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Die Welt · 1898-01-14 · 2 (14.1.1898) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
2 (14.1.1898)
Article
Herodes und Marianne
Date
1898-01-14
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 2. Seite 13. gestatten wollen sich dem Geliebten schrankenlos hingeben. Sie sind sein Eigen nach Fraucnarr, aber mit furchtbarem Ernst betonen sie auch, dass sie nur aus ihrem eigenen, freien Willen sich ihm hingcgeben haben. Ja wohl, dieser freie Wille, diese selbsteigene Entschließung, das ist die Grenze, die der Geliebte nicht überschreiten darf. Er soll sie besitzen und von ihnen geliebt werden, grenzenlos, aber sie auch respectieren — grenzenlos. Holofernes respccticrt Judith nicht, und so schlägt sie ihm das Haupt herunter. Und Herodcs rcspcctiert nicht Marianne, indem er ihr einen Henker bestellt, der sic, wenn er stirbt, in das Grab hinachsenden soll — statt diese That ihrem freien Witten zu überlassen. Sofort erhebt sich Marianne gegen ihn zu einem furchtbaren Kampf aus Tod und Leben, der beide in den Abgrund reißt. Deutlich genug äußert sie sich mehr als einmal über diesen Punkt. Auf Herodes Frage, ob sie ihm verzeihen könnte, wenn er ihr, falls er auf dem Sterbebett sein Ende nahen fühlte, Gift in den Trank mischte, damit sie im Tode mit ihm vereint bliebe, erwidert Marianne in herbem Trotz: Wenn ich nach einem solchen Trunk auch nur Zu einem letzten Wort noch Odem hätte. So flucht' ich Dir mit diesem letzten Wort. Gleich darauf, in aller Heimlichkeit, so dass Herodes sie nicht hört, setzt sie hinzu: Ja, um so eher thät ich das. je sichrer Ich selbst, wenn Dich der Tod von hinnen riefe. In meinem Schmerz zum Dolche greifen könnte: DaS kann man thun, erleiden kann man's nicht. Und später, als sie dem Herodes in ihrem ersten Waffengange gegenübersteht, da schleudert sie ihm die folgenden gewaltigen Worte ins Gesicht: Ob ihm sein Weib ins Grab freiwillig folgt, Ob sie des Henkers Hand hinunterstößt — Ihm gleich, wenn sie nur wirklich stirbt! Er lässt Zum Opfertod ihr nicht einmal die Zeit! Und machtlos prallen an ihr alle Entschuldigungen des Herodes ab, der um ihre Verzeihung fast bettelt. — Du sprichst umsonst, Du hast in mir die Menschheit Geschändet, meinen Schmerz muss jeder theilen. Der Mensch ist, wie ich selbst, er braucht mir nicht Verwandt, er braucht nicht Weib zu sein, wie ich.- Und wenn der Mensch in mir so tief durch Dich Gekränkt ist, sprich, was soll das Weib empfinden. Wie steh ich jetzt zu Dir nnd Du zu mir? So spricht Mariamne. Aber trotzdem, ich glaube trotzdem, es ist nicht der Mensch an sich in ihr, sondern allein, ganz allein das Weib, welches sich tödlich gekränkt fühlt. Die Bestimmung des Weibes ist es nun einmal, sich hinzugeben, und eben darum, weil der einzelne Mensch nicht nur Geschlecht, sondern auch Individuum ist, muss es um so eifriger und eifersüchtiger darüber wachen, dass ihm ein gesondertes Gebiet, ein inneres Heiligthum überlassen bleibt, wohin sich das Geheimste seiner Persönlichkeit zurückziehcn kann, wo sie unnahbar thront und, immer aus freiem Entschluss, handelt und leidet, straft und belohnt. Diese Freiheit oder Illusion der Freiheit wird ein kluger Mann dem Weibe stets lassen, und ein feinfühliger Mann wird es stets nachempfinden, dass er an dieses intimste Seelenleben nicht rühren darf. Auch das Weib aus Bethulien, diese Judith, wurde nicht müde, immer und immer zu betonen, dass ihre Hingabe an den Geliebten ein freiwilliges Opfer wäre, welches dieser nach Gebühr zu würdigen hätte. Und so ergibt sich, je tiefer wir in dieses zweite Judcnstück hineinlebcu, immer mehr die Thatsache, dass hier der gleiche Conflict vorlicgt, wie im Judith-Drama — Mariamne ist Judith, in dem, was sie zur Empörung gegen den Geliebten stachelt. Aber Herodes? Wie steht cs mit ihm? Ist er wirklich Holofernes? Ich wage es, zu dieser Frage Ja zu sagen, aber mit der Einschränkung, dass dieser Holofernes inzwischen älter geworden ist, dass ihm, gewitzigt durch manche bittere Erfahrung, die Erkenntnis von den Grenzen des menschlichen Handelns schließlich aufging. Aber diese Erkenntnis kommt aus dem Kopf, nicht aus dem innersten Gefühl, in welchem der Allmachtsschwindel noch lebendig ist. Herodes hängt in seiner politischen Existenz ganz von den Römern ab und muss bald zu Antonius, bald zu Oktavianus eilen, um sich die Krone zu sichern und schwere Anklagen zu entkräften. Er weiß, dass die von ihm beherrschte Nation nur eine sehr geringe Macht bedeutet, die von der Republik des Westens jeden Augenblick zertreten werden kann. Das jüdische Volk ist in seinen Augen gleich dem Insekt im Rachen eines Löwen, welches nicht stechen darf, weil es sonst verschluckt wird. Herodcs, ans dieser Erkenntnis heraus, beugt sich der unerbittlichen Nothwendigkcit und bezähmt mit unerhörter Energie das stolze Herz, das gar manchmal gegen dieses harte Schicksal erbittert ausschreit. Aber genau so, mit Zähneknirschen, lasst dieser geborene Tyrann auch die Naturmächte über sich ergehen. Charakteristisch genug erscheint seine kleine Erzählung von einem Erdbeben, welches ihm einmal einen gar bösen Streich spielte. Die Erde hat mir einmal einen Becher Mit Wein verschüttet, als ich durstig war. Weil sie zucken anfieng, eh' ich ihn Noch leerte, ihr verzieh ich. weil ich musste. Dieses Wort ist köstlich. „Ihr verzieh ich, weil ich musste!" — Ja wohl, denn die elementare Naturgewalt ist stärker, unendlich stärker als der König von Israel, als H-rodes, der einst Holofernes hieß, damals, in jenen fernen Tagen, da er sich noch für einen der Mitgötter des Alls halten durfte, oder gar für den obersten der Götter, dem alle Elemente, die Erde und das Meer, das Wasser und das Feuer, der Himmel und die Sonne zu gehorchen hätten. Nun freilich, der schöne Traum ist nun vorbei, für immer vorbei, und Holofernes-Herodes weiß nur zu wohl, er muss der zuckenden Erde verzeihen, wenn sie ihm den Becher aus der Hand schüttet — leider, leider, sie ist mächtiger als er. Aber geblieben ist ihm die glühende Sehnsucht, das rasende Verlangen nach der Allmacht. Er ist eben, und dies muss man nicht vergessen, ein gestürzter Engel — jener Gott-Satan, wie er schon an dieser Stelle geschildert wurde. Damals wurde auch der Zusammenhang blosgelcgt, welchen der Satanismus eines Holofernes mit gewissen messianischen Gedankenreihcu aufweist, namentlich auch mit dem verheerenden Taumel, den vor mehr als zweihundert Jahren Zabbatai Zewi entfesselt hat. Nun, auch Herodes hält sich in schwachen Stunden für den Messias Auch er gedenkt das Judcnthum zu reformieren und gründlich um und um zu rütteln, damit der stehende Sumpf des todten Meeres endlich wieder in Bewegung kommt. Sameas, der Pharisäer, den Herodcs gefangen setzen ließ, weiß der entsetzten Alexandra, der Mutter Mariamnens, folgendes zu erzählen: Ich schrie zum Herrn, ich rief: Sich' auf dein Volk Und schicke den Messias, den du uns Verheißen für die Zeit der höchsten Nolh, Die höchste Noth brach ein! Darauf versetzt er Mit stolzem Hohn: Der ist schon lange da, Ihr aber wisst es nicht! Ich bin es selbst! Mit verruchtem Witz Bewies er dann, wir sei n ein Volk von Irren, Wir wohnten nicht umsonst am Todten Meer Dem die Bewegung fehlte. Ebb' und Flut, Und das nur darum alle Welt verpeste, ES sei ein treuer Spiegel unsrer selbst! Er aber wolle uns lebendig machen. Und müsi' er uns auch Mosts dummes Buch — So sprach er — mit Gewalt entreißen: Denn das allein sei schuld, wenn wir dem Jordan Nicht glichen, unscrm klaren Fluss, der lustig Das Land durchhüpfe, sondern einem Sumpf. Herodes gefällt sich also in der Mcssiasroüe, wenigstens spielt er mit diesem Gedanken. Und als Messias will er vor allem Leben bringen, jauchzende Lebenslust an Stelle der dürren Abstraction des Sittengesetzes. Mehr als bezeichnend

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