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Die Welt · 1914-07-31 · 31 (31.7.1914) · p. 788

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
31 (31.7.1914)
Article
Judenheit und Judentum
Date
1914-07-31
Page
788 (sequence 4)
Language
German
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788 Nr. 31 DIE3^ELT was wir durch Gründung von Achusoth, Errichtung von Farmen und Ansiedlung von Jemeniten-bezwecken: für das jüdische Volk ein Land schaffen, in dem es als Volk leben und dies heißt zugleich auch nationale Kultur schaffen kann. Weil wir auch die Kulturarbeit als Mittel zu diesem Zweck für notwendig halten und erkannt haben, daß jene flache Schematisierung: für die Lösung der Judenheitsfrage Kolonisation, für die Lösung der Judentumsfrage: Kulturarbeit, ebenso sinnlos ist wie die Konstruktion zweier gesonderter Judenfragen, deshalb sind wir noch nicht im geringsten dem wahren Zionismus untreu geworden; und darum von einer Wandlung des Zionismus zum Achad-Haamismus zu sprechen, zeigt von einem völligen Verkennen des zionistischen Gedankens. Noch einem anderen, in unseren Reihen häufig ausgesprochenen Gedanken wird mit der Beseitigung der Begriffsscheidung Judenheit—Judentum jede Berechtigung entzogen: ich meine die stete Klage, daß unser Programm zu klein sei zur Lösung der gesamten Judenfrage, daß der Zionismus nur einen Teil derselben lösen könne: eben die materielle, politische Judenfrage, aber angesichts der großen, gewaltigen Judentumsfrage versagen müsse. Lösen wir in Palästina die Judenheitsfrage, so ist auch die Jüdentumsfrage gelöst; kann das Volk frei als Volk leben, so gibt es kein Kulturproblem mehr; das gesund lebende Volk schafft seine gesunde nationale Kultur. Wenn es aber nur eine unteilbare Judenfrage gibt, so kann es auch nur eine einheitliche, unteilbare Lösung geben. Halten wir den Zionismus für diese Lösung, so müssen wir energisch und konsequent darauf bestehen, daß er die ganze Lösung der ganzen Judenfrage darstellt. Für uns gibt es nur ein Volk, eine Not und eine Erlösung. BEJAHUNG UND VERNEINUNG DES GALUTH Von Dr. R. Seligmann, Berlin-Steglitz Das Problem der Bejahung und Verneinung des Galuth steht an dem Wendepunkte unserer Geschichte, und wer nur einigermaßen an den historischen Schicksalen des jüdischen Volkes interessiert ist, dem wird es ohne weiteres einleuchten müssen, daß eine entschiedene Stellungnahme dieser Frage gegenüber eine große Verantwortlichkeit nach sich zieht. Wir sagen das Problem der Bejahung und Verneinung, denn diese ganze Frage von der Bestätigung und Verwerfung des Galuth ist nur in unserer modernen Zeit zu diesem akuten Problem geworden, diesem gebieterischen Entweder — Oder, diesem unabwendbaren Dilemma, das eine endgültige Lösung fordert. Für den Diasporamenschen früherer Generationen dagegen war diese Angelegenheit ganz und gar kein Problem; denn der Diasporamensch der früheren Generationen bejahte und verneinte in einem Atem das ganze Galuth mit allen seinen Erscheinungen auf die natürlichste Weise von der Welt, und zwar bejahte er es empirisch und verneinte es idealiter. Dieser Diasporamensch empfand die abnorme Lage des jüdischen Volkes innerhalb der anderen Nationen als einen vollständig normalen Zug der jüdischen Geschichte, denn er lebte in der unerschütterlich festen Geberzeugung, daß weil das jüdische Volk ein solches sui generis ist, seine historischen Schicksale dementsprechend sich auf eine ungewöhnliche Weise gestalten müssen. Diese Ueber- . zeugung faßte solche feste Wurzeln in seiner Seele, daß er vielmehr alles das, was er bei anderen Völkern als normale Bedingungen nationaler Existenz zu bezeichnen nicht umhin konnte, in bezug auf sein eigenes Volk als etwas 'Ungewöhnliches und Absonderliches betrachtete. Es war ganz in der Ordnung, wenn jedes andere Volk sein eigenes Land, seine eigene Sprache, seinen eigenen Staat, seine eigenkräftigen und selbständigen Institutionen besaß; es war aber ebenfalls ganz in der Ordnung, daß das jüdische Volk nichts von alledem sein eigen nennen konnte. Der Gedanke, daß die Juden einmal vielleicht in den Besitz all der natürlichen Attribute einer normalen Nation gelangen werden, schien ihm so fremd, daß er sich dies nur als das Werk eines historischen Wunderis vorzustellen vermochte. Das jüdische Volk war eben anders als alle anderen, und es war auch ganz natürlich, daß es ein anderes Leben führte. Ganz * verfehlt wäre es aber, diese Ueberzeugung ausschließlich als das Ergebnis einer langen geschichtlichen Gewohnheit zu bezeichnen, als das naturgemäße Produkt einer Eingelebtheit in unnatürliche Verhältnisse. Natürlich spielte dieses Moment mit, aber eine ausschlaggebende ( Bedeutung besaß es keineswegs. Diese Ueberzeugung wurzelte vielmehr, wie gesagt, in einer ganz selbständigen undgeschlossenen Anschauung vom Wesen und von den Schicksalen des jüdischen Volkes. Weil aber dieser Diasporamensch zu gleicher Zeit von der Idee getragen wurde, daß die ideale Bestimmung des jüdischen Volkes unter diesen Bedingungen nicht zu ihrem vollen Rechte kommen kann, so ging mit seiner empirischen Bejahung des Galuth eine ideale Verneinung Hand in Hand, indem er nämlich die Wiedereinsetzung des Volkes in seine historischen Rechte auf ein jeder Historie transzendentes Gebiet verwies, und die Aufhebung eines rein geschichtlichen Zustandes nicht wiederum durch geschichtliche Ereignisse, sondern durch ein außerhalb alles geschichtlichen Zusammenhanges stehendes Wunder erwartete. Trotzdem aber diese Galuthbejahung des ehemaligen Diasporamenschen aus einer geschlossenen und einheitlichen Anschauung floß, müssen wir sie doch als eine naive bezeichnen, naiv in dem Sinne, daß sie die gegebenen geschichtlichen Zustände kritiklos hinnahm, ohne sich im geringsten um all die Widersprüche zu kümmern, in die diese Zustände das Leben des jüdischen Volkes in der Diaspora verwickelten. Wie alle typisch-naiven Bejahungen, ging auch diese Bestätigung des Galuth nicht aus einer subjektiven Reaktion auf die äußere Umgebung hervor, sondern drückte einfach die passive Hinnahme des von außen her Gegebenen aus. Dieser Diasporamensch bejahte das Galuth, weil es der göttliche 'Wille einmal so verfügte, und da es in keiner Menschenmacht liegt, gegen den göttlichen Willen etwas auszurichten, so galt ihm das Galuth als eine fundamentale Tatsache, die man nur anzuerkennen hat. Gott hat das Galuth gegeben, Gott wird es auch nehmen — hierin liegt der Schwerpunkt aller orthodoxen Gesinnung, hierin der Grund, warum die Orthodoxen aller Schattierungen sich den Wiederbelebungstendenzen so entschieden und hartnäckig von jeher widersetzten, und im großen und ganzen es bis auf den heutigen Tag tun. Der orthodoxe Mensch huldigt nämlich einer heteronomen Moral, und muß demgemäß folgerichtig und prinzipiell alle autonomen Bestrebungen ablehnen. Diesen Umstand gilt es sich zum klaren Bewußtsein zu bringen, und es wäre eine Schwäche, die Sachlage bemänteln und beschönigen zu wollen. Dies nebenbei bemerkt, und nun wollen wir zu unserem eigentlichen Thema zurückkehren. Die naive Bestätigung des Galuth mußte notwendig

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