Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1898-01-14 · 2 (14.1.1898) · p. 16

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
2 (14.1.1898)
Article
Herodes und Marianne
Date
1898-01-14
Page
16 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3315742-3315745-3356483--03799-3356562
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

«eite 16. Nr. 2 Göttermaßslab legen — Uebcrschwänglrchkeit, hochpaihctischc Empfindung, wie nur jemals bei Moses oder Jesaios. Sehr recht also lhat Friedrich Hebel daran, als er ein Eheproblem der Gegenwart, welches vorläufig nur zwischen hochgespannten Naturen möglich ist, auf das jüdische Altcnhum mit seinem moralischen und sinnlichen Ucbcrschwang zurückführte. Und nunmehr wissen wir ganz genau, dass sich Judith und Holofernes auch dann tötten müssen, wenn sie sich geheiratet haben und lange Zeit unendlich glücklich miteinander waren. Der ganze Wert und Schwerpunkt dieses zweiten Judenstückcs von Hebbel liegt in dem Verhältnis der beiden Titelträger. Was er daneben sonst beibrachte, interessiert viel weniger, wenn er auch manches davon ziemlich gut, einiges freilich auch herzlich schlecht machte. So ist zum Beispiel die Episodenfigur des fanatischen Pharisäers Samcah so blass und farblos, wie nur möglich — ganz im Gegensatz zu den prachtvollen Gestalten in der „Judith". Die drei Könige aus dem Morgenland gehören ebensowenig in dieses Drama, wie der Herzog von Schwaben, Johann Parricida, in Schillers Tell hineingehört — das sind so Opfer, die die beiden Dichter der veralteten und kindischen Versöhnungsthcorie spenden zu müssen glaubten. Auch stört in diesem tiefgründigen Seelendrama mehr, als in anderen Werken Hebbels, die noch unentwickelte Technik, die zwischen Buchdrama und Bühnenstück unklar hin- und herschwankt, während die Sprache den Mvllton und die Lyrismcn doch gar zu sehr vermissen lässt. Auch die männlichste Poesie braucht Farben und Blüthen. Alle diese Fehler sollen nicht verschwiegen werden, nicht minder aber, dass dieses Werk zu den besten Erzeugnissen der dramatischen Literatur gehört, dass es ein tiefgründiges Problem der Gegenwart und zugleich ein gutes Stück der altjüdischcn Volksseele wundervoll zum Ausdruck bringt. Düchrrwrlt. Josua Schauer: Briefe eines polnische« Jude«. Prag. Comnnssions-Bcrlag von Jacob B. Brandeis. 1897. S. 68. Dr. Heinrich Kiesler: Judenthum und moderner Zionismus. Ein Berständigungsverfuch. Leipzig und Wien 1897. M. Breitensteins Verlagsbuchhandlung. S. 32. Wenn wir aus der Flut der zionistischen Brochurcn und Flugschriften, die alltäglich auf den Büchermarkt kommen, vorerst diese beiden heraussuchen, so geschieht es darum, weil sowohl die Individualitäten der beiden Verfasser, als auch die Methode, wie sie beide denselben Stoff behandeln, sehr charakteristisch sind für die Art, wie heute für und gegen den Zionismus gelämpft wird Herr Schauer ist ein polnischer Jude und er nennt, sich so. Er hat den Talmud studiert, die jüdische Geschichte gelernt, die hebräische Sprache ist ihm geläufig — er kennt den Geist des JudcnthumS. Er ist Zionist geworden, weil er sich treu bleiben wollte. Und wenn dieser „polnische Jude", dem auch die deutsche Sprache geläufig ist, seinen Zionismus begründet, so geschieht es in einer einfachen, schmucklosen, ungekünstelten Form, wie es das Volk thut, wenn es uns sein Innerstes offenbart. Herr Schauer raisonnierr nicht und politisiert auch nicht, er rollt einfach unser ganzes Schriftthum vor unseren Augen auf, die Bibel und den Talmud, den Midrasch und Sohar, die Schriften Maimonidcs' und Nachmanidcs', um — auch denjenigen, die es eigentlich von Arntswegen schon wissen sollten — die Lächerlichkeit der Missionsphrasc der Protest- Rabbiner und die reelle Bedeutung der auf die Rückkehr nach Zion bezüglichen Stellen zu beweisen. Hier einige Stellen, die der „polnische Jude" anführt, nachdem sie gewisse „Hüter des Gesetzes" beharrlich verschweigen. „Es trachte Jedermann, zu wohnen im Lande Israel — sei es auch in einer Stadt, die größtentheils von Nichtjuden bewohnt ist. und nicht im Auslande, wenn auch in einer Stadt, die größtentheils von Juden bewohnt ist — und daraus sollt 'Ihr die Lehre entnehmen, dass das Wohnen im Lande Israel so wichtig ist. wie a l l c anderen Gebote der Bibel zusammengenommen." (Tosefta, Aboda Sara, Abschn. 5.) „Wer über den Untergang Jerusalems trauert, der wird cs erleben, seine Wiederherstellung zu sehen." (Lada Batbra 6; Taanit 15.') „Wer ein Feld oder ein HauS im Lande Israel kauft, dem darf man hierüber den Kaufvertrag am S a b b a t h schreiben." (Lada Lama 80.) „Und Ihr werdet in Sicherheit wohnen in Eurem Lande" (3 Mos. 26, 5.), „nur in Eurem Lande könnet Ihr in Sicherheit wohnen, aber Ihr könnet nie in Sicherheit wohnen außerhalb desselben." (loratb Lobaniw: Abschnitt Beebnborbai.) Der Verfasser citicrt noch viele andere Stellen, die eine ganze Armee von Protest-Rabbinern mit allen ihren Missions- und Symbol- Sophistereien nicht wegzudisputiercn vermochte. Dabei ist in der Brvchürc auch für den Humor gesorgt, indem der Verfasser eine Blüthenlese verschiedener Stellen aus der Schrift des Wiener Oberrabbiners zusammcnträgt und ihren Widerspruch nachwcist. Wie anders ist die Brochure des Czernowitzcr Advocatcn gehalten! Keine Klarheit, sondern Sophisterei, keine Offenheit, sondern Opportunität. Der Verfasser windet und dreht und drückt sich, um nur zwischen Assimilation und Zionismus durchzukommen. Er ist nicht mehr Assimilant. „In Wahrheit ist kein Jude und^kann kein Jude ein wirklicher National - Deutscher oder National - Franzose sein. Jene, die es zu sein glauben, täuschen sich unbewusst." (S. 13) Er hat der Assimilation den Rücken gewendet, weil die deutsch-liberale Partei, deren Anhänger er war, mit dem Antisemitismus liebäugelte. (S. 6.) Ist er also jüdisch-national geworden? So behauptet er. Aber nach ganz eigener Fa?on. Er bat sich einen Nationalismus zurechtgelegt, „der sich mit der Assimilation gut verträgt (!) und der also — so lange der Jude eben Jude ist (!) — durch Assimilierung nicht unterdrückt werden kann. (?)" (S. 17.) Assimiliert Euch also, nur bleibt Juden — das wäre beiläufig die erste Processual-Einwendung dieser antizionistischen Satzschrifr. Worin würde also das Judenthum dieser Assimilierten bestehen? Doch nicht blos in ihrer Religion, denn Herr Dr. K. sagt auf S. 16: „Ich gehe nicht so weit, die Juden bloß oder auch nur vorwiegend als eine Religionsgenossenschaft zu betrachten. Der t h e ok r a t i s ch e oder theologische Standpunkt ist seit langer Zeit nicht mehr der maßgebende." Wir erfahren nun auf der folgenden Seite (17), worin „die nationale Eigenart und das Wesen des Judcnthums hestchcn". Es sind dies „das stolze Bewusstsein, die Urheber und Träger der reinen Gottesidee zu sein und der Glaube an die Bestimmung, die verheißene mcssianische Zeit herbeizuführen". Wie reimt sich das zusammen? Und mit der „messianischen Idee" hat es nach Dr. K. auch eine eigene Bewandtnis. „Sein" Zion ist das, „von welchem die Lehre und das göttliche Wort ausgcgangcn und dessen Wiedererlangung den Juden als Lohn für die treue Gottesvcrehrung zugesagt ist", aber unser Zion ist - meint Dr. K. — „der nationale Vcrcinigungspunkt der Juden in ihrer Absonderung von den Völkern und in ihrer egoistischen Abschließung gegen die anderen Völker". „Dieser Zionismus ist unjüdisch. Wir Juden wollen aber unter allen Umständen Juden sein und bleiben." (S. 19.) Armer Herr Schauer! Was hilft Ihnen Ihr Talmud und Midrasch und Sohar? In den Augen des Advocatcn Kiesler sind Sic kein Jude, am allerwenigsten ein polnischer Jude. Für den Verfasser ist der Antisemitismus nicht allein Judenhass, sondern „vorwiegend Opposition gegen die Gesetze", also eine politische Tagesfrage, die verschwinden muss, sobald die Menschheit aufgeklärter n.nd „die hohe Protection, die ihn noch in Oesterreich-Ungarn hält", aufhören wird — eine Auffassung, die uns nur noch deutlicher seinen Gesichtskreis zeigt. Und wenn Herr Dr. Kiesler auf S. 8 in der Undankbarkeit der Deutschliberalen die Lehre sieht, „dass wir nur auf uns selbst uns verlassen dürfen, dass wir in uns selbst die Kraft suchen müssen, deren wir bedürfen, um eine gegen allen Hass und gegen alle Verfolgungen gefestigte Position zu gewinnen und uns dieselbe zu erhalten", aber auf S. 23 pathetisch ausruft: „Nur — um Gotteswillcn — machen wir keine extra Judenpolitik! Machen wir die Politik der Staaten, denen wir als gute Kinder und treue Bürger anhängen und deren Schicksale unsere eigenen Schicksale sind" — wenn ich beide Stellen in einem und demselben Buche lese, so sei es mir gestattet, dem Verfasser für seine Logik und seinen Scharfsinn meine Bewunderung auszusprechen. Die Schrift des „polnischen Juden" unterscheidet sich von der des Czcrnowitzer Advocatcn nicht bloß durch ihren entgegengesetzten Standpunkt. ... S. R. Landau. — Demnächst erscheint ein zeitgemäßes Poem von dem bekannten Dichter und Schöpfer des jüdischen Theaters, Abraham Goldfaden, betitelt „Der moderne Brief". Der Verfasser hält sich gegenwärtig in Paris auf. Brrefkajtrn der Nrdaction. Dorpat, D. M stud. Besten Dank für Ihre Benachrichtigung. AuS Gründen, die Sie ja kennen, nicht zur Veröffentlichung geeignet. Mehreren Einsender«. Wir bitten um Geduld. Olmütz, „Trades Union". Manuscripr erhalten. Wurde dem Fachreferentcn übergeben. Gruß. sind. L, M. B., Dr. K, Ing. F. Wir sind leider nicht in der Lage, alle Berichte über die abgehaltencn Makkabäerfeiern zu veröffentlichen, da wir sonst durch mehrere Wochen unser Blatt ausschließlich mit diesen Berichten hätten füllen müssen. Besten Dank! Kolomea, S, Rath. Wir werden auf Ihre Anfrage brieflich antworten. MoSciska, K Wir bitten um nähere Auskunft, da wir sonst die Thalsache nicht Vorbringen könnten. Karlsruhe, Sch. Lassen Sie doch dein Blatte die Freude: solche Größen, wie der Herr Leitartikler vom 3. Jänner werden dem Zionismus nicht wehe tbun. Gruß. Zio«, Zaleszczykr. Der „Zion" erscheint noch weiter unter der Leitung des Herrn W. Bambus. — Hess' „Rom und Jerusalem" ist im Buchhandel nicht erhältlich. Die letzte Auflage wurde von Verwandten des Verfassers, wie verlautet, vollständig aufgckauft und vernichtet, damit bas „Aergernis" aus der Welt geschafft werde. — Derartige Bilder ßnd 6ei Herrn Isidor Knopf, Wien. II., Brigittenauerlände 26, erhältlich- — In der Angelegenheit der Colonialbank wollen Sie sich an das ActignscomitS durch ihren Landesvertreter wenden. Herausgeber: Paul -l»sch«r«r. Verantwortlicher Redacteur: Dr. SUgmanb Warna. Druck Don Jacob Dur Wien. VIII., Laudongaffe Nr. 57.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.