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Die Welt · 1898-01-07 · 1 (7.1.1898) · p. 14

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Journal
Die Welt
Volume
2 (1898)
Issue
1 (7.1.1898)
Article
Die todte Frau
Date
1898-01-07
Page
14 (sequence 3)
Language
German
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Seite 14 Nr. 1. Geschäft, und das ist doch die Hauptsache. Wenn der Jud mit den Christen Zusammenlebt wie mit Seinesgleichen, keine Extrageschichten macht, dann hört jeder Unterschied auf. Ich Hab' gestern erst Len Baron Heinzendorf, der sehr conservativ ist, ich möchte schon sagen clerical, auf 50.000 fl. versichert. Das macht gar nichts, dass ich ein Jud bin, glauben Sie mir, meine Herren!" „Wahr ist's schon," erwiderte einer der beiden Beamten, „Mensch ist Mensch, ob Jud oder Christ!" In der Ecke der Wirtsstube saß ein junger Mann, dessen feurige Augen sich scharf in das Gesicht des dicken, selbstzufriedenen Herrn bohrten. Er zerrte nervös an seinem kleinen schwarzen Schnurrbärtchcn, solange das Gespräch währte. „Die Herren haben Recht und auch Unrecht," nahm er dann das Wort, „Mensch ist Mensch, ob Jude oder Christ, aber das können Sie nicht jedem predigen, und wenn Sie es könnten, nicht jeder würde es glauben. Die meisten Nationen find vereinigt, ein Glied des Volkes stärkt sich am anderen, nur die Juden sind zerstreut, und verfolgt, seitdem sie zerstreut sind. Es ist nicht wahr, dass es genügt zu sein wie unsere Umgebung, um Duldung zu erlangen, von Liebe will ich ja gar nicht sprechen! Die Macht gibt das Recht und ehe wir nicht anderen Nationen gleichgestellt sind, das heißt, ehe wir nicht ein Stück Boden unser nennen, ein Land haben, unseren Antheil an der Erde, den Boden, in dem wir wnrzeln und der uns Kraft gibt, solange werden wir heimatlos von einem Erdenwinkel zum anderen ziehen, gejagt und gehetzt von den Völkern, unte^ denen wir wohnen." Der dicke Herr mit der glänzenden Cravatte maß dcn Sprecher verächtlich. „Sie sind ein Phantast, junger Mann; wie stellen Sie sich das vor, wollen Sie vielleicht nach Palästina zurückkehren und dort Steine essen?" „Ob ich zurück will," rief der junge Mnnn begeistert, „und wenn wir uns auch dort mit Steinen den Magen füllen müssten! Aber es wird so bös' nicht kommen! Zwischen den Steinen wird noch ein Stückchen Erde bleiben, um Korn zu säen, die Weinrebe zu pflanzen. Stück um Stück werden wir die Heimat zurückcrobern, erst den Boden bebauen und dann die Städte aufrichtcn, die Städte mit hohen Thürmen, die in der Morgcnsonne des Orients leuchten werden. Und weiße Fahnen werden aus den Zinnen flackern, die dem fernen Wanderer verkünden sollen, dass er der Stadt des Friedens und der Bruderliebe sich nähere! Denn wir wollen keine geduldeten Juden sein, aber duldsame, und unsere Liebe soll, wie uns schon vor Urzeiten geboten wurde, allen Menschen gehören." Schönwaldcr war ausgcstanden — er wusste selbst nicht warum — er hatte sich dem jungen Mann genähert, er wusste nicht wie. Mit fragenden Blicken schaute er den fremden Jüngling an und zog jedes seiner Worte, Silbe um Silbe, in das Innerste der Seele. Er hob den Blick zur Höhe und über sein düsteres Gesicht flog cs wie ein leuchtender Schein. Die anderen blickten unwillig nach ihm, ohne Verständnis für sein Benehmen. Er aber konnte nicht sprechen, er konnte ihnen nichts sagen, soviel zu erzählen gewesen wäre, und wortlos gieng er aus der Stube. Ja, ja, heimatlos — von einem Winkel der Erde zum anderen — und es hilft nichts — und es hilft nichts — und es hilft gar nichts — bis — bis — bis — ah! Er versank wieder in tiefes Brüten und gieng dcn Weg zurück, den er gekommen war. Weiße Nebeldünftc stiegen auf und in ihrem Schleier erblickte er dcn Friedhof. Er kannte ihn ja zu gut! Die eisernen Kreuze mit dcn schönen Inschriften, er hatte sic fast alle aus Wien gebracht, und seine' Frau hatte mancher Nachbarin Blumcn-Schößlinge oder seltenen Samen geschenkt, die Grabhügel der Angehörigen zu schmücken. An jener Stelle wollte er ein letztes Plätzchen für seine Frau gewinnen — eine Ruhestätte. Er sah sich wieder in der Stube des Bürgermeisters und hörte die kühlen Reden Nein, jetzt möchte er sie nicht hergeben, seine Irma, sie sollte dort nicht ruhen, wo sie nicht hingehört. Auch wenn s i e wollten, er möchte die Todte nicht mehr hergeben! Er kam an die ersten Häuser des Dorfes und verzögerte den Schritt. Er sah sie gut an, die Wohnstätten seiner Freunde, sein Blick war geschärft worden an diesem Abende, er drang durch die Wände. Schönwaldcr wusste genau, wo der Bauer und die Knechte schliefen, jedes Möbelstück, neu oder alt, war ihm bekannt und der Platz, auf dem es stand, auch die Kinder waren ihm nicht fremd. Ja, selbst jedes Stück Vieh hatte er hcranwachsen oder ins Dorf kommen gesehen. Hier, vor diesem Hause, war er mit seiner Frau oft gestanden, um angstvoll nach der Bäuerin zu fragen, die das Kindbettfieber beinahe ins Grab gebracht hätte. Dort gegenüber, hinter den drei breiten Fenstern, wohnte der Schullehrer, der bei seinem kleinen Gehalte darauf angewiesen war, auszuborgcn und schuldig zu sein. Man kannte seine Verhältnisse und schonte ihn. Der reiche Fleischhauer daneben hatte seinen Sohn beim Militär, der war ein leichtes Tuch, das mehr im Arreste saß als in der Kasernstube, und so oft Schönwaldcr nach Wien fuhr, musste er dem Soldaten einige väterliche Schelte überbringen, die durch etliche heimliche Gulden der Mutter versüßt wurden. Er musste ihm auch erzählen, dass die Sali vom Dümmclbauer keinen anderen Burschen anschaue und auf ihn warte, und der Sali musste er zuhause sagen, dass der Pcpi gut aussieht und an kein anderes Mädel denkt, als an sie. Jetzt war Schönwaldcr wieder beim Bürgermeistcrhause und da packte ihn der Zorn und er dachte — nein, er vermochte nicht zu denken, er wusste ja nichts anderes, als dass er elend war, dass er seine Heimat verloren hatte, dass er nichts mehr besaß auf Erden — nichts — keine Frau, kein Heim, keine Heimat! Nun stand er an der Thür seines Hauses. Diesmal zögerte er nicht, einzutreten. Die slovakische Magd saß auf der Schwelle und wischte sich die thränenden Augen. Schönwaldcr hatte sie zu den Nachbarinnen gesandt, damit sie ihm die Todte zurcchtlegen helfen. „Niemand is 'kommen, gar niemand!" rief sie ihm entgegen. Er nickte stumm und schritt an dem Mädchen hinweg in die Küche und von dort in die Stube. „Geh' zum Tischler," rief er zur Magd hinaus, „er soll die Truhe bringen und um die Truhe soll er eine gewöhnliche Kiste machen. Aber sofort!" Das Mädchen gieng. Schönwaldcr durchmaß mit schweren Schritten das Zimmer und blieb dann vor dem Bette stehen, in dem sein todtes Weib lag. „Was nun? Was nun?" summte er dumpf vor sich hin. Weg, weg, weg. Weg? Hier war er zuhause gewesen, in diesem Raume waren ihm fünfzehn glückliche Jahre verflossen. Mit einem Schlage war das Glück entflohen und hatte die Heimat mitgenommen. — Heimatlos! Heimatlos! — Ein wildes Lachen drängte sich ihm auf, aber er blieb stumm, die Gegenwart der Todtcn hielt ihn zurück. Und dann — — er stand gegenüber dem Spiegel, aus dem ihm ein wildes, verzweifeltes, hässliches Gesicht entgegenschautc; verzerrte Züge, die er nie gekannt hatte. Er trat näher an das Glas heran, um sich zu vergewissern, dass wirklich sein Ebenbild ihm cntgcgenstarre. — Gestern noch sah man ihm dcn Juden nicht an, der alte Fluch, das alte Elend waren von ihm abgefallcn. Er halte mit seinen Nachbarn in Frieden gelebt und, wie er glaubte, auch in Liebe. Sein Gesicht war glatt und friedlich geblieben — nun aber leuchtete ihm tiefes Weh aus dcn Augen des Spiegelbildes entgegen, das Leid der Jahrtausende, die Angst vor der Heimatlosigkeit, an der man den Juden erkennt, wenn sonst nichts ihn verräth. Und plötzlich fiel ihm die alte jüdische Sitte ein, in einem Todtenhause das Spiegelglas gegen die Wand zu kehren. Das war gut, denn es befreite ihn von sich selbst. Eine Weile blieb er ruhig — dann bohrte cs wieder in ihm. Ha. ha! Du hast Dein Judenthum vergessen — die anderen aber nicht — sie vergessen das nie — nie. Es war, als ob ein Nebel vor seinen Augen risse. Wie hatte der Student gesagt: „Es ist nicht wahr, dass cs genügt zu sein wie unsere Umgebung, um Duldung zu erlangen — von Liebe gar nicht zu reden." Nein, nein, cs genügt nicht. — Er war aus einer frommen Judcngcmcindc der Slovakei hiehergekommen, um sich als Hausierer sein Brot zu erwerben. Die Menschen waren gutmüthig, sie behandelten ihn freundlich, so dass er

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