Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 2 (1898)
- Issue
- 1 (7.1.1898)
- Article
- Die todte Frau
- Date
- 1898-01-07
- Page
- 13 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 1. jpK$Wdtr Seite 18. samstag, da hat's immer g'sagt: Ich muss was Neuch's erfinden zur Beleuchtung, damit der hochwürd'ge Herr a Freud' hat. Mir sau die anzigen Juden im Ort und hab'n immer zeig'n woll'n, dass wir ja keine Störung mach'n möcht'n!" „Ja, ja," nickte der Psarrer, „sie war eine brave Frau, ein rares Weib! Aber, Schönwälder, da lässt sich halt nichts machen, das wäre gegen die kirchlichen Gesetze, wenn wir sie mitten drinn im Kirchhofe beerdigen möchten." „Das verlang' ich ja nicht. Hochwürden, aber ein schönes, ein ehrenvolles Platzl, wo 's auch mich einmal hinlegen werden zu ihr. Wenn ich gestorben bin. Dann gibt's ja so kan Juden mehr im Ort, denn Kinder habn' m'r kane. Ich bitt', Hochwürdcn!" Der Pfarrer blickte verlegen zum Bürgermeister hinüber. Schönwalder folgte diesem Blicke und wendete sich zu dem Herrn der Gemeinde. „Ich bitt', Herr Burgermaster, thun's m'r das nicht an! Schau'ns, ich bin ein Feuerwehrmann und wann alle ausrucken zur Leich', kann ich sie doch nicht dort hinlegen ins Zigeunerwinkerl. Das wär doch a Schand'für das ganze Dorf!" „Ah freili gangert dös net, aber d'Feucrwehr wird halt net ausrucken!" „Nicht ausrucken? Aber, Herr Burgermaster, ich bin doch seit Bestand der Feuerwehr Mitglied, ich Hab' schon alle möglichen Chargen g'habt! Begrabt man ja nicht amal an Knecht von an Feuerwehrmann ohne Begleitung! Wird's doch für mein Weib ausrücken!" Die anderen Männer stießen sich mit dem Ellbogen. „Na red' du, Krautschneider," wendete sich der Bürgermeister harten Tones an einen jungen Mann, mit blondem keck aufgezwirbeltem Schnurrbärtchen und in die Schläfe gestrichenen, abgerundeten Haarbüscheln . . . „bist ja der Commandant von der Feuerwehr. Der Angeredete schwieg. „Na 's wird der do, an ehemalig'n Dragonerwachtmaster, net d'Red' verschlag'n hab'n, wannst was z'sag'n hast?" Endlich nahm der Angesprochene die Pfeife aus dem Munde. „Ja, woaßt, Schönwälder, 's is halt a Kreuz mit Dir; zun aner Leich', a ja, da möcht'n m'r schon recht gern ausruck'n, zun aner Leich', aber dös is halt cigcntli' koanc, Du därfst dein Wei' ja — nur so begrab'n lasf'n, na und da könnern m'r ja net kemmer!" „Schorschl!" schrie Schönwalder auf. „Und nachher därfst net vcrgess'n, dass mir beim Umgangausrücken mit dem Allerheiligsten gch'n und — dös is halt a Kreuz mit Dir." In dem Gesichte Schönwalders war eine große Veränderung vorgegangen, die gerötheten, vorhin etwas stumpf blickenden Augen flackernden in einem wilden Feuer, die Unterlippe war eingekniffen und um den Mund legte sich ein harter Zug. Die Hände ballten sich krampfhaft, die Stimme aber, die vorhin weich geklungen hatte, wenn auch trübe am niedergehaltenen Schmerze, klang jetzt hart und heiser. „Alsdann wie eineu Hund — im Zigcunerwinkcl — und keine Feuerwehr — kein Mensch soll's nicht sehen — nicht begraben — nur bei Nacht einscharren wie eine Landstreicherin -! Und das is enger letztes Wort? „'s wird net anderst," erwiderte breit der Bürgermeister. Die anderen zuckten verlegen mit den Achseln und trieben noch stärkere Rauchwolken aus den Pfeifen, als wollten sie hinter dem Qualm die Gesichter verstecken. Der Pfarrer trommelte auf die Tischdecke und blickte auf seine Finger. „Alsdann gute Nacht allerseits!" „Guat' Nacht, Schönwalder, pfiart Di Gott!" Der ehemalige Wachtmeister wollte aufspringen und ihm nachgehen, sein Nachbar aber, ein breiter, untersetzter Mann mit einem fetten Doppelkinn zog ihn nieder. „Bleibst net sitz'n, san m'r froh, dass die G'schicht' so ausganger is, leicht führt' er's do no weg." „War' eh' 's G'scheiteste," meinte ein alter Bauer, dem die grauen Bartstoppeln aus dem Gesichte starrten; „is und bleibt ja do a Schand, wann a Jüdin auf unfern Freithof liegert, kunnt'n no ins G'red' kummer in der ganzen Geg'nd." „Was soll er denn aber mit ihr mach'n!" rief Schorschl ungeduldig, „ins Wasser kann er j’ ja do net schmeiss'n?" „Soll er s' ins Ung'rische überiführ'n, wo s' her san," meinte sein Gegenüber. Schönwalder hatte die Thür hinter sich zugemacht und schlich langsam den dunklen Gang entlang hinaus. Bald hatte er die Hausthür in der Hand ^dann stand er zwischen den Staketen des Vorgartens vor dem bürgermeistertichen Hause. Es war eine helle Hcrbstnacht, man konnte die Farben der Astern und Georginen unterscheiden. Man vermochte aber auch ganz deutlich zu bemerken, dass zwei Gestalten sich in den Schatten des Nussbaumes stellten, um nicht gesehen zu werden. Schönwalder nickte mit dem Kopfe. „Ja, ja, sie verstecken sich!" Er hob die Hände hoch, ließ sie auf seinen Kopf fallen, als wollte er ihn zur Denkfähigkeit zwingen. Dann sog er mit einem tiefen Seufzer die würzige Nachtluft ein. Hier, an dieser Stelle war er oft mit seiner Frau gestanden, wenn sie abends den Laden gesperrt hatten. Die Frau Bürgermeisterin hatte nie verabsäumt, sic anzurufen, man sprach dann über alles Mögliche, über die neuen Stoffe und die alten Leiden, über die Kranken im Dorfe, über Verliebte und Verlobte. Seine Frau hatte alles mit Interesse angehört und wiedergegcbcn und jedes Einzelnen voll Liebe gedacht. Sie hatte sich in diesen Kreis eingclcbt und nie wieder hinausgcsehnt, nichts vermisst und nichts anderes erwartet. Sie war allen gut — allen — und die anderen — ach, er mochte nicht darau denken. Er gieng durch die Dorfstraße, er schaute weder rechts noch links in die Vorgärten, er wollte niemanden sehen, niemanden aufstören. Der Nachtwächter kam ihm entgegen und grüßte sehr höflich, Schönwalder nickte kaum zum Danke. Von ferne sah er eine dunkle Fläche, die eine Helle Wand entzwei theilte; das war die geschlossene Thür seines Geschäftes. Dort, wo abends sonst die Hellen Lampen flackerten, war es trübe und dunkel, das rege Leben, wie es ein Kramladen mit sich bringt, war zu Tode erstarrt. Todt — todt! Ihn schauerte. Was wollte er drin in der Stube bei der todtcn Frau? Und was wollte er hier in diesem Dorfe? Er war allein — allein — ganz allein, nachdem er fast sein ganzes Leben hier verbracht hatte. In dumpfem Brüten weiterschreitcnd, hatte er die Dorfftraßc verlassen, vor ihm, von fahlem Mondlicht übergossen, lag der Friedhof. Es wallte bitter in ihm auf. Er schritt vorüber, immer weiter — immer weiter! So war er einige Zeit dahiugegangen, als plötzlich ein matt glänzender Streifen seine Schritte hemmte. Wo war er? Er wachte aus seinen schweren Gedanken auf. Er stand vor dem Eiscnbahngclcise, unweit der Station. Von ferne hörte er ein Rollen und Zischen, dann tauchten zwei feurige Augen auf, sie kamen näher, ein Puffen und Stoßen, ein Tosen und Dröhnen, ein starker Luftzug, ein feucrumstrahlter, schwarzer Mann, hell beleuchtete Coupöfcnstcr, ein Rasseln und Dröhnen, dann reißt das Geräusch ab — es wild immer schwächer und vcrtönt gemach in der Ferne. Gar oft hatte Schönwalder an dieser Barriere gestanden, wenn der Schnellzug vorbeisaustc. Heute war ihm das ganz fremdartig erschienen. Warum hasten die Leute in der Welt umher? Was wollen sie? Warum bleiben sie nicht daheim? Daheim, sie haben doch alle ein Heim. Ach, und es ist so bitter, heimatlos zu sein. Die Barriere wurde gehoben, er konnte hinüber — doch er besann sich. Ihn quälte ein brennender Durst. Die Bahnreftauration war nahe — dort mochten sich auch Menschen finden, Leute, die ihm rathen konnten, was mit der todten Frau zu beginnen sei. Im Wartcsaal saßen an einem Tische zwei Bahnbeamle, die der Nachtdienst wachhielt, und einige Passagiere, die den Anschluss nach einer kleinen mährischen Stadt abwarteten. Ein schwarzhaariger Herr mit ausrasicrtcm Kinn, unter dcm eine breite Atlascravatte glänzte, sprach sehr selbstbewusst und breitspurig über die Tagespolitik mit ihnen. „Ach was, meine Herren, dieser ganze Antisemitismus ist ein Unsinn, eine aufgcbauschte Geschichte. Ich bin auch ein Jud und trotzdem hat man mich überall gern, ich mach' überall mein