Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1898-01-14 · 2 (14.1.1898) · p. 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
2 (14.1.1898)
Article
Herodes und Marianne
Date
1898-01-14
Page
12 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3315742-3315745-3356483--03795-3356558
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 12. j*$wdr Nr. 2 ^euilletott Herodes und Mariamne. Bon S. Lublinski. Friedrich Hebbel konnte, nachdem er die Judith geschrieben, vom alten Testament und vom altjüdischcn Volksgcift noch nicht loskommen. Und so entstand manches Jahr später das berühmte Drama „Herodes und Mariamne", welches an künstlerischer Reife und straffer Geschlossenheit der inneren Form jenen Erstling weit übertrifft, wenn auch die äußerlich blendende Originalität des Jugendwcrkes hier nicht inehr zu finden ist. Aber trotz dieser Grundvcrschiedenheit in Ton und Stil, trotz des großen Zwischenraumes der Jahre, erscheint dieses zweite Judcnstück nur als eine organische Fortführung jenes ersten, und Probleme, die in der „Judith" im Keime schliefen, werden in „Herodes und Mariamne" zum Abschluss gebracht. Vielleicht legte sich Friedrich Hebbel einst die Frage vor, wie sich wohl alles gestaltet hätte, wenn Judith und Holofernes, statt sich wechselseitig zu vernichten, Mann und Weib geworden wären. Die Antwort lautete dann: Sie wären unendlich glücklich geworden und unendlich elend, hätten sich schließlich doch zu Grunde gerichtet. Auch brauchte er, um den Beweis zu finden, nur von neuem in die jüdische Ueberlieferung hineinzugreifcn und einen Stoff herauszuholen, der an und für sich schon, Lurch den rein äußerlichen Gang der Ereignisse, jeden Tragiker mächtig fesseln muffte. Holofernes erhielt jetzt den Namen Herodes, und Judith verwandelte sich in die schöne, entzückende und furchtbare Königstochter Mariamne. Der Dichter selbst scheute nicht davor zurück, diesen Zusammenhang mit seinem Erstling kräftig zu betonen. Auch hatte in der That Mariamncs Mutter, die ränkesüchtige Alexandra, die den Herodes hasste, davon geträumt, dass die Tochter gegenüber dem ihr angetrauten Gatten die Nolle der Judith spielen würde. Mariamne freilich weist mit geringer Entrüstung dieses Verlangen zurück: O ich weißt Ich hätte mir von ihm für jeden Kuss Im voraus einen Kopf, der Dir missfiel Bedingen und zuletzt, wenn keiner Dir Mehr trotzte, als sein eigner, ihn zum Selbstmord Bewegen oder auch, wenn das nicht gieng. An ihm in stiller Nacht die Katzenthat Der Judith wiederholen sollen Dann hätl'st Du wich mit Stolz Dein Kind genannt. Ich zog es vor, dem Mann ein Weib zu sein. Dem Du mich zugeführt, und über ihn Die Makkabäerin so zu vergessen, Wie er den König über mich vergaß. Aber, unter vier Augen, Mariamne irrt sich gar sehr: weder sie kann auf die Dauer die Makkabäerin vergessen, noch Herodes den König. Wir werden noch sehen, aus welchen Gründen, die nicht nur in der äußeren Stellung, sondern auch in ihrem Volksthum wurzeln. Und schließlich begeht Mariamne an sich und ihrem Gatten eine That, die allen Frevel der Judith weit hinter sich lässt. Sic thnt, als glaube sie an die Nachricht vom Tode des Herodes, ob auch ihr Herz ahnen mag, dass er noch immer lebt und wohl schon auf dem Rückweg nach Jerusalem begriffen ist. Sie veranstaltet ein Fest, sie tanzt im Brautschmuck und scheint über den Tod des Gatten wild zu frohlocken — welches alles aber nur geschieht, um seine Eifersucht wachzurufcn, so dass er sie dem Henker überliefert, um dann, erst nach ihrem Tode, zu erfahren, dass die immer noch wahnsinnig Geliebte ihm treu bis zuletzt gewesen, dass er sich selbst sein einziges und echtes, wahres Glück vernichtet hat. Diese Rache ist wohl viel furchtbarer, als die verachtete Katzenthat des Weibes aus Bcthulicn. Auch strahlt von der bleichen Mariamne im Fcstsaal ein unheimlicher, dämonischer Glanz aus, der selbst den harten Römer Titus tief erschüttert, obwohl er doch den eigentlichen Racheplan der Königin gar nicht ahnt, sondern an das Märchen von ihrer Treulosigkeit noch glaubt: ES schaudert mir vor diesen Weibern doch! Die eine haut dem Helden, den fie erst Durch heuchlerische Küsse sicher machte. Im Schlaf den Kopf ab, und die andere tanzt. Um sich nur ja die Krone zu erhalten, Wie rasend auf dem Grabe des Gemahls! — — Sie tanzt noch fort. Doch scheint's Ihr nicht ganz leicht zu sein. Sie müsst' erglühen Und sie erbleicht, als ob sie in Gedanken Was andres thäte und nur unwillkürlich Dem Reigen folgte. Nun, auch diese Judith Hat wohl nicht ohne Angst ihr Werk vollbracht. Da wieder! Wieder das Weib aus Bethulien, wieder Judith, die des Holofernes Haupt vom Rumpfe trennt! Seltsam freilich, sehr seltsam, dass der Dichter sich selbst citiert, und noch dazu in einer Tragödie, welche den höchsten Kothurngang schreitet! Aber Hebbel thut es doch. Er tragt keine Scheu davon, sondern nachdrücklich, eindringlich und ganz unüberhörbar ruft er uns zu: „Dieses Weib, die letzte Makkabäerin, die aus den stolzen Königsnamen Mariamne hört, sie ist gar nichts, gar nichts weiter, als die Judith aus Bethulien, die sich ihren Holosernes-Herodes zum Manne nahm". Besonders das Eine hat Mariamne mit Judith gemeinsam, welches zugleich das entscheidende Merkmal des jüdischen Nationalcharakters ist: das Ueberschwängliche. Bei Judith wurde dieser Grundzug freilich verschärft durch die Entbehrungen, die sie als Weib so viele Jahre zu erdulden hatte. Mariamne hat über solche Entbehrungen wahrlich nicht zu klagen, da sie zur rechten Zeit den Mann fand, der ihr an Größe des Willens und Ueberschwang des Gefühles vollkommen gleichkam. Diese Eigenschaften schätzt sie so hoch, dass sie auch die aus ihnen entspringenden, sehr gefährlichen Schattenseiten mit in den Kauf nimmt und sich sogar noch stärker durch sie gefesselt fühlt. Judith hat von Holofernes namenlose Gräuel gehört und am Boden seines Zeltes sieht sie das Blut eines Mannes stiessen, den der Schreckliche niederstach, weil jener gewagt hat, sein Auge zu Judith zu erheben. Und Judith? Sie empfindet Schreck und Grauen — sie ist überwältigt. Und Mariamne? Ihr hat Herodes kaltblütig den Bruder gemordet, und einen Augenblick entfernte sie sich auch von ihm, schloss sich in ihre Kammer ein und schickte ihm seine Geschenke an Perlen und Diamanten wieder zurück. Wie sie aber hörte, er würde einen dritten Versuch wagen, um bei ihr vorgelassen zu werden, da war es mit ihrer Standhaftigkeit vorbei, und sie eilte, so rasch sie konnte, in die Arme des schrecklichen Gemahls — nein, doch nicht in seine Arme, nur vor sein Angesicht. Denn in der Zwischenzeit, bevor sich Judith in Mariamne wandelte, war auch der Dichter ein anderer geworden, war tiefer in die Menschennatur hineingedrungen und hatte die Kunst der Nüancen und Uebergänge erlernt. Darum konnte er auch nicht im Handumdrehen den Konflikt in der Seele der Königstochter zum Ausgang bringen, sondern Mariamne, obwohl innerlich fast überwunden, zögert noch, dem scheidenden Gemahl Kuss und Umarmung zu gewähren und verweigert bestimmt den Schwur, dass sie jemals mit ihm sterben wüede. Heimlich aber — die Unart des a parte- Sprechens bewahrt auch noch Friedrich Hebbel — gesteht sie, dass der Schreckliche es fertig gebracht, dem Brudermord das Siegel der Nothwendigkeit aufzudrücken, und sie nun zugeben müsse: „Nothwendig, unvermeidlich, wohlgethan." Und wie Herodes dann zu Antonius abgereist ist und in schwerer Gefahr schwebt, da überlässt sich Mariamne schrankenlos ihrer Liebesleidenschaft und weist hohnvoll die Mutter zurück, die sie an den Brudermord erinnern will. Ganz wie Judith, die rücksichtslos cingewilligt hätte, des Holofernes Weib zu werden, auch wenn die Stadt Bcthulicn in Flammen aufgegangen wäre. Und aus einem ganz gleichen Motiv, wie Judith, empört sich dann auch Mariamne gegen den Mann ihrer glühenden Leidenschaft und bringt ihm und sich Untergang und Verderben. Dieses Motiv ist nichts anderes als, man braucht vor dem modernen Wort nicht zurückzuschrecken, ein gewaltiger Jndividualitätstrotz. Diese beiden, überlebensgroßen Frauen-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.