Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 2 (14.1.1898)
- Article
- Herodes und Marianne
- Date
- 1898-01-14
- Page
- 15 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3315709-3315742-3315745-3356483--03798-3356561- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 1 «eite IS. wäre. Alles hängt doch zusammen, und es geht nicht gut an, Stoff und Form voneinander zu trennen. Ein Zufall kann es nicht sein, dass Friedrich Hebbel, indem ihn der Kampf der Geschlechter reizte, zweimal gerade in der altjüdischen Tradition den geeigneten Stoff und das geeignete Problem fand. Wir muffen also nachspüren, inwiefern das Schicksal Mariamnens mit dem jüdischen Volksthum zusammenhängt. Die schrankenlose Hingebung des Weibes und dann der ungeheure Jndividualitätstrotz, wie er sich bei Mariamnc findet, scheinen sich als absolute Widersprüche ausschlicßen zu müssen. Aber immer muss das Weib doch in sich selbst etwas haben, was sie verschenken kann, und Herodcs, wie gesagt, ist durchaus nichts anspruchlos. Also muss die Möglichkeit gefunden werden, zugleich eine eigenartige, trotzige Persönlichkeit zu sein und eine grenzenlose, selbstvergessene Hingabe zu üben. Ich sagte schon, dass diese Möglichkeit zum Theil in jener Illusion der Freiheit liegt, welche der kluge Mann dem Weibe stets lassen wird. Aber es ist doch noch etwas mehr damit verbunden, nämlich die Ueberfülle an geistiger und seelischer Kraft und an Gefühlen. Wohl sind das Gefühle ganz persönlicher Art, die sich in einer solchen Klangfarbe nur gerade bei diesem und keinem anderen Individuum finden. Trotzdem ist das Gefäß, das einzelne Individuum, für diesen Ucbcrschwang oft zu eng, und so sucht dieser Einzelne noch nach einem zweiten, manchmal nach vielen Gefäßen, in die er seinen Inhalt ergießen kann. Mariamne geht zu^Hcrodes nicht nur, weil dieser Mann an und für sich einen gewaltigen Eindruck auf sie macht, sondern weil die Schwingungen und Worte ihrer Seele in ihm einen ungeheueren Widerhall und eine Fortentwicklung finden — er „versteht" sie, wie der volksthümlichc Ausdruch lautet, und sogar besser, als sie sich selbst versteht. Das ihr Eigenthümlichc findet sich auch bei ihm, der aber zugleich die größere und weitere Form hat, so dass er noch in sich fassen kann, was bei ihr schon zum Ueberschwang und zur Extase wird. Diese Neigung zur Ucberschwänglichkcit ist aber keine Einzcleigcnschaft der letzten Makkabäerin, sondern überhaupt des jüdischen Nationalcharaklers, und so darf man wohl annehmen, dass auch das alte Judenthum nach einem Gefäß suchte, in welches es all seinen Inhalt in reicherer und mächtigerer Fülle hinübcrgießen konnte. Zum Theil aus diesem Bedürfnis, wenn auch nicht ganz aus ihm allein, ist der jüdische Monotheismus hcrausgewachsen. Jehowah war das starke, große und allmächtige Gefäß, welches alle Gluthen und Fluthen dieses tief erregten Nomadenstammes in sich sammelte, ohne zersprengt zu werden. Vielleicht klingt es blasphemisch, wenn ich sagen wollte: Israel verhält sich zu Jehowah, wie sich Mariamnc zu Herodcs verhält. Aber es ist trotzdem die reine Wahrheit, und man braucht sich nur an die Kehrseite der Medaille, an Gott Satan zu erinnern. Holofernes sagte einmal, dass er aus dem Herzen Judith's ihren Gott verdrängen würde, um sein eigenes Bild hineinzusiellcn. Herodcs aber braucht das gar nicht mehr zu versuchen, da es ihm, gegenüber Mariamne, längst gelungen ist. Und wie sich das jüdische Volk, trotz aller Demuth gegen Jehowah, sehr trotzig als ein au. erwähltes Volk gegenüber anderen Nationen fühlte, so besitzt auch Mariamne eine ganz respectable Masse von Königsstolz und. um die Sache nur bei ihrem rechten Namen zu nennen, von Größenwahn. Immer wieder bringt sie in Erinnerung, dass sie eine Königin ist, die ein Anrecht auf Schmuck und seltene Perlen hat, und eine Makkabäerin, die auf die Sippe der gewöhnlichen Sterblichen stolz hcrabblicken darf. Als Hcrodes ihren Bruder gemordet hatte, da konnte er sie sich wieder versöhnen, indem er einfach von der Staatsnothwcndigkeit sprach und an ihren Königsstolz appellierte. Wenn eine Ruth mich auch nicht faffen mag. Wie lernte sie's bei Achrenlesen, Die Makkabäerin wird mich verstehn! Nun aber sind die Fürsten und Könige im Orient noch mehr, als ihre europäischen Collegen. dazu geneigt, sich nicht nur mit der höheren Gnade Gottes in Beziehung zu setzen, sondern sich selbst für Götter, mindestens für Halbgötter zu halten. Mariamne, wie sie der Dichter schildert, stammt in Wahrheit mehr von König Salomo und anderen gortestrunkenen orientalischen Despoten ab, als von der Familie des Judas und Mathathias. Einmal entschlüpft ihr das Wort, dass Herodcs Gottes Ebenbild in ihr geschändet habe. Dieser Ausdruck nimmt sich eigenthümlich genug in ihrem Munde aus, die doch deutlich gezeigt hat, dass auch sie die Ebenbilder Gottes, ihre Mitmenschen, wenn sie sie hasst und verachtet, durchaus nicht schont — dazu ist man ja nicht Königin. Wozu einen Scepter. Wenn nicht um Hass und Liebe zu befriedigen? Für Mariamne sind die meisten Menschen durchaus keine Ebenbilder Gottes, wohl aber sie, sie, die jüdische Königstochter, die Gattin des Hcrodes und letzte Makkabäerin. Und der Conflikt, der die Ehe dieser beiden unheilvoll zerstört, entspringt auch in der That nicht aus schlichter, rein menschlicher Empfindung, wie sie, trotz aller Wunderlichkeit in der „Nora" waltet, sondern aus ungeheuer gestellten Forderungen, die über das höchste Menschenmaß noch weit hinausreichen. Herodcs hat, aus politischen Gründen, den jungen Bruder der Mariamne, den Aristobulus, ertränken lassen. Trotzdem gelingt es ihm, die Gattin von der Nothwendigkeit dieses Mordes zu überzeugen, wenn cs auch immerhin natürlich ist, dass eine gewisse, vorübergehende Entfremdung zwischen ihnen eintritt. Nun muss aber Herodcs zu Antonius, und es ist sehr möglich, dass er lebend nicht mehr zurückkehrt, dass es also einen Abschied für ewig gilt. Hcrodes besitzt nun den Muth, von Mariamne den Schwur zu verlangen, dass sie ihm im Tode Nachfolge. Eine solche Forderung oder Bitte kann auch in einem rein menschlichen Liebesverhältnis mitunter gestellt'werden — nicht aber, wenn man der Frau eben den Bruder gemordet hat. Dazu muss man sich schon zu einem Gottähnlichkcitsbcwusstscin durchgerungcn haben, wie eben nur Hcrodes. Mariamne weigert sich, diesen Schwur zu thun, nicht etwa, weil die That sie schreckt, zu der sie vielmehr heimlich bereit ist, sondern weil sie verlangt, Herodcs solle auch ohne Schwur Vertrauen zu ihr haben. Auch sie also berücksichtigt nicht den Brudermord, auch sie will, dass Hcrodes, der sich doch etwas bedrückt fühlt und vielleicht dauernde Entfremdung fürchtet, noch ganz und gar die alte Mariamne in ihr erblicke — eine unmögliche Forderung schlechterdings. Gerade bei einem rein menschlichen Verhältnis in dieser Ehe hätte die Gattin, nachdem der erste, bitterste Schmerz über den politischen Mord überwunden war, alles aufgeboten, um dem Gemahl das Vertrauen zu geben, dass sie trotz alledem und alledem ihm treu wäre bis in den Tod. Wenn Mariamne genau das Gcgcnthcil thut, so wissen wir warum. Die absoluten Forderungen sind ja das entscheidende Merkmal für Naturen, die aus allem, sogar aus der Geschlechtsliebc, eine Religion machen. Grenzenloses, unerhörtes Vertrauen verlangt Mariamne von Hcrodes, und da dieser, in einer solchen Lage, sich dazu nicht ausschwingcn kann, so erfolgt die unselige Verkettung von Thatsachcn und absichtlich hcrvorgerufcncn Missverständnissen, die endlich zu ihrem Untergang führen und den Hcrodes als gebrochenen Mann zurücklassen. Sie verlangt von ihrem Gatten, dass er keine Eifersucht gegen sic empfinde, obwohl sie doch zuletzt selber die rafsinirtestcn Mittel in Bewegung setzt, um diese Eifersucht wachzurufen. Mit Recht hält der Römer Titus, der gleichsam als der kühle, zuschaucnde Chor dargestellt wird, der gekränkten Fürstentochtcr entgegen, dass sogar er, der Unbetheiligte, sich von ihr hätte täuschen lassen: . Du hast mich selbst getäuscht, Du Haft mich so Mir Grau'n und Abscheu durch Dein Fest erfüllt. Wie jetzt mit schaudernder Bewunderung. Und wenn da§ mir geschah, wie hätte ihm Der Schein Dein Wesen nicht verdunkeln sollen. Ihm. dessen Herz, von Leidenschaft bewegt. So wenig, wie ein aufgewühlter Strom Die Dinge spiegeln konnte, wie sic sind Drum suhl ich ricseS Mitleid auch mit ihm Und Deine Rache finde ich zu streng. Der gute Titus vergisst, dass es sich hier nicht um ciue gewöhnliche Menschenehe handelt, sondern um die Ehe von zwei solchen, die aneinander und jeder an sich selbst len