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Die Welt · 1914-07-31 · 31 (31.7.1914) · p. 787

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
31 (31.7.1914)
Article
Judenheit und Judentum
Date
1914-07-31
Page
787 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 31 LT 787 die moderne Orthodoxie, die ja nur ein disharmonisches Gemenge von ghettojüdischen und assimilatorischen Prinzipien und Tendenzen darstellt, übernahm von beiden Seiten her diese Scheidung und zog aus ihr alle Konsequenzen. III. Und wir, die nationalen Juden? Wir müßten mit dieser Scheidung energisch aufräumen. Denn uns interessiert das Judentum nicht nur als Gewordenes, sondern als ein Werdendes und Zukünftiges; nicht auf das Produkt kommt es uns an, sondern auf den Prozeß: wir, die wir uns nach nichts tiefer sehnen als danach, uns in die lebendige Kulturentwicklung unseres Volkes wieder einzureihen, können zum Judentum nicht mehr die Stellung der Galuthjuden einnehmen; uns kann es nicht ein anderes, uns Gegenüberstehendes sein mit gesonderter Realität, sondern muß ein Teil unser selbst, eine Funktion unseres Daseins, die höchste Ausdrucksform unserer Existenz werden. Und dennoch: die Scheidung Judenheit—Judentum ist im nationalen Lager nicht seltener als im anationalen. Die meisten von uns halten sie für möglich, und Achad- Haam hat sie zum Dogma erhoben. Und wir streiten über Judenheitsfrage und Judentumsfrage, zerbrechen uns den Kopf darüber, ob der Zionismus beide Fragen lösen kann oder ob es nicht vielmehr darauf ankomme, nur die eine zu lösen, streiten uns, welcher man den Vorzug geben soll und merken nicht, daß wir bei allem nur ein Spiel mit Begriffen treiben. Aus dieser Begriffsspielerei ergeben sich aber gefährliche Konsequenzen für unsere nationale Ideologie. Wer stets gewohnt ist, Judenheit und Judentum als gesonderte Realitäten zu betrachten, muß dazu gelangen, zwischen ihnen bestimmte Beziehungen statuieren zu wollen, Normen aufzustellen für das Verhältnis des Volkes zu seiner Kultur, des einzelnen Juden zu seinem Judentum. Da aber dieses als selbständiges Wesen angesehene Judentum sich nicht als Prozeß darstellt, sondern als Produkt, nicht als Funktion, sondern als Faktor, nicht als eine lebendige, von Formeln und Systemen nicht zu fassende Entwicklung, sondern als ein fertiges System von Ideen und Sätzen, so kann der Versuch, die Beziehungen des einzelnen zu seinem Judentum zu fixieren, nur dahin führen: ihm die Anerkennung gewisser Ideen und Anschauungen des Judentums vorzuschreiben, eben jener, die das „Wesen des Judentums" ausmachen. So entstehen Dogmen, nationale Kriterien, Glaubensvorschriften, „ani maamin", und in welchen Formen immer diese Dogmatisierungsversuche sich ausgedrückt haben mögen. Daß all das aber dem Wesen des nationalen Gedankens widerspricht, ergibt sich von selbst. Noch eine andere ähnliche Konsequenz zieht die Scheidung von Judenheit und Judentum nach sich: Wer das Judentum als etwas Selbständiges ansieht, dessen Existenz von der der Judenheit unabhängig ist, muß auch die Frage nach dem Schicksal des einen von dem nach dem Geschicke des anderen trennen; muß die Zukunft des Judentums als unabhängig von der Zukunft der Judenheit betrachten. So wird folgende Auffassung möglich: das jüdische Volk mag leben oder untergehen, das Judentum als geistige, ideelle Realität bleibt ewig bestehen. In der Tat finden wir solche Gedankengänge, die der nationalen Bewegung ihre stärkste menschliche Begründung als des Mittels zur Erhaltung der jüdischen Kultur rauben, nicht selten auch in nationalen Kreisen; wer erkennen will, wie weit sie bereits um sich gegriffen haben, wer alle Konsequenzen dieser Denkweise beobachten will, sei auf den 4. Band des „Heathid" verwiesen mit seiner Enquete über die Zukunft der Juden und des Judentums. IV. Nur unter der Voraussetzung der Scheidung von Judenheit und Judentum — und damit gelange ich auf die praktisch wichtigste Konsequenz dieses Gedankenfehlers — ist auch der ganze Achad-Haamismus undKulturzionismuszu verstehen (wobei ich unter Kulturzionismus nicht den Zionismus, der auch die jüdische Kultur regenerieren will, verstehe, was jeder Zionismus erstrebt, sondern die Richtung, die allein die angeblich besonders bestehende jüdische Kulturfrage lösen will). Der Achad-Haamismus besteht ja auf der Anschauung, daß es zwei Judenfragen gebe: eine Judenheitsfrage und eine Judentumsfrage; daß die Judenheitsfrage in Palästina nicht zu lösen sei und auch nicht gelöst zu werden brauche; wichtiger, dringender und allein im Rahmen des möglichen sei die Lösung der Judentumsfrage durch Schaffung des berühmten geistigen Zentrums. Man hat bei der Widerlegung des Achad- Haamismus fast stets nur gegen seine praktischen Konsequenzen polemisiert und gezeigt, daß ein solches geistige Zentrum ohne vorherige Schaffung eines politischen und wirtschaftlichen Zentrums nicht zu errichten sei, ferner aber, daß selbst, wenn seine Errichtung möglich wäre, die Judenfrage dennoch in ihrer vollen Schärfe fortbestehen würde. Von unserem Gesichtspunkte aus erweist sich die begriffliche Voraussetzung des Achad- Haamismus überhaupt als unhaltbar. Soweit man unter Judentum die gegenwärtige und zukünftige jüdische Kultur versteht — und im Gedankenkreise der Judenfrage denken wir nur an diese — ist sein Schicksal mit dem des jüdischen Volkes identisch. Es gibt für uns nur eine untrennbare Judenfrage, die sich lediglich in den mannigfachsten Seiten und Ausdrucksformen offenbart. Wie aber könnte man den Ausdrucksformen eines Dinges gesonderte Existenz neben dem Dinge selbst zuschreiben, wie könnte man die Attribute einer Substanz neben der Substanz verdinglichen, wie die Funktionen eines Organismus von ihrem Träger trennen? Der Achad-Haamismus beruht eben auf der alten Denkgewohnheit des Galuthjudentums, vor dem er nur eine Inkonsequenz voraus hat. Denn da der Achad-Haamismus das jüdische Volk nicht als Träger einer ihm gegebenen Lehre, genannt Judentum, ansieht, sondern das Judentum als die nationale Kultur, also als die Ausdrucksform seines Daseins auffaßt, ist ihm für die Begriffsscheidung Judenheit—Judentum sowohl der psychologische wie der logische Boden entzogen! Hier wie in fast allen Punkten zeigt sich der Achad-Haamismus als der Versuch, das Galuthjudentum mit den Denkmethoden- und Gedankengängen des Galuth zu überwinden; ein Versuch, der notwendigerweise scheitern muß, weil einen Standpunkt überwinden, ihn von einem über ihm gelegenen, ihm entgegengesetzten widerlegen heißt; weil man ein konsequentes und innerlich so geschlossenes System, wie es das Galuthjudentum darstellt, unmöglich mit Hilfe seiner eigenen Methoden schlagen kann. Aus der Erkenntnis der logischen Unhaltbarkeit des Achad-Haamismus folgt für uns zweierlei: zunächst, daß es falsch ist, die zionistische Arbeit der letzten Jahre in Palästina als Achad-Haamismus zu bebezeichnen und sie je nach dem eigenen Standpunkt demgemäß gutzuheißen oder zu tadeln. Der Zionismus kennt nur eine Judenfrage, und was er in Palästina unternimmt, geschieht zur Lösung dieser einen Judenfrage. Wenn wir Schulen gründen, einen Sprachenkampf führen, die Idee einer Universität propagieren, so erstreben wir damit im Endziel dasselbe,

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