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Die Welt · 1898-03-18 · 11 (18.3.1898) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
11 (18.3.1898)
Article
Eindrücke
Date
1898-03-18
Page
5 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 11 als durch das Chief-Nabbinat. Seit Jahren nun predigen einige Wenige die 'ckkothwendigkeit einer Eonferenz, welche nur jüdischenglische fragen zu besprechen hätte, aber trotzdem goldene Berge versprochen wurden, zogen sich die berufenen Vertreter doch immer wieder zurück --es wurde nichts gelhan. Als die zionistische Confercnz angeregt wurde, hatte die Idee den Reiz der Neuheit für sich, die Gefahr, die jeder rasche Versuch in sich schließt, gegen sich. Tie einen zweiselten an der Ausführbarkeit, andere glaubten nicht an das Erscheinen der Telegicrten, wieder andere sagten: „'Rach dem Baseler Eongrefs werdet ihr in England eure ganze Blöße darthnn," noch andere waren eifrig bestrebt, die Zionisten an den Pranger zu stellen, und es bestand bis zum letzten Augenblicke die I-urcht, dass nicht eine Einigung, sondern eine Spaltung das Resultat der Eonsereuz sein würde. Tie 'Nichtzionisten verhielten sich znwartend — man hört, dass der Zionismus schon jetzt in die Mode kommt -— all diese Thatsacheu, die ablehnende Haltung der „Spitzen", die Abwesenheit der „Großen" - diente nur dazu, die Bewegung zu stärken. Ter Zionismus ist eine volksthümliche, eine nationale Bewegung. Ganz plötzlich haben die Inden von England gesehen, dass Zehntausend aus ihrer Butte einen Weg eingeschlagen haben, wie sie es nie geahnt hätten, und sie wissen nun sehr wohl, dass diese Zehntausend der Sympathie von mindestens vierzigtansend ihrer englischen Glaubensgenossen sicher sind. In dem grellen Licht, das charakteristisch ist für das Londoner Leben überhaupt, und das die Urheber der Eonsereuz für diese herbeiwünschten, treten die Thatsacheu scharf hervor und lassen einen Eindruck zurück — heute noch nicht, aber morgen schon wird es dem Judenthum klar werden, was in Clerkenwell Town-Hall geleistet wurde: heute ist man noch nicht gesammelt genug, um zu begreifen, was sich in der Mitte der englischen Iudenheit ereignet hat, welchen bedeutenden Schritt nach Vorwärts der Zionismus gethan hat. Wolil ist manches nicht erreicht worden, aber was bedeutet nicht allein die Resolution über die nationale Idee! Tiesc Resolution wird auf die Zukunft Israels eine große Wirkung ausübcn — dass dem wirklich so ist, war bei der Eonsereuz deutlich zu sehen, wenn auch sechs Stimmen nicht für die Resolution waren. Eine geharnischte Antwort auf alle kindischen Proteste, dieselben mögen von Rabbinern oder anderswoher stammen. „Die Juden sind eine Nation!" ertönte es einstimmig von den Lippen der Delegierten, und ein Lächeln der Befriedigung gieng über das Gesicht des Oberst Gvldsmid, und eine Stimme schien der Versammlung zuzurnfen: „Bestrebt Euch, den Juden in Palästina ein Heim ans rechtlich gesicherter Grundlage zu schaffen!" Tie Erinnerung an das Schauspiel in Basel trieb uns die Thränen ins Auge, man glaubte die schluchzende Stimme der Rahel zu vernehmen, die laut weinend nach ihren langeutbehrten Kindern verlangte. Wenn die Telegierten laut Beifall riesen, so horchten die Zweifler unter den Anwesenden ernst ans diesen neuen Aus ans jüdischem Munde. Ta kam uns gleichzeitig zweierlei zum Bewusstsein: Tie Eonsereuz sollte in erster Reihe einer gesa^unrjüdischen Angelegenheit, dem Zionismus, dienen. Das hat sie redlich gethan. Sie har aber auch gleichzeitig dem nichtzionistischen Iudenthnm einen Dienst erwiesen: wann sind jemals die Inden in so feierlicher Weise znsammengekommen, wann haben sie mit solcher Kühnheit ihren Ansichten 'Ausdruck gegeben? — „Ter gebückte Rücken des Inden" ist durch den Zionismus zum Märchen geivorden. Es hat nicht an bedeutenden Männern gefehlt, wir haben eine Tülle von vortrefflichen Reden gehört. Oberst Goldsmid ergriff durch die Herzlichkeit seiner Worte: der Bortrag des Oberst Conder war zu umfassend, um eine unmittelbare Wirkung zu erzielen: Kraft, Empfindung und Schärfe zeichneten jedes Wort ans, das wir von Tr. Hirsch zu hören bekamen. Ich habe diesen Veteranen des Zionismus selten bewegt gesehen, noch weniger ist er dazu zu bringen, das Gebiet des Praktischen zu verlassen, aber seine gewöhnliche Zurückhaltung wurde diesmal von seinem literarischen Instinkte und seinem tiefen jüdischen Gefühle überwunden, und als die packenden Worte ihm glühend aus dem Munde kamen und einen Beifallssturm entfesselten, sah ich mir das Publicum an. -stnignüll machte sich 'Notizen, und der Sohn Tr. "Adlers war in der ersten Reihe ans seinem Wachtposten. 'Am Nachmittage war die Debatte rein zionistisch; die Zionisten waren unter sich. Tie alte Trage der Eolvnisarion stand im Vordergründe des Interesses: die Majorität war für das Baseler Programm, eine Minderheit, welche Tr. Prag, dem „Sr. Just" des Pariser Eeutralcomir. s, folgte, nnar für eine Politik der freien Hand. Es war eine schwere Stunde. Tr. Gaster sprach für den unbedingten 'Anschluss an das Bastle-' Programm ein undumrde dabei von Wolfsohn nurerstützr. Endlich wich die Spannung, die uörhigcn Worte wurden gesunden und großer Jubel erhob sich, als die Resolution angenommen wurde. Es war uns also gelungen, alle Parteien zusriedenzusrellen, und das hatten nur dem Einflüsse Tr. Gasrcrs zu verdanken. Ein Seufzer der Erleichterung mischte sich in den Beifall: die Einigkeit war hergestellr. Gelegentlich der Tebarre über das Hebräische als lebende Sprache, die jetzt folgte, wurde die Gelegenheit von den Vertretern des „Berh Hasefer" in Leeds und den begeisterten Zionisten in Liverpool weidlich benützt, um die Trage allseitig zu beleuchten -- die Debatte dauerte über die festgesetzte Zeit hinaus. Tann kamen wir wieder im Restaurant zusammen, tranken Wein ans Rischvn-lc-Zion, bewunderten die Olivenholzschnitzereien aits Palästina, sprachen von Herzl und Nordau und lasen die eingelangten Telegramme. 'Rach dieser gemürhlichen llnterhaltung wurde zu den Einzelsitznngen geschritten. Hierauf wurde Acaariw gebetet, und da zeigte es sich denn, dass das religiöse Element neben dem nationalen recht ausgiebig vertreten war. Diejenigen, welchen es durchaus um eine Spaltung zu rhnn war. saben die 'Nationalen und Religiösen gleich andächtig beim Gebete . . . Tie Sonne war nntergegangen, die elektrischen Lichter erglänzten, Mr. Bentwich übernahm den Vorsitz. Wir waren, wie er sehr richtig sagte, bei Nihla angelangr und standen wie in der letzten Stunde am Versöhnnngstage. Air. Greene sprach über die bedeutsame Resolution, welche die Vereinigung aller Zionisten des vereinigten Königreichs an strebte und sagte, dass nicht nur die 'Augen der Welt, sondern auch das 'Auge Gottes jetzt auf uns rnhsst -stücser Gedanke erfüllte jeden von uns. Wir waren alle in tiefster Seele bewegt, man sieht selten Menschen so andächtig beisammen: ich blickte zu den blauweißen Bannern empor, die sich leise bewegten: diese Tlagge verdiente wohl den Kampf. Endlich waren wir bei der letzten Trage angelangt: Soll London beschließen, dass sich die ganze zionistische Welt bedingungslos der Wiener I-übrnng über lasse? „Ja!" jubelte die Cvnferenz, „ja!" Einige erhoben beredte Einwendungen, andere waren nicht mit der Iormnliernng zufrieden. In keinem jüdischen Parlamente wäre die Schlacht würdiger ausgesochren worden. Begeisterung, Ernst und Entschlossenheit war auf jedem Gesicht zu lesen, es war ein Bild in seltener, glänzender Iassnng. Ein klein wenig spielte wohl auch das persönliche Aiomenr hinein, aber 'Alle waren sich der Bedeutung jener Stunde ernstlich bervusst. Das Ergebnis rvar nicht einen 'Augenblick gefährdet, wie ich schon früher berichtete. Es trat eine Panse ein, jedermann war in liest' Gedanke:: versunken. Endlich kam das glückliche Eomvrvnüß zustande. Rev. Tr. Gaster inmitten einer aufgeregten Schaar von Tele gierten stürmte voran tiefes Schweigen. Eine ruhige, kluge Rede, der Sieg war gewonnen und der Sieger verlor mul) in. der Stunde des Triumphes seine ruhige Würde nicht. Minutenlang dauerte der Jubel, die letzten Aiomente des Baseler Evngresses kamen mir in Erinnerung. „Herzl! Gaster! Goldsmid! Bentwich!" So ertönte ein Ruf nach dem andern. Taschentücher wurden geschwenkt, man stieg auf die Tische und die Hochrufe nahmen kein Ende, bis die Halle sich langsam leerte. Es war ein guter Tag! Eine Empfindung drängte sich vor allen anderen ans. das war die Empfindung der Brüderlichkeit der Versammlung. Diese Thatsache, welche schon in Basel beinerkt umrde, drängte sich einem hier wieder auf: sie überrascht nicht mehr, sie erfüllt

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