Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 7 (18.2.1898)
- Article
- Die erste Volksversammlung der Berliner Zionisten
- Date
- 1898-02-18
- Page
- 6 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 7 streben, so scheint mir darin nichts Unvernünftiges zu liegen Nicht einer unsicheren Zukunst dürfen wir unser Volk preisgeben. Es muss dafür gesorgt werden, dass es in Sicherheit leben kann, und wenn wir das unter den Augen der gauzen Welt, in der Art der modernen Völker versuchen, so kann auch darin eine Gefahr nicht erblickt werden. Beide Redner scheinen vor dem Worte „Staat" zurückzuschrecken. Nun, was ist ein Staat? Eine große Colonie. Was eineColonie? Ein kleiner Staat. Und die Menschheit schien nie etwas Furchtbares darin zu erblicken. Nun meint der erste Redner, wenn es gelänge, ein Gemeinwesen in Palästina zu errichten, dieses dem Proletariat wenig nützen würde, und dass es dort ebenso wenig auf wirtschastlichem Gebiete besser würde, wie es hier bei uns der Fall ist. Ich kann es nicht verstehen, dass der Redner für das Proletariat in diesem gedachten Gemeinwesen etwas befürchtet. Ich kann Ihnen sagen, dass ich diesen Proletariatsunterfchied nicht mache, dass es für mich keine Verschiedenheit unter den Juden gibt, und der ganze Zug der Bewegung ist eine Bedachtnahme auf das Loos gerade unserer Aermften. Und wenn wir ihnen nicht das Huhn im Topfe garantieren können, gibt es ihnen denn der Socialismus? Ich glaube, von den beiden Zukunstsstaaten, dem socialistischen und dem zionistischen, hat der Letztere mehr Aussicht auf Verwirklichung, als der Erstere. (Rufe: Na! na!) Auf „Na, Na," ist allerdings schwer zu antworten. Wenn ich das bedenke, dass bei neuen Einrichtungen immer alles bester gemacht wird, als es bei den alten war, so gebe ich mich der Hoffnung hin, dass im neugegründeten Judenstaat auch wirtschaftlich gesunde Verhältnisse herrschen werden. Und wenn wir zur Gründung einer neuen Sache schreiten, so haben ja die Herren,- die sich-des Proletariats annehmen zu müssen glauben, Gelegenheit, ihre Wünsche zu äußern und für deren Verwirklichung Sorge zu tragen. .; Ich will mich nicht zu sehr wiederholen, daher lassen Sie mich schließen. Unser Standpunkt ist kein fanatischer, wir find, moderne Menschen und haben es nicht verstehen können, warum Fehler einer früheren Zeit in dieser Zeit noch fortdauern sollen Bewachten Sie diese Bewegung, als eine Wohlfahrtsbewegung die dem Armen dienen will. Niemand feindlich ist, und der Menschheit eine gewisse Erleichterung bereiten kann. Dr. Caro betonte seinen Standpunkt als „Deutscher jüdischen Glaubens", der seine Kraft in den Dienst seiner Glaubensgenossen stellen will, um ihnen die Gleichberechtigung mit anderen Bürgern zu erkämpfen. Rechtsanwalt Silbergleir, spielt auf den Fall Dreyf u s an und meint, dass derselbe zugunsten des Zionismus spreche: wenn es möglich ist, dass so etwas vorkommt, wer wisse denn, was noch alles geschehen werde. Es gebe keine ausgeprägtere Nation, als gerade die jüdische. Der Jude habe sich zwar europäisiert aber nicht assimiliert, und deshalb werden zwischen ihm und den anderen Völkern stets Reibungspunkte vorhanden sein. Pastor Faber: Verehrte Versammlung! Ich muss gestehen, dass ich als Christ den Widerspruch nicht zu verstehen vermag, denn die zionistische Bewegung in manchen Kreisen der jüdischen Bevölkerung hervorruft. Es ist wahrlich eine schwache Erklärung für diese Erscheinung, dass man den deutschen Patriotismus in einen Gegensatz zur jüdisch-nationalen Bewegung zu bringen sucht. Wenn amerikanische Staatsbürger deutscher Nation mit einiger Theilnahme die Geschichte ihres alten Vaterlandes verfolgen, so wird ihnen niemand den Vorwurf machen, dass sie unpatriotisch handeln gegen das Land, in dem sie leben. Ebensowenig kann man einem deutschen Staatsbürger jüdischer Nation es verargen, wenn er mit Sympathie der gewaltigen und großartigen zionistischen Bewegung begegnet, und seine Kraft in den Dienst der Idee stellt, die gegenwärtig das jüdische Volk der ganzen Erde zu durchflammen beginnt. Die entsetzliche Norhlage der jüdischen Massen in Russland, Rumänien und neuerdings auch in Persien zwingt alle Juden, welche raeftainaniva bene raeiiamanim (Barmherzige, Söhne der Barmherzigen) sind, den Colonisationsbestrebungen im heiligen Lande helfende Theilnahme zuzuwenden. Ohne den gesicherten Rechtschutz eines jüdischen Staates aber werden diese Colonien der Willkür preisgegeben sein. Wie die Blüte aus der Knospe, so wird und muss aus den in großartiger Entwicklung begriffenen Colonisationsbestrebungen des heiligen Landes der jüdische Staat mit zwingender Nothwendigkeit hervorgehen. Die Weltgeschichte kenntwenigBewegungen von so großartigem Charakterals die zionistis che, die schon jetzt, wie ich aus persönlicher Erfahrung weiß, bis in die entferntesten Gegenden der Welt ihre kraftvolle Wirkung äußert. Die Neubelebung der hebräischen Sprache beweist auch nach dieser Seite hin die Lebenskraft der jüdischen Nation. Die heutige Versammlung ist ein Beweis, dass der Zionismus seinen Siegeslauf auch in Berlin angetreten hat. Möge er noch soviel angefeindet und verspottet werden, eins ist gewiss, die Wiedergewinnung des heiligen Landes für Israel, das Volk ohnegleichen, bahnt sich an, wenn auch nur in den ersten Anfängen. Einer der Herren Vorredner hat gesagt, „man dürfe nicht Gott vorgreifen, es werde die Sache des Allmächtigen sein, dieses Werk zu vollbringen, Gott werde die Juden selbst nach Palästina, dem Lande ihrer Väter, zurückführen, man brauche zur Erfüllung dieser Verheißung keiner zionistischen Bewegung und keiner Führer." Darauf antworte ich mit dem alten talmudischen Wort: „en somshin al haness** (man darf sich nicht auf ein Wunder verlassen). Gott wirkt nicht unmittelbar, sondern er bedient sich menschlicher Kräfte. Das aber ist groß an der zionistischen Bewegung, dass alle Juden, möge ihre Anschauung in religiöser Beziehung sein, wie sie wolle, mögen sie moderne Leute ohne Religion, mögen sie Orthodoxe, Talmudjuden oder Reformer, mögen sie welcher religiösen Ueberzengung auch immer leben, sie alle können sich an dieser Strömung betheiligen, die eben keine religiöse, sondern eine nationale, in den Naturgrundlagen des Volkes wurzelnd ist. Der Zionismus kann, wird und muss siegen! Darauf sprach Herr Rosenthal gegen den Zionismus, mit einem großen Aufwand an körperlichen Bewegungen. Bielverheißend war das Programm, das dieser Herr entwickelte. Er gestattet großmüthigst allen Juden, die sich in den Ländern, in welchen sie wohnen, nicht wohl fühlen, nach Palästina zu gehen. Bon seinen sonstigen Ausführungen will ich als Charakteristikon nur noch anführen, dafs er den Berliner Zionisten mit prophetischem Seherblick verkündete, dass sie in Zukunft bei ihren Versammlungen Ahlwardt und Liebermann von Sonnenberg als Agitatoren für den Zionismus auftreten sehen würden, weil sie sich des „Verbrechens" schuldig gemacht haben einen evangelischen Geistlichen in der Discussion sprechen zu lassen! Es war inzwischen halb zwölf Uhr geworden, und im Publicum machte sich bereits eine gewisse Unruhe bemerkbar. Auf der Rednerliste standen noch 6 Herren verzeichnet. Ter Vorsitzende bedauerte, dass er der vorgerückten Stunde wegen die Discussion kürzen müsse. Da ergriff Herr Goldberger das Wort zur Geschäftsordnung und bat, wenigstens Herrn Löwenstein zu gestatten, das zu sagen, was ihm am Herzen liege, da die Zionisten sonst gewärtig sein können, es werde der „Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" daraus Capital schlagen, dass seinem Vertreter das Wort nicht ertheilt worden sei. Der Vorstand erklärte sich mit diesem Vorschläge einverstanden, und Herr' Löwenstein konnte beginnen. Dieser Mann missbrauchte die Redefteiheit, um seine unerhörten Angriffe gegen die Zionisten, durch die er bereits eine traurige Berühmtheit erlangt hatte, noch zu potenzieren. Ter Redner wurde trotzdeni angehört, bis er die Tactlosigkeit begieng, Herrn Pastor Faber in einer, bei gebildeten Leuten glücklicherweise nicht üblichen Art anzugreifen. Die Versammlung gerieth dadurch in eine derartige Erregung, dass sich die Polizei genöthigt sah, sie aufzu lösen. Es ist traurig, dass diese Juden, die von den anrisemirischen Verdächtigungen doch wahrlich genug zu leiden haben, es nicht verabscheuen, im Kampfe gegen Zion ihre Waffen dem jndenfeindlichen Arsenal zu entnehmen. Und tadelnswert ist es, einem Manne, wie Pastor Faber, der mit edlem Muth und mit Selbstverleugnung fiir unsere Sache eintritt, unlautere Motive zu unterschieben. Wenn die Herren vom „Verein deutscher Staatsbürger jüdischen