ich - ich will mich der Politik zuwenden. Jacob. Ah so! Antisemit? Ich gratuliere. Da kann's nicht fehlen. Franz. Nein, sei nicht ungerecht! Aber ich kann doch meinen Gegnern nicht diese Waffe in die Hand geben, dass ich so viel mit Juden verkehre, mit Börsianern. Da heißt's gleich: der Judenknecht! Jacob (besänftigt). Es ist wahr. Du hast Recht. 2. Srrne. Franz, Jacob, Taumel und Frau Samuel «aus der Mitte). Frau Sam uel. Guten Morgen! Jacob (eilt ihr entgegen). Mutter! Frau Samuel. Ah, der Herr Franz! Franz. Wie geht's Ihnen, gnä' Frau, und dem Herrn Vater? Frau Samuel. Gut, Gott sei Dank! Und Ihnen? Samuel. Das sind Freunde! Ihr zwei! Immer beisammen. Das ist schön. Frau Samuel. Unser Jacob — wenn er von Ihnen spricht, geht ihm das Herz auf und der Mund über. Franz (verlegen). Ja, ja! . . . Also ich muss schon geh'n. Frau Samuel, Stören wir? Franz. Was fallt Ihnen ein, gnä' Frau? Jacob. Er wollte gehen. Franz. Küss' die Hand, habe die Ehre. . . (Geht nach dem Ausgang.) Servus Jacob! Jacob. Servus! (Folgt ihm zur Thür.) Franz (leise). Das Geld schick' ich Dir gleich herüber. Jacob. Welches Geld? Franz. Na, die dreitausend Gulden. I a c o b. Danke, ich kann sie nicht brauchen. Franz (betroffen). Aber Du bist ja in Verlegenheit. Jacob. Meine Verlegenheiten geh'n Dich nichts mehr an. Franz «(ärgerlich). Ich "Narr! Das hält' ich mir ja denken können, dass Du's jetzt nicht mehr nehmen wirst... Tu, fei g'fcheit! . . . Von mir! Jacob (lehnt wortlos mit einer Geberde ab). Franz. Grad' heut' Hab' ich reden müssen! . . . Acht Tag' später war's auch noch Zeit. I a c o b (freundlich). Nein, da wär's zu spät gewesen. «Fest.) Denn keine Verlegenheit wäre für mich größer, als Dein Schuldner zu fein. Franz (geärgert). Leb' wohl, Samuel! «Ab.» I a c o b. Leb' wohl, Wurzlechner! 3. Lerne. Jacob, Frau Samuel, Samuel. F r a u S a m u e l « blickt Jacob forschend an >. Dir ist etwas Unangenehmes passiert! Jacob (gezwungen heiler>. "Nichts, Mutter! Ich bin sehr vergnügt. Samuel. Was Du alles siehst, Mutter. Schau' ihn an — unberufen! F rau S a m u e l. Müd' sieht er ans, Hermine hat Recht. Jacob (lacht,. Was? Sie hat mich bei Euch verklagt? Frau Sa m u e l. Ja, Du studierst und schreibst zuviel. S a m u e l. Und darum sind wir hier, lieber Sohn. Frau Samuel. Kobi, Du bist doch unser Einziges auf der Welt. Streng' Dich nicht so an, mein Kind. Sie sagt, dass Du zuviel arbeitest . . . Wenn Du Dich Gott behüt' krank machst . . . Jacob (lachend). Eine solche Verleumderin! Na warte! (Eilt nach rechts.) Hermine! 4. Lrene. Die Vorigen, Hermine. H e r in i n e (von rechts). Die Eltern! Grüß' Euch Gott! (Umarmt Fran Samuel.) Jacob «verschränkt die Arme., Was muss ich hören? Du verklagst mich! H ermine. Ja, Du bist viel zu fleißig . . . Mir folgt er nicht. Darum rief ich Euch zu Hilfe. S a m u e l. Brachialgewalt. I a c o b. Kein wahres Wort. Frau Samuel. Nein, nein, ich sah es beim Hereinkommen. Du bist abgespannt. Jacob. Das war was anderes. Ich sag' es Euch lieber gleich. Franz hat von mir Abschied genommen. Samuel. Wohin reist er? Jacob. Er sagt sich von mir los — weil ich mit Juden verkehre. Samuel. Mit wem denn sollst Du verkehren? H ermine. Das ist ein Schlechtigkeit. Jacob. Sage das nicht. Die Verhältnisse bezwingen den Menschen. Frau Samuel. Sonderbar, sonderbar. Wieviele Jahre ist der in unser Haus gekommen. Hat er je etwas Unrechtes bei uns geseh'n? Jacob. Wie er sich von mir losgerissen hat, ist mir ein Stück Herz mitgegangen — ihm vielleicht auch. Frau Samuel. Gewiss! Er ist ein guter Mensch. Samuel. Wenn es weiter nichts ist, das wirst Du verschmerzen! Gott sei Dank dafür! I a c o b. Er war mir viel. Eigentlich mehr, als ich ihm je gezeigt habe. Wir deuten doch nur in Personen.