Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1898-03-04 · 9 (4.3.1898) · p. 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
9 (4.3.1898)
Article
Das neue Ghetto
Date
1898-03-04
Page
16 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3315742-3315752-3357797--04696-3357868
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 16 Nr. 9 Wasserstein. Ich bin ein alter Bekannter; der Familie Hellmann, und darum bin ich so srei, zu gratulieren. Jacob (macht Hermine, die. mit ihrem Schleier zu schaffen hat, aufmerksam). Hermine, ein Freund Eures Hauses. Wasser st e i n (macht verlegene Verbeugungen). Gnädige Frau, ich bin so frei, zu gratulieren. H e r m i n e (dankt lächelnd). F ranz (tritt ein). Jacob (erblickt ihn und eilt auf ihn zu). Franz! Der Franz! (Umarmt ihn. führt ihn an der Hand zu Hermine.) Das ist der Doctor Wurzlechner, mein Freund! Der, von dem ich Dir schon soviel erzählt habe. Meine Eltern und der da waren meine Familie, bevor ich Dich kennen lernte. Franz. Jetzt werden wir alle drei ein bissel zurücktreten müssen. Hermine. Nicht doch! Einige Damen (rauschen in reichen Kleidern, mit Schmuck beladen, herein, umarmen Hermine). Franz (mit Jacob ein bisschen zur Seite gedrängt). Also, Servus, Jacob! Du hast sür mich jetzt so keine Zeit! Jacob. Weggehen? Du, das thust mir nicht an! An einem solchen Tag bleibst Du bei mir! Franz. Ich bin da ganz unbekannt — und 'Du gehörst heute allen den Leuten. Jacob. Warte nur einen Augenblick. Der Sturm ist gleich vorüber. Halte Dich inzwischen an Doctor Bichler. Den kennst Du ja. Franz. Freilich . . . Na, wie Du willst. Jacob. Meine Schwiegereltern. Franz (geht zu Bichler nach links vom:, Begrüßung). H e l l m a nn (pathetisch). AnmeineBrust, Schwiegersohn! Frau Hellmann (weinend). Mach' sie glücklich^ Jacob (umarmt Beide). Bichler (zu Franz), ^-ie waren im Tempel? Franz. Ja. Das ist so ganz anders, als bei uns. Ich weiß nicht, es kommt mir nicht recht fromm vor. Vielleicht, weil die Männer die Hüte aufbehalten. Aber die Musik war schön. Einer hat gar mächtig gesungen. Dazu die Orgel! Da ist mir doch wieder feierlich ums Herz geworden. Bichler. Das sind alte Gesänge, die schon seit vielen Jahrhunderten die Menschen rühren. Franz. Wie sich das alles erhalten hat. Die fremden Gebräuche mitten unter uns. Sonderbar^. . . Der Jacob ist mir heute auch anders vorgekommen.. Bichler (lacht). Warum nicht gar! (Gehen plaudernd nach hinten). Jacob. Meine Eltern sind noch nicht da? Frau Hellmann. Da kommen sie. Samuel (tritt mit Frau Samuel ein, sie werden beglückwünscht, kommen nach rechts vor). Jacob (küsst seiner Mutter und dann seinem Vater die Hand). Meine Th euren! Jacob (zwischen seinen Eltern vorkommend). Das ist der freudige Tag! Haben wir uns danach gesehnt, noch bevor wir Hermine kannten. Ihr habt jetzt eine Tochter — eine wunderschöne! Samuel (behaglich). Gott fei Dank dafür. . . Ein Samuel mit einer hässlichen Frau wäre ja gegen die Natur. Schau' Deine Mutter noch heute an. Wir lassen uns die Race nicht verderben. J a-c ob fächelnd). Ach, Vater, die Samüelische Nace! Samuel. Vielleicht nicht gut? Jacob (drückr ihnen die Hände). O ja, ich bin von guten Eltern! Aber es kommt ein neuer Einschlag in unser Blut — auch nicht übel. Ich wünsche mir Kinder, die ihr ähnlich sehen. FrauSamuel. Und ich wünsche Dir Kinder, wie Du eins warst — und noch bist. Das soll Dein Lohn sein für die Freude, die Du uns immer gemacht hast. Jacob (küsst gerührt^ihre Hand). Mutter!_ Herausgeber?P. Nafchäuer. Verantrv. Red.: Dr. Siegin. Wi Frau Samuel. Jetzt, mein Kind, sollst Du mit Ernst und Verstand Dein neues Leben beginnen. Sei der Herr in Deinem Haus, aber kein strenger Herr. Denke: sie ist ein junges Kind, weiß noch nicht, wie hart das Leben ist. Du hast unsere Kämpfe um das tägliche Brot mitgemacht — sie ist nicht in so einfachen Verhältnissen ausgewachsen. Verschone sie mit unnützen Sorgen, aber den Kummer soll sie mit Dir tragen. Gönne ihr Vergnügen, aber dulde keinen Leichtsinn. Lebe nach Deinen Verhältnissen, damit Du nie Unwürdiges thun musst. Wir haben Dich zu einem Ehrenmann erzogen, und Du hast auch nicht den Char-Kkr, Dich sür Geld zu erniedrigen. Samuel. Beherzige das, mein Kind! _ Ich könnte es Dir nicht besser sagen. Hermine (nähert sich jetzt). Da bin ich, Mama. « Reicht erst Samuel, dann Frau Samuel die Stirn zum Kuss.) Frau Samuel. Mann, ich will unserer Tochter ein paar Worte sagen. (Setzt sich.) Samuel (zieht Jacob einige Schritte weit weg). Wir sind überflüssig. Frau Samuel. Setze Dich, mein Kind. H e r m i n e (thut es). Frau Samuel. Mein Kind, Dein Mann ist leicht zu behandeln, wenn man ihn versteht. Er ist stolz. Dadurch leidet er viel, und er hat immer viel gelitten — und ich mit ihm. Ich bin oft erschrocken über seinen Stolz — schon wie er ein kleiner Bub war — denn er war dadurch unverträglich und nicht zu bändigen. Aber wie mir der mütterliche Verstand gewachsen ist — denn eine Niutter wächst mit ihrem Kind — da habe ich gelernt, ihn an seinem Stolze dorthin zu führen, wohin ich wollte. So thue auch Du. H e r m i n e. Ich will es versuchen, Mama. Frau Samuel. Ich war eine ungebildete Frau, ich kann noch jetzt keinen ordentlichen Brief schreiben. Für meinen Sohn Hab' ich mich gebildet, so gut es gieng. Ich Hab' mir ein besseres Sprechen als das Judendeutsch angewöhnt, damit er. sich meiner nicht schämen muss. So thue auch Du. Trachte auf seine Höhe zu kommen, damit Du Dich mit ihm verständigen kannst und damit er sich bei Dir wohl fühlt, auch wenn die erste Liebe vorüber ist. H e r m i n e (lächelnd). So weit sind wir noch nicht. Frau Samuel. Eine jüdische Frau muss ihrem Manne noch mehr sein, als eine christliche. Denn unsere Männer haben zu tragen, wenn sie hinaus kommen. So soll ihnen das Haus ein Heim sein. Schmücke Dich nur für ihn, denke nur an ihn, lebe nur für ihn. Hermine. Alles, was Du sagst, Mama, klingt so gut und weise. Frau Samuel (küsst sie auf die Stirn). Ich danke Dir, mein Kind, dass Du es annimmst. . . Und jetzt will ich Dich nicht mehr langweilen. Dort ist Deine Schwester. Auch sie wird etwas für Dich auf dem Herzen haben. H e r m i n e. Eharlotte? Die ist nicht so ernst. (Küsst ihr die Hand und geht zn C h a r l o r t e, die mit Rheinberg eingetreten.) Samuel (kehrt zurück, gemüthlich). Hast Du schön gepredigt, Mutter? Frau Samuel. Simon, wir haben eine Tochter. (Faltet murnielnd die Hände). Samuel. Amen! Und jetzt komm' etwas essen. . . (Gebt mit ihr langsam links hinten ab.) H e l l m a n n (drängt freundlich die Gäste nach dem Speifesaal). Ich bitte, ans Buffet, meine Herrschaften. (Die Bühne leert sich.) (Fortsetzung folgt.) Burhrreinlauf. Monatliche Extrablätter für Freiheit, Friede und Fortschritt. Druck und Verlag von Steher & Cie, in Bern. er. Buchdruckerei „Industrie" (S. Bergmann), VIII., Schlöffelg. 11.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.