Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 7 (18.2.1898)
- Article
- Die erste Volksversammlung der Berliner Zionisten
- Date
- 1898-02-18
- Page
- 7 (sequence 4)
- Language
- German
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Nr- 7 JfcOWdC Seite 7 Glaubens" sich einen christlichen Gymnasiallehrer aus Neuwied am Rhein kommen lassen, um einen Bortrag gegen den Antisemitismus zu halten, so verzeichnen sie dies mit Stolz. Wir aber sollten uns dessen schämen, dass ein evangelischer Seelenhirt aus eigener Initiative zu uns kommt, um seiner warmen Sympathie für das jüdische Volk Ausdruck zu geben! H. Schildberger. m Alfred KaqurL über Antisemitismus und Zionismus. Der französische Deputierte Alfred Naquet ist kein Gewährsmann, auf den wir uns gerir berufen. Eine Qualität besitzt er jedoch zweifellos: er ist ein erfahrener Politiker. Seit 30 Jahren nimmt er an den parlamentarischen Kämpfen Frankreichs theil. Er ist stets als politischer Kämpfer im Vordergründe gestanden und darf wohl zu den besten Kennern französischer Verhälnisse gezählt werden. Unmittelbar vor seiner Abreise von London, hat ihn daher ein Mitarbeiter des „Jewish World" ausgesucht und um seine Meinung um die gegenwärtigen Ereignisse in Paris befragt. Zum Schluss kam die Rede auf den Zionismus, über den Naquet, wenn auch wenig unterrichtet, doch ein für einen französischen Juden seltsam national klingendes Urtheil abgab. „Ich muss fort", begann Naquet seine Ausführungen. „Wenn die Franzosen endlich zur Raison kommen, werden sie vielleicht doch diesen Zuständen einmal ein Ende machen. In Wirklichkeit hat der Antisemitismus im Sinne des religiösen Hasses zwischen Christen und Juden in Frankreich immer bestanden. Nur der Geist des Liberalismus und die sprichwörtliche französische Höflichkeit haben den offenen Ausbruch verhindert. Seitdem im Jahre 1878 die Regierung die Clericalen zu verfolgen begann, wollten diese an den Juden ihre Rache nehmen, und so ertönte ihr Ruf „Nieder mit den Juden!" stets dann, wenn sie von der Regierung neue Maßregeln befürchteten. Aber bis zum Jahre 1886, da Drumont mit seinen Hetzpamphleten austrat, gab es wenigstens keine offenen Angriffe gegen die Juden. Zu Drumont gesellte sich bald eine Schaar von Unzufriedenen, deren sich die Boulangisten bedienten, indem sie ihnen die Verwirklichung ihrer Absichten in Aussicht stellten. Boulanger verschwand, ohne etwas geleistet zu haben; und so konstituierten sich Drumont und seine Anhänger zu einer antisemitischen Partei." Dass ihm gerade ein großes Verdienst dabei zufalle, wenn Boulanger seine Partei nicht ins antisemitische Fahrwasser gelenkt hat, unterließ Naquet, wohl aus Bescheidenheit, zu bemerken. „Obwohl diese Excesse gegen die Juden", setzte Naquet s eine Auseinandersetzungen fort, „sehr beklagenswert sind, so haben die Juden doch nichts zu befürchten. (?) In Algier wurde die Agitation gerade nicht von Franzosen, sondern von stemden, besonders Spaniern und Portugiesen eingeleitet, die die Eingeborenen aufhetzten und sich selbst an den Plünderungen betheiligten. Auch in Paris giengen die Excesse nur von den Studenten und vom Pöbel aus." „Die Ursachen dieser Agitation liegen darin, dass die Juden von ihren christlichen Nachbarn mir Hass und Neid betrachtet werden. Auch darf nicht vergeffen werden, dass die Schutzzollpolitik Melines zum Losungsworte führte; „Frankreich für die Franzosen" — und das hatte wieder die Angriffe gegen die Juden zur Folge. — „Was denken Sie denn von der zionistischen Bewegung?" warf der Jnterwiever als die nächste Frage ein. — „Ich habe dieses Thema noch nicht genügend studiert. Aber ich sehe keinen Weg, wie der Plan Dr. Herzls verwirklicht werden könnte. Es freut mich sehr, dass diese Bewegung wenigstens dieses Resultat erreicht hat, dass sich das Volk zum Judenthum bekennt. Es ist traurig, wenn jemand seinen Glauben oder seine Abstammung verbirgt. Ich sellfft habe es nie versucht, mein Judenthum in Abrede zu stellen und ich bin überzeugt, dass es für die Juden viel besser wäre, wenn sie sich offen zu dem bekennen würden, was sie sind." Zum Schluffe erzählte noch Mr. Naquet eine amüsante Geschichte, die jedenfalls beweist, wie weit fein Name in jüdischen Kreisen bekannt ist: „Es ist merkwürdig, dass die Juden überall ihre Glaubensgenoffen zu finden wiffen. Vor einiger Zeit erhielt ich einen jüdisch-deutschen Brief aus Odessa und da ich ihn nicht lesen konnte, so zeigte ich ihn dem Grand-Rabbiner, der mir jedoch den Inhalt nicht mittheilen wollte. Bon einem Freunde erfuhr ich aber, dass mich der Briefschreiber um ein Darlehen von 20 Francs angeht. Ich sandte ihm das Geld und hatte längst an die Geschichte vergessen. Da erhielt ich vor sechs Monaten neuerlich einen Brief aus Odeffa, diesmal mit einem Betrage von 26 Francs. Wie Sie sehen, ist es also wahr, dass wir schon in dieser Welt den Lohn für unsere guten Thaten ernten." & Senator Sakrewskij über die Affaire Dreyfus und den Antisemitismus in Frankreich. Der Präsident des obersten Caffationshofes in Petersburg, Senator Sakrewskij, veröffentlichte nach der Meldung eines Wiener Blattes folgenden Artikel in der Petersburger „Juriditschkaja Gazetau: „Diese Angelegenheit (die Affaire Dreyfus) ist für den Juristen besonders intereffant, da sie in anschaulicher Weise bestätigt,, wie gefährlich es ist, unter irgendwelchen Vorwänden von den Grundprincipien der Gerechtigkeit abzuweichen, eine gerichtliche Angelegenheit mit politischen Fragen zu verquicken uud sich über die üblichen Formen der Rechtsprechung hinwegzusetzen. Was aber an den letzten Ereignissen in Frankreich besonders neu und besonders traurig ist, das ist — die reinthierischeErscheinungdes Antisemitismus. Wer hätte vor einer Reihe von Jahren voraussetzen können, dass auf französischem Boden, der einen Voltaire hervorgebracht hat, und dessen Söhne stolz darauf sind, dass sie stüher als alle anderen Nationen vor der ganzen Welt allen Menschen ohne Unterschied der Abstammung und Religion die gleichen Menschenrechte zugesprochen haben, dass auf diesem Boden, in diesem skeptischen und freien Frankreich die wilden Rufe: „Nieder mit den Juden!" ertönen werden. Mögen diejenigen Nationen das thun, welche nicht auf eine solche Vergangenheit wie die stanzösische zurückblicken können. Frankreich aber sollte sich schämen, solche Symptome eines zoologischen Rückschrittes zur Schau zu tragen . . . Die Affaire Treyfus-Eßterhazy hat die Grenzen Frankreichs überschritten und interessiert die ganze civilifierte Welt. Es ist genügend, auf die ungeheure Anzahl der Pressäußerungen hinzuweisen, welche in allen Sprachen veröffentlicht worden sind. Diese Affaire — und darin beruht das Jntereffante derselben— bedeutet das volle Fiasco des geheimen, an die Inquisition erinnernden Gerichtsverfahrens." „Tie Affaire Dreyfus-Eßterhazy", schließt der Autor seine Betrachtungen, wird dadurch denkwürdig bleiben, dass sie einerseits die im Namen der höheren Jntereffen der Gerechtigkeit geäußerten Proteste gegen die Ausnahmsgerichte und gegen das Säbelklirren auf einem Gebiete hervorgerufen hat, auf welchem ausschließlich Themis herrschen sollte, Proteste gegen das geheime Inquisitions-Gerichtsverfahren, gegen die Verletzung der wesentlichen Formen unter dem Vorwände, dass der internationale Anstand gewahrt werden müffe; andererseits hat aber dieserProcess gezeigt, wiegrobeJnstincte noch in einem Volke verborgen sind, welches sich zu den gebildet st en Nationen zählt, und wie leicht es inmitten der modernen Civilisation ist, nicht nur unter den Bolksmassen, sondern auch in den mittleren Gesell schüft sschichtenthierischeLeidenschaftenwachzurufen." &