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Die Welt · 1914-07-31 · 31 (31.7.1914) · p. 786

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
31 (31.7.1914)
Article
Judenheit und Judentum
Date
1914-07-31
Page
786 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 31 786 ■ " .. ' ■ blET^ELT das Werk besteht; Goethe starb, aber seine Liebesbeziehung zu Frau v. Stein bewahrt eine eigene, selbständige, absolute Existenz für alle Zeiten. Dieser ganze Substantiierungsprozeß aber ist schlechterdings unmöglich in Ansehung des Gegenwärtigen und Zukünftigen. Das momentane oder künftige Erleben von dem, der es erlebt, zu trennen, ist begrifflich möglich, aber nur begrifflich. Es ist zunächst subjektiv unmöglich: das, was ich momentan erlebte, kann ich nicht verdinglichen und mir gegenüberstellen; denn mir gegenüberzustellen vermag ich nur ein Anderes, Fremdes, außer mir Gelegenes, nicht aber einen Teil meines Selbst, ein in mir Gelegenes. Es ist aber auch objektiv sinnlos, die Existenz und das Schicksal eines in der Zukunft gelegenen Erlebnisses von dem Schicksal dessen, der es erleben soll, und das Schicksal eines erst zu schaffenden künstlerischen Werkes von dem des Künstlers loszulösen, da ja das Schicksal des Erlebnisses bedingt ist von dem des Erlebenden, das Geschick des Kunstwerkes von dem des Künstlers. Beides fällt zusammen, weil es sich um ein Lebendes, ein noch zu Erlebendes handelt. Mit einem Wort: Nur die Historie, das Tote läßt sich verdinglichen. Dieser Gedankengang ist für unser Problem von entscheidender Bedeutung. Ist die nationale Kultur die Betätigungsform der nationalen Existenz, so läßt sich wohl das vergangene kulturelle Schaffen des Volkes verdinglichen, ihm darf eine eigene selbständige Existenz neben der des Volkes zugesprochen werden; dem gegenwärtigen und zukünftigen Schaffen gegenüber aber ist solches unmöglich. Auf unsere Frage angewandt: eine Trennung von Judenheit und Judentum hat Sinn und Bedeutungnurinsofern es sich um die bereits geschaffene jüdische Kultur handelt. So ergibt sich, daß wir im Begriff Judentum zweierlei streng zu scheiden haben: das Judentum der Vergangenheit und das! Judentum der Gegenwart und Zukunft. Das Judentum unser Tage und unserer Zukunft ist demnach von dem Schicksal des jüdischen Volkes nicht zu trennen; eine Trennung beider ist ein müssiges Spiel mit Begriffen, das in der Realität keine Spur von Berechtigung findet. Konkret gesehen, Sind somit Judentumsfrage und Judenheitsfrage identisch; die jüdische Kultur ist nur Ausdrucksform der Existenz des jüdischen Volkes, das Judentum ist Funktion der Judenheit; und es geht nicht an, die Funktion von ihrem Organismus zu lösen, ihr eine selbständige Realität zu verleihen und sie zu einem gesonderten Pro- . blem zu erheben. II. Welches sind die Gründe für die seltsame Erscheinung, daß die Trennung von Judenheit und Judentum, vojj Judenheitsfrage und Judentumsfrage überhaupt hat Stattfinden können? Mir scheint, die Ursachen hierfür liegen tief in dem Verlauf unserer Dasporageschichte begründet. Das alte jüdische Volk wußte nichts von dieser Scheidung. Nirgends im alten jüdischen Schrifttum finden wir eine Aeußerung, die sich mit dem Judentum im Gegensatz zur Judenheit befaßt; wenn um die jüdische Gegenwart und Zukunft gesorgt wird — und wer sorgte mehr um sie als die Propheten — so umfaßt die Sorge allein das jüdische Volk; daß das Geschick der nationalen Kultur mit dem des Volkes zusammenfällt, war den Propheten selbstverständlich, wie es noch heute für alle gesunden Nationen selbstverständlich ist. Daher finden wir denn auch im alten Judentum nirgends eine Spur von den berühmten Fragen nach dem Wesen des Judentums und den Versuchen, dieses Wesen zu fixieren. Es wurden keine Formeln und Dogmen aufgestellt. Was Juden als Juden schufen, war nationale Kultur, und wären es auch Werke, die wie Koheleth etwa in Widerspruch zu den herrschenden Anschauungen des Volkes und seiner geistigen Repräsentanten standen. All das änderte sich im G a 1 u t h. Daß es sich änderte, lag in der Struktur des Galuthjudentums begründet. In seinem Lande war das Volk, wie alle normal lebenden Völker, Schöpfer und Träger seiner Kultur; es schuf Kultur, weil es lebte. Mit dem Augenblick, da das Volk sein Land verlor, gewann ihm seine Kultur eine neue, einzigartige Bedeutung; sie mußte ihm Land, Sprache und Staat ersetzen; von einer Funktion und Ausdrucksform seiner Existenz mußte sie zu einem Faktor seiner Erhaltung werden. So mußte sie zu einem einheitlichen System aufgebaut, sie mußte kodifiziert werden: die, gewaltige Aufgabe vollbrachte der Talmud. Damit aber gewann das Volk eine ganz andere Beziehung zu seiner Kultur: das Judentum war ihm nun ein überliefertes System, etwas, das es nur pflegen und treu bewahren mußte, das es aber nicht ändern, umgestalten und fortentwickeln durfte. Das alte Judentum war ein unantastbares Heiligtum, geweiht durch alle Symbole und Dogmen der Religion. Das jüdische Volk im Galuth beschränkte sich dem Judentum gegenüber nur auf eins: es kommentierte cs; Neues, Eigenes schaffen, wollte, konnte es nicht. Der Prozeß des kulturellen Schaffens wurde so für das subjektive Bewußtsein des Volkes Unterbrochen. Objektiv schuf es ja fort, und in den Kommentaren, Kodifikationen und religionsphilosophischen Systematisierungen des alten Judentums legte das Volk gewiß neue Werte und Ideen nieder, schuf es nationale Kultur fort. Aber dieser Schaffensprozeß war\ weder bewußt noch gewollt. Bewußt wollte er nur kommentieren und systematisieren. De eigentliche jüdische Kulturentwicklung war für sein Bewußtsein bereits abgeschlossen, das Judentum war geschaffen. So war es nur natürlich und notwendig, daß das Judentum für das Volk eine eigene Existenz gewann, zu einem selbstäncjjgen Wesen wurde. Hier das jüdische Volk, und ihm gegenüber die jüdische Kultur, die ihm gegeben, überliefert war, als ein anderes, Selbständiges; die Trennung: Judenheit—Judentum war damit notwendigerweise geschaffen. Die Konsequenzen und Wirkungen dieser Scheidung zeigten sich denn auch in vollem Maße. Es entstanden die Fragen nach dem Wesen des Judentums und es bildeten sich Parteien. Es ist in dieser Hinsicht äußerst bedeutsam, daß all diese Tendenzen von der Religionsphilosophie, und später vom Rabbinismus ausgingen. Die starke Strömung der jüdischen Mystik — die Kabbalah, der Chassidismus — empörten sich gegen diese Versuche und lehnten alle Dogmen und Formeln ab: weil sie sich noch als in den Prozeß des jüdischen Kulturschaffens eingestellt fühlten, weil sie unbewußt eine Fortentwicklung wollten und alle rationalistischen Kodifizierungsversuche verwarfen. Allein die Mystik war nur eine Seitenströmung innerhalb des Galuthjudentums. Im Kampfe zwischen der Religionsphilosophie und der Kabbalah, dem Rabbinismus und dem Chassidismus siegte die rationalistische Richtung: die Scheidung Judenheit—Judentum würde allgemein anerkannt. Die Juden der Emanzipation haben diese Scheidung naturgemäß übernommen. Hätte sie nicht bereits existiert, so hätte sie neu geschaffen werden müssen. Und so wurde die Trennung aus dem Gedankeninhalt des Ghettojudentums übernommen —und noch konsequenter, energischer ausgebildet. De ganze Wissenschaft des Judentums beruht auf dieser Trennung, insofern ihr das Judentum nur ein geschichtliches Phänomen war, ein Objekt für Studien und Analysen. Aber auch

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