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Die Welt · 1898-03-04 · 9 (4.3.1898) · p. 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
9 (4.3.1898)
Article
Das neue Ghetto
Date
1898-03-04
Page
15 (sequence 3)
Language
German
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Dir. 9 Seite 15 Wasser st ein. Ich bin aber kein Philosoph. Im Gegentheil. Und wie ich jetzt im Tempel war, ist mir das Herz gebrochen. Wie ich sie da gesehen Hab' neben dem Doctor Samuel stehen — sie ganz weiß, er ganz schwarz . . . Und wie ich mir dabei gedacht Hab': Wasserstein, wenn Du damals Portugiesen contreminiert hätt'st... Mein Pech! (Wischt sich eine Thräne aus dem Auge.) Ich bin lieber weggegangen, damit man mein Elend nicht seh'n soll. Ich bin verzweifelt über die Aspernbrücke gegangen. u? a f f e r ft c i n : „Mein pedj!" Bichler. Nein! Wasser st e i n. Ja. Zur Börse . . . Starke Hausse in Türkenlosen. Bichler (lacht). Ich dachte schon. Sie wollten sich das Leben nehmen. W a s s e r st e i n. Ich Hab' andere Sorgen. Bichler. Komisch, wie das zusammenhängt. Wenn Sie richtig speculiert hätten, wäre das Leben dreier Menschen anders ausgefallen. W a s s e r st e i n. Wieso drei? Bichler. Sie, Fräulein Hermine und Doctor Samuel. Wasser st ein. Kennen Sie den Doctor Samuel? Bichler. Ich führte ihn ja im Hause Hellmann ein. W a s s e r st e i n. Ich Hab' geglaubt, durch einen Heiratsvermittler. Bichler. Samuel? Wo denken Sie hin? Der ist anders. Hörten Sie denn nie von ihm? Wasserstein. Ich hörte — oh ja. Ein Advocat. Hat er viel zu thun? Bichler. Ziemlich — nicht übermäßig. Er will nur anständige Leute vertreten. Wasser st ein. Kann man davon leben? Bichler. Es scheint. W a s s e r st e i n. Ich verstehe darunter: gut! Fräulein Hermin wird so leben wollen, wie ihre Schwester, Frau Rheinberg. Schöne Kleider, Schmuck, Theater, Concerte. Da heißt es: Geld herschwitzen. Kann das ein Vertheidiger? . .. Uebrigens, was red' ich? Rheinberg wird ihn schon poussieren. So ein Schwager ist was wert. Rheinberg kann ihn zu den Banken bringen als Rechtsconsul. Bichler. Consulent. W a s s e r st e i n. Heißen Sie mich Consulent. Kurz, Rheinberg wird ihm schon unter die Arme greisen. Bichler. Dhrc wenn Samuel sich das gefällen lässt. Wasserstein. Wie heißt? Ist er denn meschugge, dass er es sich nicht wird gefallen lassen? Wo wäre da der Witz? Bichler. Herr Wasserstein, das verstehen Sie nicht. W a s s e r st e i n. Möglich, dann ist er aber . . . Ein solches Glück, was der Mensch hat. Bichler. Sie 'beneiden ihn wohl sehr? Wasserstei n. Ich? Ehrlich, nein. Emanuel Wasserstein kennt keinen Neid. Ich Hab' nur Mitleid mit mir. Ich bin aus Mitleid aus dem Tempel gegangen. Bichler. Waren viele Leute da? Wasser stvi n. Die ganze Tuchbranche — Hellmann zu Ehren. Viele Advocaten, natürlich. . . Ja. warum waren denn Sie nicht, Herr Doctor? Bichler (lächelnd). Das können Sie sich denken. W a s s e r ft e i n. Ja, richtig! Sie sind ein Gelauster. Bichler. Der Rabbiner zürnt mir, das weiß ich. Er hat auch Recht, von seinem Standpunkte. Und da ich die frommen Juden nicht durch meine Anwesenheit ärgern wollte . . . (Alan hört einen Wagen heranrvllen.) W a s s e r st e i n. Warum haben Sie sich eigentlich laufen lassen? B i ch l e r. Eigentlich — geht Sie das nichts . an. mein Lieber. Aber ich stehe jedermann Rede. Was ich that, ist die individuelle Lösung der Frage. W a s s s e r st e i n. Jndivi . . . Wie? Das versteh' ich auch nicht. Bichler (seufzend). Oder wenigstens ein Versuch der Lösung . .. Denn — unter uns — gelöst ist sie dadurch nicht. Kathi (läuft von links nach rechts über die Bühne). Sind scho' da! (Rechts ab.) 4. Srene. Bichler, Wafserstein, Jacob, Hermine, Kathi, dann Franz, später Hellmaun, Frau Hellmann, Samuel, Frau Samuel, Rheinberg, Charlotte. (Während dieser Scene hört mau in ziemlich regelmäßigen Zwischenräumen Wagen heranrollen. Tie Tranungsgäste treten dann immer zu dreien und vieren von rechts auf, bewegen sich, wenn sie nichts zu sagen haben, unter Händeschütteln, Flüssen, Verbeugungen nach dem Hintergrund.) Jacob (bleibt nahe der Thür mit Hermine stehen, bewegt). Nun bist Du mein Weib! (Schlägt ihren Brautschleier zurück und küsst sie auf die Stirn.) ' Hermine. Kathi, helfen Sie mir den Schleier abnehmen. Bichler (streckt Jacob beide Hände entgegen). Alles Glück! Jacob (warnst. Ihnen kommt's vom Herzen! Danke! Bichler (zu Hermine). Mein liebes Kind! (Zu Jacob.) Ich darf Herminchen küssen? Jacob (lächelnd). Sie fragen? Bichler (küsst Hermine auf die Stirn). Wasserstein (zu Jacob). Mein Name ist Wasserstein. Ich gratuliere auch. Jacob (freundlich). Vielen Dank!

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