Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 11 (18.3.1898)
- Article
- Eindrücke
- Date
- 1898-03-18
- Page
- 6 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 11 mit Ehrfurcht, lieber ganze Zeitalter hinweg reichen wir einander die Hände, ein Bruder erkennt den andern. Und noch ein anderer Gedanke kam mir in jenem großen 'Augenblicke in den Sinn. Man sagt, dass die Juden streitsüchtig sind und sich nicht vertragen können. Nun denn! auf dem Baseler Congresse wie aus der Londoner Conserenz hat man die Juden einträchtig und einig gesehen! Damit können wir die Aufzeichnungen beschließen. Wir haben das feierliche Versprechen wohl im Gedächtnisse behalten: „Wenn ich dein vergesse, Jerusalem, dann verdorre meine Rechte!" Verhandlungsgegenstärrde. Wir haben nunmehr die ausführlichen Berichte vor uns. Tie Conserenz dauerte nur einen Tag, aber sie hat in drei Sitzungen einen ungeheuren Stoff bewältigt. Colonel Goldsmid, Bice-Chies Prag und Mr. H. B e n t w i ch leiteten abwechselnd die Versammlung, die weihevoll, von einer einmüthigen Begeisterung getragen, ohne jeden Mißton vor sich gieng. Bon 168 gewählten Delegierten erschienen aus allen Theilen des „United Kingdom" mehr als hundert. Man sah darunter zwei activc Stabsofficiere, Oberst Goldsmid und Major Lewis-Barned, sieben Rabbiner, sechs Graduierte der juridischen und philosophischen Facultät und sonst Männer von verschiedenen Berufen und Lebensstellungen. Auf der Estrade, über der das herrliche Zionsbanner entfaltet war, nahmen Platz: Colonel Goldsmid, Major Lewis-Barned, Mr. P ra g, Rev.G o l l a n cz, Dr. S. A. Hir s ch, Mr. Bentwich und Mr. I. de Haas. Die Conserenz, deren Berhandlungen wir nach der Specialausgabe des zionistischen „Jewish World*1 hier schildern wollen, begann Punkt 10 Uhr vormittags. Mr. H. Bentwich, als Obmann des Einberufungs- Comilös, fiel die Aufgabe zu, die Versammlung zu begrüßen. Er wies zuerst auf das bevorstehende Purimfest hin und die Erinnerungen, die es in uns wachrnft. Dann kam er auf beit Kampf der Maccabäer gegen den Hellenismus zu sprechen, für den der morgige Tag auch ein Gedenktag fei. „Dieser Tag erinnert uns an den Sieg Juda Maccabi's über den Feldherrn Nicanor und die Wiedererrichtung des jüdischen Königreiches; und wir, die wir an dieser Conserenz theilnehmen, gehen einem ähnlichen Kanwf nrit demselben Feinde — dem Hellenismus entgegen. Die englischen Juden befinden sich gegenwärtig in einem ähnlichen Zustande wie unsere Vorfahren in Griechenland, wo jedermann bei Todesstrafe gehalten nmr, sich der'einen oder anderen Partei anzufchließen: sie müssen fein entweder Philo- ZionistendocrAuti-Zionisten, sonst werden sie als Opfer ihrer eigenen Entschluss-Unfähigkeit zu Grunde gehen. ES geht nicht an, länger zwischen der einen und andereil Anschauung hin- und herznschwanken, und die Geschichte hat ilns bewiesen, zu welchem Schicksal Eosmopoliten, ein Volk ohne Nationalität, das jedermann recht thuu möchte, dessen Hand gegen jedermann und gegen das jedermanns Haild gerichtet ist, vernrtheilt sind. Das famose Synhedrivn, das ^Napoleon zusammcnrief, har die nationale Idee verleugnet durchs seirre Proclamation: „Frankreich ist unser Zion." Das führte aber trotzdem zu Panama und der Tcufelsinsel. Ter Zionismus ist die Verkörperung des Ideals des Jndenthums. Zion ist es, das uns alle eiirigt. Was für eine wilnderbare Versammlung tagt hier heute vor den Augen unserer zeitgenössischen Staatsmänner. Wir bilden das erste Parlament englischer Juden; die Delegierten repräsentieren mehr als zehntausend Zionisten und wir alle sind nur mit einem Entschlüsse hergekommen — einzusteheu für Zion und nufere nationale Existenz. Jede große Stadt des vereinigten Königreiches ist in unserer Mitte vertreten und noch mehr — jede zionistische Parteischattiernng." Mit einigen herrlichen Versen von Sylvie d' A v i g d o r, in denen die Bedeutung des neuen Geschlechtes, „das dort wohnt, wo Zion liegt", gefeiert wird, schloss Mr.B entwich seine höchst beifällig anfgenommene Begrüßungsrede. Oberst Goldsmid, stürmisch begrüßt, ergriff das Wort, um als Chief der rCliovevi Zion Association“ die Conserenz zu eröffnen. Er erklärte vorerst, sich den Worten des Vorredners anzuschließen. Wenn sich noch derzeit einige Associationen hier nicht vertreten ließen (gemeint sind wohl die „Anglo Jewish Association“ und „Jewish Colonisation Association“), so sei dies nur einem Zustande der Nervosität über den wachsenden Antisemitismus zuzuschreiben. Dieser sei jetzt nichts anderes als blinder Rassenhass. Es sei vergebens von Juden der Beweis unternommen worden, dass sie in Bezug auf Loyalität, Patriotismus, Wohlthätigkeit, den anderen Bürgern keineswegs nachstehen; es werden immer für ein „schwarzes Schaf" alle verantwortlich gemacht werden. So gebe es für die Juden nur zwei Auswege: die AssimilationoderdieVerwirklichung der nationalen Idee. Die Assimilation könne nur erreicht werden im Wege der Mischehe und Taufe. Tenn erst dann kann von einer wahren Assimilation gesprochen werden. Aber die Lösung sei für uns unmöglich. Völker kamen und Völker sind verschwunden, aber Jsraelgehtnie unter. Er habe oft englische Juden argumentieren gehört, dass sie für England die Judenfrage gelöst hätten durch den Kampf ihrer Ahnen für bürgerliche und religiöse Freiheit, und dass es die anderen ebenso machen mögen. Wie schön und plausibel das klinge, aber wie falsch es doch in Wirklichkeit sei! Die englischen Juden haben ihre günstige Lage nur dem angeborenen britischen Freiheitsgefiihl zu verdanken. Es dürfe auch nicht vergeffen werden, dass, als in England die Schranken niedergerissen wurden, die jüdische Bevölkernngszahl dort noch sehr gering war. Aber in den Ghetti und Ansiedlungsrayons, wo die Judenschaft, aller Bürgerrechte, aller Mittel zum Leben und zur Erziehung bar, physisch und geistig zu Grunde geht? Es sei sehr bequem, wenn man selbst unter den bequemsten Verhältnissen lebt, den Opfern der Tyrannei Geduld zu predigen. „Wechseln Sie die Plätze, meine lieben Herren, mit denjenigen, denen Sie solche Rathschläge ertheilen." Dann kommt Oberst Goldsmid auf den Zionismus zu sprechen, den er als den einzigen Rettungsanker der Massen bezeichnet: „Bor kurzem betrachtete man seine Anhänger noch als schwärmerische Enthusiasten. Welche Schwärmerei! Die Ereignisie der letzten Monate haben aber die Rollen geändert. Wer sind denn jetzt die Schwärmer, die Zionisten oder die Assimilanten? Am Anfänge dieses Jahrhunderts konnte noch das Napoleon'sche Sanhedrinm feierlich erklären: „Frankreich ist unser Zion!" Und zum Schlüsse des Jahrhunderts sehen w i r, d a s s d i e s e s Z i o n sie v e r l e u g n e t, wie sie ihr Zion verleugnet haben. Ach, Ihr armen Schwärmer, w i ed er einm a l l e h r t I s r a e l. d a s s, w e r Z i o nv e r g i ss t, dessen Rechte wird vergessen u n d sie w i r d v h n m ä ch t i g u n d s ch w a ch. Was ist denn Israel ohne den ZivnismnS? Auch die vieldiscnticrte Frage des Patriotismus der Zionisten berührte der active englische Oberst, eine gewiss viel cvmpetentcre Persönlichkeit als etliche Rabbiner, die schon einen Orden haben oder ihlt erst erstreben. „Ich kenne -- sagte Col. Goldsmid gewisse Leute, welche die Befürchtung auSdrücken, es könnte ein Zionist nicht als loyaler englischer Unterthan angesehen werden. Da könnte doch mit gleichem Rechte behauptet werden, cs könne kein gläubiger englischer Christ ein loyaler Unterthan sein, weil er den Tag erwartet, an dem alle Völker den König von Israel verehren werden". O b e r st G o l d s m i d für d e n p o l i t i s ch e n Z i o n i s m u s. „Die Zionisten schwärmen nicht von einem großen Reich, dessen Interessen mit denen der Großmächte collidieren würden- Sie wünschen nur die Errichtung eines Staatswesens in ihrer alten Heimat unter der Garantie der Großmächte, wo ihre verfolgten Brüder ein sicheres Heim finden würden. Es liegt im Interesse der europäischen Mächte, dass eure ähnliche Lösung herbeigeführt werde, denn eine andere ist gar nicht möglich. Die Staatsgründung würde jedoch alle Juden ebensowenig zur A u s w a n d e r u n g zwingen wie beispielsweise die Gründung des griechischen Staates alle verstreuten Griechen dazu gezwungen hat". Dann brachte Col. Goldsmid als Vorsitzender die uns bekannte Tagesordnung zur Vorlesung. Seine Rede schloss er unter Hinweis auf sein Verhältnis zu D r. Herz l. „Bevor