Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 2 (14.1.1898)
- Article
- Herodes und Marianne
- Date
- 1898-01-14
- Page
- 14 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 14. jpk^watr Nr. L. ist auch die Thatsache, dass er sich beeilt, rn Jerusalem einen schwänglichkeit, diese Ueberfüllung eines sterblichen Gefäßes Cirkns zu bauen und sich mit dem Plane tragt, die Fechtermit überirdischem Gehalt, welche wir schon als den leitenden schule Roms nach dem heiligen Lande zu verpflanzen. Das Grundgedanken erkannt haben, eine Tendenz, welche mitwirkt, heißt, er will eine Sitte übernehmen, die fast noch schlimmer dass ein Holofernes gerade eine Judith und ein Herodcs scheint, als der Baal- und Moloch dienst, der einstmals, lange gerade eine Mariamne nicht etwa nur lieben und zum Weibe vor Herodcs, diese syrische Erde befleckte. Mit diesem uralten nehmen, sondern zu einem willenlosen, unterjochten Theil des Gräuel vergleicht in der Thal Sameas die Gladiatorcnkämpfe, eigenen Wesens Herabdrücken möchte. Der Gott begehrt eine und Herodcs, indem er für diese Grausamkeiten ein starkes ästhetisches Interesse zeigt, erweist sich damit als ein rechter Abkömmling von Gott-Satan, vom Antichrist und vom Holofernes. Allerdings ist in diesem Nachfahren nicht ganz mehr die alte, wilde Vollkraft des Selbstvertrauens und des grenzenlosen Größenwahnes zu finden. Mehr als einmal hat Herodcs Momente, wo ihm vor seiner Gottähnlichkcit gründlich bange wird, und dann kommen, im Gegensatz zu Holofernes, schlicht menschliche Heldenzüge bei ihm zum Durchbruch. Mitunter fühlt er seine Pflichten als Regent und wandelt, um mit eigenen Augen alles zn schauen, unerkannt in der Nacht durch die Straßen Jerusalems, und es kann wohl Vorkommen, dass, wenn einmal Feuer ausbricht, der König selbst die Wachen aus dem Schlaf rüttelt und die Löscharbeiten leitet. Und wenn Herodcs eine Frau, welche bei dem Zusammenbruch ihres Hauses den Tod fand, weil sie vom Lager des todtcn Gatten nicht weichen wollte, ehrenvoll bestatten lässt, so hebt sich diese Handlungsweise geradezu herrlich ab gegen das fanatische Gebühren des Sameas, welcher es wagt, dieser unglücklichen Selbstmörderin das ehrliche Begräbnis zu verweigern. Hier erscheint Herodcs in gar nicht altjüdischer Weise als Vertreter einer freien Menschlichkeit, welcher die Anmaßung einer überirdischen Moral in die gebührenden Schranken weist. Aber das sind Einzelzüge, die für das innerste Wesen des Mannes nichts zu bedeuten haben. Immer wieder gewinnt der Allmachtsschwindel oder wenigstens die Allmachtsbcgicrde die Oberhand, und dort, wo ihm keiner hineinzuredcn hat, im Verhältnis zu seinem Weibe, entfaltet sich die grandiose Selbstsucht und das grandiose Temperament des Mannes in einem Grade, dass auch Holofernes ihn kaum übertrcffen dürfte. Seine Leidenschaft für Mariamne ist durch die Ehe, die nun schon viele Jahre wahrt, nicht im geringsten geschwächt worden — ganz im Gegcntheil. Und er findet Worte zum Preise der Geliebten, die fast an die Glut des hohen Liedes gemahnen. Aber trotzdem bleibt es Thatsache, dass er tieses heißgeliebte Weib, genau so, wie Holofernes die Judith, nur als sein Werkzeug betrachtet, als die geliebte Puppe, die zu ihm, ihrem Gott, beten und flehen, und, wenn es so beliebt wird, sich von ihm zertreten lassen muss. Das könnte ja nun ganz gewöhnliche Tyrannenart und Männcrbrutalität sein, wenn er nicht gerade das Ausnahmeweib, das Ueberweib begehren würde, welches über den menschlichen Durchschnitt hoch hinausragt. Er selbst rühmt nichr nur Mariamncns Heldenmuth und ihr gewaltiges Empfinden, das nicht nur zu starker Liebe, sondern auch zu starkem, stärksten 'Hass vollendet befähigt erscheint. Keineswegs also reizt ihn, wie die meisten Männertyranncn, das sanfte, demüthige hingehende Weib, sondern jenes andere, welches eine blinde, elementare, gewaltige Naturkraft ist, die er aber bändigt und die ihn schließlich als ihren Gott erkennt. Und unwillkürlich fallen uns die wilden Worte des Holofernes ein, welcher, nach eigenem Geständnis, dann erst seinen ganzen Wert empfindet, wenn die Frau, die ihn eben noch hasste, sich wahnsinnig an ihn schmiegt und, immer noch widerstrebend, glühende Küsse auf seine Lippen drückt. Holofernes fühlt sich eben als einen der Mitgötter, fast als den ersten Gott des Weltalls, und Herodcs, der solche Träume freilich nicht mehr träumt, sehnt sich doch danach gar sehr und zürnt darüber, dass er dem wankenden Erdboden nicht Ruhe gebieten kann. Aber alle diese Elemcntarmächte, so gewaltig sic sind, können doch für das Leben des Mannes niemals so verhängnisvoll werden, als das Verhältnis zum Weibe, als die Raserei der Liebe. Gerade je hcrrschsüchtiger und je herrschbegabter ein Mann ist, desto größer auch seine Leidenschaft, weil er sich eben die gefährlichste Frau aussuchen wird, die nur durch ungeheure Ueberkrast bezwungen werden kann. Es ist dies wieder diese Ueber- Göttin, die aber seine Allmacht durchaus nicht, nicht im geringsten beschränken darf. Herodcs hat, genau so wie Holofernes, die Kabbala gelesen, hat, wie dieser, alle Anlage zum Gott-Satan, ist, wie dieser, entsetzlich grausam und eifersüchtig auf seine Göttcrrechte. Man muss sich sehr hüten, seine Eifersucht gegen Mariamne etwa mit der Eifersucht eines Othello zu verwechseln. Othello ermordet Desdcmona, obwohl sie um ihr Leben fleht und vor ihm auf die Kniee finkt. Herodcs aber lässt eigentlich nur darum Mariamne zum Tode führen, weil sie ihm wild-leidenschaftlich trotzt, weil er aus ihrem Trotz erst Verdacht schöpft, weil er, ganz befangen in seinem Allmachtsdünkel und seinem frevelhaften Monotheismus, es gar nicht zu fassen vermag, dass ihn sein Weib lieben kann, grenzenlos lieben, und ihm treu sein bis in den Tod, obgleich es nicht willenlos vor jeine Füße sinkt und sich nicht zertreten lässt. Wie sagt doch Herodcs zu den Richtern, nachdem sie, auf seinen Befehl, sein Weib zum Tode verurtheilt haben. Ja, ihren Tod'. Ich will den Kelch des Ekels Nicht leeren, den der Trotz mir beut, ich will Nicht Tag für Tag mich mit dem Räthsel quälen, Ob solch ein Trotz das widerwärtigste Gesicht der Unschuld, ob die frechste Larve Der Sünde ist, ich will mich aus dem Wirbel Bon Hass und Liebe, eh' er mich erstickt. Erretten, kost' es, was es kosten mag. Darum hinweg mit ihr. Warum aber trotzt Mariamne? Weil man an ihr Allerheiligstes, an ihr freies Selbstbcstimmungsrecht gerührt hat — jene Stelle, die beim Weibe, eben weil cs sich grenzenlos hingibt, die empfindlichste ist. Sie empört sich dagegen, dass der Gatte, ohne sie zu fragen, schrankenlos über ihr Leben verfügt. Herodes muss zu Antonius und Oktavian, um sich zu verantworten und, da sich die Laune der Machthaber nicht berechnen lässt, so kann dieser Gang vielleicht sein Todcsgang werden. Bevor er aber Jerusalem verlässt, stellt er, nach seinem eigenen Ausdruck Mariamne unter das Schwert. Er befiehlt Männern, die ihm vertrauenswürdig scheinen, ihm die Königin, wenn der Tod ihn trifft, in das Grab nachzusenden. Das aber muss Mariamne zu ungeheurer Empörung anstacheln. Dieser rohe Eingriff in ihr Allerheiligstes, welchen sie das erstemal noch verzeihen konnte, erschüttert sic das zwcitcmal so tief, dass jeder Lebcnsmuth in ihr gebrochen ist, dass sie stumpf und apathisch, tief traurig wird, dass sie kaum noch Schmerz empfindet und sich nur noch, in ihrer tiefen Trostlosigkeit, als ein Mittelding zwischen Mensch und Schatten fühlt. So grenzenlos ihre Liebe war, so grenzenlos nun auch ihre Enttäuschung. Sie ist müde, todmüde, und wenn nicht Herodes selbst ihr den Henker schickte, so würde sie sich mit dem Dolch durchbohren, der längst schon an ihrem Herzen ruhte. Und ich bin müde, ich beneide schon Den Stein, und wenn's der Zweck des Lebens ist. Dass man es Haffen und dem cw'gen Tod Ihm vorziehen lernen soll, so wurde er In mir erreicht. O, dass man aus Granit, Aus nie zerbröckelndem, den Sarg mir höhlte. Und in des Meeres Abgrund ihn versenkte, Damil sogar mein Staub den Elementen 7yür alle Ewigkeit entzogen sei. Die tiefe Trauer, die furchtbare Todesmüdigkcit Mariamncns, nachdem sie sich in der Seelenart des Mannes ihrer Wahl so entsetzlich getäuscht sieht, Hab, wie es scheint, den Dichter Hebbel vor allem gereizt. Dieses Problem bewegt gar sehr die moderne Welt, und in unseren Tagen hat Henrik Ibsen in seiner „Nora" dieser Seelengeschichte des Weibes neue Seiten abgewonnen. Man könnte also kaum irgend etwas specifisch Jüdisches im Schicksal der letzten Makkabäerin entdecken, wenn sie nicht doch eben eine jüdische Königstochter