Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 1 (7.1.1898)
- Article
- Die todte Frau
- Date
- 1898-01-07
- Page
- 15 (sequence 4)
- Language
- German
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fit. 1 Seite 15. sich bald heimisch fühlte. Er war ihnen anhänglich für die gewährte Duldung und bewies seine Dankbarkeit durch redlichen Verkehr im Geschäfte. Was sie ihm an Vertrauen entgegenbrachten, hatte er durch Liebe erwidert, und in dieser Empfindung nach und nach die Unterschiede vergessen, die Ausübung der sondernden Ceremonien und Gebräuche Stück um Stück unterlassen. Es war so allmählich gekommen, dass er dessen erst gewahr wurde, als er in die Hcimatsgemeinde fuhr, sich ein Weib zu holen. Die kleine Esther, das rothbloude Töchtcrlein des Nachbars Reb Oscher Siebenschein, war ihm von Jugend auf im Sinne gelegen, nun da sein Erwerb gesichert schien, sollte sie ihm ins ferne „Ocstreich" folgen. Reb Oschcr hatte Bedenken. Er wollte sein Kind nicht in ein christliches Dorf ziehen lassen, wo kein Koscherfleisch zu bekommen sei, kein Bethaus existiert, wo man im Leben und Sterben, wie er sich ausdrückte, „allan ün verlosscn is". Schönwalder hatte ihn beruhigt, dass man Fleisch aus anderen Orten beziehen könne und für die hohen Feiertage in die nächste Stadt fahre. Was aber das Alleinsein betreffe, so müsse er widersprechen, „das ist nicht so wie bei uns die slovakiichcn Bauern, die sich anders kleiden als wir und anders sprechen". „Draußen in Ocstreich" sieht der Bauer so aus wie ich und ich wie er. Wir reden eine Sprache, wir lesen dieselben Bücher und Zeitungen. Sie wissen ja, Reb Oschcr, wir Juden haben fürs Deutsche eine besondere Vorliebe. Wie käme es sonst, dass hier in der Slovakei schon seit zwanzig Jahr' von den Juden eine deutsche Volksschule erhalten wird. Glauben Sie mir, Esther wird sich bald wohl fühlen. Und sie fühlte sich wohl — in Oesterreich in seinem Dorfe, wo man sie bald lieb gewann — wie sie meinte. Allerdings Mann und Frau glichen äußerlich nicht Juden, ihr Wandel war tadellos und sie vermieden alles, was da hätte anstoßen können. „Moses" und „Esther" waren den officiellen Namen der Pässe gewichen: Moriz und Irma; die Tefilin hatte er schon lange nicht mehr angelegt, am Samstag wurde das Geschäft vorcst geschlossen, dann verkaufte man durch die Hinterthür, endlich öffnete man vorne eine Ladenthür, schließlich beide; das Fleisch wurde ursprünglich vom Koscherfleisch Hauer aus der nächsten Stadt per Post gesandt, als es einigcmale übelriechend ankam, unterließ man es — und so — so — waren sie nach und nach — ganz assimiliert. Sie sprachen auch den Dialect der Gegend und dachten wie die anderen. Ach 15 Jahre sind eine lange Zeit. — Heute aber tauchte die Heimat vor ihm auf — die Jugend. Eltern und Verwandte waren ganz ausgestorbcn und doch — doch — die Posie der Sederabende spann seinen Zauber um ihn — die hellen Chanukalichter, das freudige Singen und Spielen an diesen Abenden, die Weihe des Kidusch, der Sabbalhsegen am „Freitagzunacht". — Alles hatte er vergessen, mit einem Schleier verhängt — mit einem Schleier — denn die andern weggeriffen hatten. Die hebräischen Formeln und Scgenssprüche stiegen in seinem Gedächtnisse auf. Die alten wchmüthigen Melodien klangen an sein Ohr. Es drängte ihn, sie zu hören; er musste etwas sagen in dieser uralten Sprache — in der Sprache seiner Väter. — Wie war es doch, was man am Todtenbette betet oder wenn man von einem Stcrbcfall hört? „Gott hat gegeben, Gott hat genommen, der Name des Herrn sei gelobt." Das war nicht alles, noch ein Spruch in solchem Augenblick. Ja . . . „Gelobt sei der gerechte Richter!!" Der gerechte Richter. — Man muss im Todtcnhausc das Wasser ausschütten und die Gefäße umkehren. Er that so. Dann, dann? Ach ja, ein Licht zu Haupten der Todtcn stellen, ja das Scelenlicht. Was gab es denn sonst an jüdischer Sitte zu beachten? Ach ja, man muss sich die Kleider einrcißcn. Am liebsten hätte er sie in wildem Schmerze ganz von sich gerissen, aber nein, die Ruhe seines todten Weibes sollte nicht gestört werden. Er näherte sich nun dem Bette und hob die weiße Piqu^decke, mit der die Todte verhüllt war. Er beugte sich über seine tobte Frau. „So, liebe Jrmuschka, wir zwei fürchten uns nicht vor einander, nicht wahr, mein Kind! Ich werde Dich schon anziehen, ich werde Dich zum letztenmale bedienen, zum letztenmale im Leben! Es ist niemand gekommen, hörst Du, mein süßes Leben, mein einziges Kind, mein Estherl. Niemand, niemand, und Du, Du Haft sie alle so gern gehabt, so gern, du gute Seele, keine von Deinen Freundinnen ist gekommen. Sie fürchten sich vor Dir, sie schämen sich, Dir die letzte Ehre zu erweisen. Soooo, soooo! Ich werde Dich schön waschen und frisieren und anziehen, dann fahren wir nachhause. Es kommt keine mehr — es kowmt niemand, wir sind allein — ganz allein, kein Mensch, keine Seele!" Die Lampe flackerte auf. Wie ein Schatten huschte es über das Gesicht der Todten, Schönwalder erschrack nicht, ihn erschütterte nichts. Er streichelte das selbst im Tode noch hübsche Gesicht, scheitelte das rothbtvnde Haar, band es zu einem Knoten, dann nahm er reines Linnen aus dem Kasten. Mittlerweile kehrte die slovakische Magd heim. „Jesus Maria, was thut der junge Herr", rief sie slovakisch. „Pst, pst, ich kleide sie an, Deine Frau, nachdem sonst niemand gekommen ist." „Ich werd' Ihnen schon helfen, Herr!" Er schaute sie prüfend an. „Wenn Du Dich nicht ekelst!" Nach einer Stunde kam der Tischler. Er wollte Schönwalder helfen die Todte in die Truhe legen, aber dieser wehrte ihm ab. „Na, was geschieht denn jetzt? fragte der Tischler als die Kiste vernagelt war. „Wir tragen den Sarg auf'n Wagen", antwortete kurz Schönwalder. . .. Auf'n Wagen! „Ja, fährst den weg?" Schönwalder gab keine Antwort. Er summte etwas vor sich hin und das klang recht traurig. Dabei tappte er durchs Dunkel mit der schweren Last. Der Wagen stand hinter dem Hausthor; der Sarg wurde hoch gehoben, ein kräftiger Ruck — so —! die Magd brachte das Pferd aus dem Stalle und half anschirren. Das sanfte Thier war störisch, es drehte den klugen Kopf immer wieder nach dem Wagen zurück und schnupperte in der Luft. Schönwalder nickte ununterbrochen, sprach zu dem Pferde und summte hebräische Worte in melodischem Tonfall dazwischen. „Ja, ja, Breindl, das is a Fuhr' — das is a Fuhr für uns zwei!" Dann setzte er sich, auf den Bock, die Magd öffnete das Hausthor. „Wann wird der junge Herr wieder nachhause kommen?" „Nachhause, fragte er tonlos, nachhause?" Warum besann er sich? Ja, so! Ja, ja! „Hü, Breindl, hü!" und wieder erhob er die Stimme, nun laut und kräftig — er hat alle Scheu überwunden. Es war der 91. Psalm der rccitierr wird, wenn man einen Todten aus seinem Hause trägt. „Wie unsichtbar du auch thronest, wie umschattet du auch weilst, ruf ich dennoch Gott empor Dir: Du bist mein Schirm und meine Burg!" Der Tischler hörte voll Erstaunen die fremdartigen Worte in seltsamer Melodie. „Wohin fährst denn, Schönwalder?" frug er dann. Er bekam keine Antwort. Schönwalder hatte wohl die Frage gar nicht verstanden. Er rcciticrtc immer klarer und deutlicher. Die hebräischen Worte flogen ihm zu — er wusste kaum wie. „Denn vor unheilvollen Netzen hütet Er nur dich allein — vor der bösartigen Seuche schützet er." — Hü, Breindl, hü — —! Der Wagen rollte durchs Hausthor — die Magd schluchzte laut auf —. „Mit seinen Fittigen wird er dich schirmen, unter seinem Gefieder wird dir Schutz." Hü, hü! Die Herbstdünstc hatten den Mond umflort, cs lag wie ein leichter Nebel über der Straße. Das Gefährte verschwand bald im Halbdunkel. Wie Geisterstimme zog cs durch's schlafende Dorf in der unsterblichen Sprache des Orients: „Nicht fürchtest du den Schrecken der Nacht, nicht den Pfeil, der am Tage dir droht" — — „nicht die Pest, die im Dunkel schleicht, nicht die Seuche, die Tages wüthct." Das Rollen der Räder verlor sich in der Stille der Nacht — aber noch lange war der Gesang des Juden hörbar, der einsam dahinzog mit dem Leichnam seines Weibes, ihm eine Heimstätte zu suchen. _