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Die Welt · 1898-03-04 · 9 (4.3.1898) · p. 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
9 (4.3.1898)
Article
Das neue Ghetto
Date
1898-03-04
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seite 14 Nr. 9 Kat hi. D' Purzlansachen steh'n da drin. B i ch l e r. Zeigen Sie mir's. (Links vorn ab, gefolgt von Kathi.) 2 Srrne. Wasserstein, Wabi. Wasser st ein (von rechts, in abgenützten, aber sorgfältig gehaltenen Ä'Ieibent; sein Cylinderhut ist fett, jedoch frisch gebügelt). Guten Tag wünsch' ich. Die Herrschaften sind noch nicht da? Wabi. Nein. Was wollen S'? W a s s e r st e i n. Wie heißt, was ich will? Gratulieren will ich. Ich bin ein Gratulant. . . Mein Name ist Wasserstein. Wabi. Nachher warten S' a bisserl. Wasferstein (blickt umher, für sich). Fein! (Seufzt.) Nobel! . . . (Geht umher, betrachtet Alles wie ein Schätzungscommisfär.) Elegant!. . . Wenn auch nicht neu. Für diese Garnitur geb' ich doch noch heute achthundert Gulden — sagen wir: siebenhundertsünszig. Das ist sie wert... (Seufzt.) Mein Pech! . . . (Betrachtet eineu Vorhang.) Ausgezeichnete Qualität! Wabi (beobachtet ihn misstrauisch, geht immer drei Schritt hinter ihm her). Wasferstein (bemerkt das plötzlich, für sich). Ah so! Sie hat kein Vertrauen zu mir! . . . (Seufzt.) Wasferstein, so siehst Du aus? So weit bist Du herunter? . . . (Nimmt sich einen Stuhl.) Sie erlauben doch, Fräulein? Ich bin ein Gratulant. . . (Erblickt den Tisch mit den Hochzeitsgeschenken.) Aha, das sind die Hochzeitsgefchenke? Nicht wahr, Fräulein? Wabi (sehr misstrauisch). Ja freili. W a s s e r st e i n (geht an den Tisch). Großartig! . .. Mein Pech! Wabi (hält sich dicht an ihn). W a s s e r st e i n. Aussätze! Ein Besteck — pssss für vierundzwanzig Personen! Und diese Girandolen! Massiv! Silber ist doch schön — trotz Billigkeit! (Nimmt einen Leuchter in die Hand). W ab i. Steh'n lassen! Wasferstein (lächelnd.) Wie kommen Sie mir vor, liebes Kind? Ich bin 'doch ein Gratulant. Wabi. Alleseins. Steh'n lassen! (Will ihm in den Arm fahren.) Wasser st e i n. Wenn Sie mich so freundlich bitten . . . Ich bitte sehr. Aber seh'n darf ich? Mit den Augen kann ich doch nichts wegtragen, liebes Kind? (Legt die Hände auf den Rücken, beugt sich über den Tisch.) 3. Scene. Vorige, Bichler. Bichler (von links). Alles echt, Herr Wasserstein! Wasser st ein (überrascht). Herr Doctor Bichler! Ich habe die Ehre, Herr Doctor! Sie erkennen mich? B i ch ler. Sonderbare Frage! Wasser st ein. Mein Gott, einen Menschen, dem es schlecht geht, erkennen die wenigsten . . . Auf einmal sind alle kurzsichtig — eine epedemische Augenkrankheit. Ich mach' jetzt so eine Epedemie durch. Bichler (setzt sich). Wollen wir uns nicht setzen? Wasserst ein. Gewiss. (Zu Wabi.) Sie sehen, liebes Kind, ich bin wirklich ein Gratulant . . . (Zu Bichler) Sie hat gehabt kein Vertrauen zu mir. (Setzt sich.) Bichler (lacht). Ich stehe für den Herrn gut. Wabi (verlegen.) I hab's ja net wissen könna. (Ab links hinten.) Bichler. Also parterre, mein Lieber? W as s e r st e i n. Parterre? Sagen Sie Souterrain. Was ist noch unter Souterrain? Grundwasser? Ich bin im Grundwasser! Bichler. Alles an der Börse verspielt? Wasser st ein. Ich Hab' gezahlt, bis ich fertig war. Dann... Bichler. Hörten Sie auf zu spielen. Wasserstein. Was fällt Ihnen ein? Schuldig bin ich geblieben, aus Hab' ich endlich bleiben müssen von der Börs'. Bichler. Bitter! Und was treiben Sie jetzt? W a s s e r st e i n. Ich geh' an die Börse. Bichler. Aha, außen hin. Wasser st ein. Nein, innen hinein. Rheinberg, der Hellmannische Schwiegersohn, hat mich ausgeglichen — (seufzend) für billiges Geld . . . Ich bin jetzt sein Agent . . . Hieher bin ich heute auch nur gekommen, um ihm die letzten Course anzusagen — denn sonst . . . Wär' ich sonst in diesem Hause? Bichler. Warum? Wasserstein. Ja, Sie wissen ja nicht, dass ich — ich! — das Fräulein Hermine heiraten wollte und sollte! Bichler. Ah, bah! Wasserstein. Wie Sie mich da sehen. Das heißt: nicht wie 'Sie mich da seh'n, sondern wie ich vor einem Jahr' war, wie dieser Anzug noch neu war. Sie ist ja auch Schuld an meinem Ruin. Bichler. Wer? Fräulein Hermine? Wasserstein. Natürlich. Um eine Hellmannische Tochter zu heiraten, muss Einer viel Geld haben. Bichler. Herr Hellmann ist doch nicht so reich. W a s s e r st e i n. Ich schätze ihn auch nicht hoch. Sagen wir hunderttausend Gulden. Und das steckt im Geschäft. Wenn er einmal stirbt — was hoffentlich nie geschehen wird . . . Bichler. Hahaha! W a s s e r st e i n. Also kurz: nicht viel Vermögen, großer Gebrauch, und die Töchter sind erzogen für Millionäre. Wie ich mich also in Fräulein Hermine verliebt Hab', sag' ich zu mir: Wasserstein, jetzt musst Du ein Millionär werden. Ich Hab' mir genommen zum Muster Rheinberg, der vor drei Jahren die andere Hellmannische geheiratet hat. Ich Hab' also gekämpft, um Fräulein Hermine zu erobern. Ich bin mit großen Posten Portugiesen in die Lieb' gegangen. Bichler. In die Liebe? Wasserstein. Das sagt man so. Es heißt „kaufen". Ich Hab gekauft und gekauft, und die Portugiesen sind gefallen und gefallen. Ich Hab' gekämpft. . . Bichler. Und Sie haben die Schlacht verloren? W a s s e r st e r n. Wie ein General. Bichler (steht auf, gehr umher). Welche Formen die Liebeswerbung annehmen kann! Romeo kaust Portugiesen. W a s s e r st e i n. Ach, mein lieber Herr Doctor, ich konnte nicht mehr rechnen, ich Hab' gehabt nur sie-im Kopf. Ich war ja ganz vernarrt in dieses Mädchen. Sie ist so schön, so fein, sie hat Haare wie von Gold. Bichler. Sie werden lyrisch! W a s s e r st e i n. Was werd' ich? Bichler. Ich meine: Sie sprechen wie ein Dichter. W a s s e r st e i n (tiesbetrübt). Und jetzt ist Alles weg: mein Geld und das Mädchen! Wenn ich wenigstens das Geld behalten hätte! Aber Alles verlieren! Das ist bitter. Bichler. Wenn Sie ein Philosoph wären, Herr Wasserstein, so wüssten Sie, dass Ihr Fall die noth» wendige Ergänzung der anderen Fälle ist — Ihr Fall ist der versöhnende. Wasser st ein. Entschuldigen Sie: wieso? Bichler. Wenn man für glückliches Börsenspiel mit allen Genüssen der Erde belohnt wird, so muss man für unglückliches noch außerdem bestraft werden. Dem Rheinberg ist's gelungen — Ihnen ist's misslungen. Das gleicht sich aus. W a s s e r st e i n. Auf Ehre gut! Bichler. So müssten Sie das als Philosoph ansehen.

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