Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 7 (18.2.1898)
- Article
- Die erste Volksversammlung der Berliner Zionisten
- Date
- 1898-02-18
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 7 Diese äußere sich bald in socialer, bald in politischer, bald in kultureller Form. Ueberall sei sie eine craffe Iudennvth, die der dringenden Abhilfe bedarf. Redner weist dann den Borwurf zurück, dafs der Zionismus nur eine Reaction, durch den Antisemitismus hervorgerufen, wäre. Der Zionismus sei so alt wie das jüdische Volk. Neu an ihm ist nur die Politische Form, in der er sich seit dem Baseler Congresfe der Iudenheit präsentierte. Es sei ein Irrthum, wenn man den Zionismus in Gegensatz zum deutschen Staatsbürgerthum bringen wolle. Man könne sehr gut seine Pflicht als Bürger erfüllen und doch ein treuer Sohn des jüdischen Volkes sein. In der darauffolgenden Tiscussion sprach vor der Versammlung zuerst Herr G o t t h e l f. Er gab sich als Vertreter der socialdemokratischen Anschauung aus, wogegen die Socialdemokraten wohl energisch protestieren dürften, da er mit seinen chaotischen Aenßerrmgen nur einen unfreiwilligen Heiterkeitserfolg erzielte. Ernster schon wurde der folgende Redner, Herr Ni. "A. Klausner genommen. Er beginnt mit dem Geständnis, dass ihm eigentlich die Bestrebungen des Zionisnins bis jetzt noch nicht klar geworden sind. Gott habe beit Juden verheißen, sie zurückzuführen in s gelobte Land, aber nur Er allein; wir hätten also nicht das Recht, der Prophezeihung vorzugreifeu. Redner betont, dass er selbstverständlich für die Unterstützung der Evlonien sei, so lange sie nur ein humanes .Hilfswerk bedeuten, den politischen Zionismus aber, namentlich die Idee der Staatenbildung, betrachtet er als Gefahr, vor welcher er jeden Juden nicht eindringlich genug warnen könnte. Unter stürmischen Beifallsrufen erhob sich nun Tr. Herzl und begann: „Meine Damen und Herren! Ich habe leider nur kurze Zeit Gelegenheit, mit Ihnen beisammen zu sein, um zur Klärung beizutragen. Es war mir sehr erwünscht, in den beiden Herrn Vorrednern zwei Richtungen der Gegnerschaft vertreten zu sehen. Herr Klausner hat mir schon früher einmal die Ehre erwiesen, mich anzugreifcu. Es war zu einer Zeit, da es mir noch möglich war, alle "Angriffe zu lesen und ich glaube kaum, dass ich heute noch die Worte des Herrn Klausner im Gedächtnis hätte, wenn sie nicht zu den ersten gehört hätten, die gegen mich gerichtet waren. Herr Klausner hat seinerzeit, als der „Iudenstaat" erschien, in einer Kritik darüber geäußert: „wenn dies die Ideen eines Einzelnen sind, so sind es die Ideen eines Verrückten." Inzwischen hat der Einzelne Genossen gefunden, und ich glaube, man müsste die Irrenhäuser wesentlich vergrößern und auch noch neue bauen, wollte man sie alle darin nnterbringen. Wir haben wenigstens Einiges erreicht, wir haben erreicht, dass die Bewegung ans dem Rahmen einer Tiscussion herausgetreten ist, während Herr Klausner sich begnügt hat, die Sache als eine verrückte zu erklären. Er gibt selbst zu, das Wesen des Zionismus nicht zu kennen, nnch erinnert dies an das Wort eines englischen Parlamentariers: „ich kenne die Gründe der Regierung nicht, aber ich missbillige sie." Herr Klausner, der das Wesen des Zionismus nicht kennt, missbilligt es. Ich will die Bestrebungen des Zionismus daher in der Form wiederholen, wie sie der Baseler Congress angenommen. Ter Baseler Congress hat das Programm des Zionismus dahin formuliert: „Wir wollen eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte schaffen flir die Juden, die sich nicht assimilieren können oder wollen." Jedes Wort in diesem Satze glaube ich vertheidigen zu können, und Sie werden finden, dass ich dabei der Vernunft keine große Gewalt anthue. Vor allem meinte Herr Klausner in seiner Polemik, dass unsere Brüder in Basel den Iudenstaat, mein Kind, wie er sich ausdrückt, scheel angesehen und es verleugnet haben. Vergessen Sie nicht, was diese Broschüre ist und war, und was der Baseler Congress geworden. Diese Broschüre war der Versuch eines Einzelnen, in diese Indenfrage etwas Licht und den Vorschlag einer Lösung zu bringen, Niemand ist dafür verantwortlich, als ich. Und was war der Baseler Congress? Ta sind bereits die zielbewussten Vertreter der Juden zusammengekommen und haben sich darum gekümmert, dem Zionismus die nächsten Ziele und Grenzen zu stecken. 'JCitf das sehr delicate Gebiet Ihrer staatsbürgerlichen Auffassung darf ich nicht eingehen, da ich als Ausländer zu Ihnen spreche. Ich möchte Ihnen nur sagen, dass ich es nicht gut einsehen kann, wie der Versuch, für einen Theil des sich überflüssig fühlenden Volkes eine Heimstätte zu schaffen, wie die Gewinnung eines Territoriums auf dem Wege einer öffentlichen Tiscussion, wie das schädlich znrückwirken könnte ans die Rechte derjenigen, welche bleiben wollen. Wissen Sie denn nicht, in welchem colonialen Zeitalter wir leben'? Es ist eine Evnseanenz der Uebervölkernng, und der sich dadurch immer crasser gestaltenden socialen Frage, dass manche Völker bestrebt sind, überseeische Evlonien zu gründen, um den Strom der "Auswanderung dorthin zu lenken. Ties ist die Politik, die England seit Tecennien treibt, und die für viele Völker vorbildlich wirkt. Ich glaube, dass Tentschland auch ein Größer Deutschland zu werden beu Anlauf genommen hat, seit es über die Meere blickt und überall Evlonien zu gründen sich bemüht. Wenn zum Beispiel galizische Bauern nach Amerika auswandern, so kann ich nicht einsehen, inwiefern es ans die Zurückbleibenden schädlich einnnrken sollte. Eine geleitete Auswandernng jüdischer Blassen kann nicht schaden. "Allerdings wollen wir versuchen, die "Auswanderung in richtige Bahnen y.t leiten, ihr ein festes Ziel zu geben, damit wir sie nicht in's Elend hinausführen. Herr Klausner hat nichts dagegen, wenn wir sie überall hinleiten, um ihr Los zu verbessern, nur nach einem Srte will er nicht, dass sie gehen sollen, nach Palästina, weil er glaubt, dass sie einst nach Gottes Willen dahin kommen werden. Ich meine, wenn Herr Klausner sich einen "Augenblick von seinen vrvvhetischen Vorstellungen sreimacheu kann, so wird cs doch im Territorium Palästina — und es gibt ein Palästina, er liegt am mittelländischen. Meer — Crte finden, die sich zur "Ansiedlung eignen. Und wenn wir nun meinen, dass dieses Land sich besonders eignet, weil wir durch ein ideales Band noch immer mit ihm vervn.ndeu sind, wenn wir nun glauben, dass das, was nie bisber geschehen konnte, min bewirkt werden kann, ivenn die Situation ausgenültt wird, wenn das alte Volksideal polittschc Formen aniiimiitt, so scheint mir auch darin nichts Unrechtes zu liegen. Mau Hai ja versucht, in anderen Ländern Evlonien zu, gründen, und Sie kennen den Namen des wohltbatigcn Mannesdes Baron Hirsch, der eine Evlouisativn in Argentinien vor sucht hat. "Aach den Erfahrungen ist "Argentinien eine "Art Königsgrab für Hirsch. Man hat eine "Anzahl von Bien scheu vervslauzt, ohne ihnen wohl zu tbun, und weil sie das Baud nicht harten, das norhwcndig ist, um Nienschcn an die Erde zn seiscln, ist diese wohlthätige Cvlvnie dem Untergang preisgegeben, Nun scheint es, dass die Herren gegen den Wohlthätigkcits-Zionismus niclus hätten, nämlich gegen den, der „wvhlrhätig" Inden in Palästina ansiedelt. "Aber Sie können ein Volk nicht mit Wovlthätigkcit behandeln. Tie Wvhlthätigkcit kann sich nur ans den Einzelnen erstrecken. "Airgends gibt es meyr Schnorrer, als bei den Juden, und das Schnorrertlmm ist ein großes Gebrechen. W o h l t h ä r i g k e i t a n eine m g a n z e n V o l k e a u s g e ü b t heißt Politi k, u n d d i e W o h l r h ä t i gk e i t, die ein Volk zu seinem eigenen G e d e i h e n a n s z u üben versucht, ist die Politik die s e s Volkes. Es gibt keine Politik, die nicht von "Absichten der Wohlfahrt durchdrungen ist. Wir glauben, die große Frage nicht dadurch lösen zu können, dass wir die Einzelnen gar nicht übersehbaren Leute ivegschicken: „Wirf ihn heraus, er zerreißt mir das Herz!" Tie Frage ist aus diese Weise nicht zn lösen: denn er kommt zurück, den mau hinauswerscu ließ, und der verpflanzte Schnorrer ist nicht gerettet, während, wenn mau die Sache von vvruehereiu in der umfassenden Weise löst, dem geholfen ist, der gehr und dem, der bleibt. Wer sich assimilieren will, assimiliert sich. "Nur meinen wir, dass die Herren, denen cs die "Nützlichkeit anräth, den Zionismus zn fördern, nicht durch alle möglichen "Behauptungen die gedeihliche Verbreitung dieses Gedankens zu hemmen versuchen sollten. Und wenn wir dasjenige, was den Herren besonders bedenklich zu sein scheint, wenn wir die Colonisatton nicht nur polittsch machen wollen, sondern von vorneherein sic öffentlich rechtlich zn sichern er-