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Die Welt · 1914-07-31 · 31 (31.7.1914) · p. 785

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
31 (31.7.1914)
Article
Judenheit und Judentum
Date
1914-07-31
Page
785 (sequence 1)
Language
German
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BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG Nr. 31 BERLIN, 31. Jtdi 1914 un&jfc n*onn 'x nx ’n /p^-n XVIII. jahrg. * -jk t |_j » | -t'# NACHÜM GOLDMANN: Judenheit und Judentum — Dr. R. SELIGMANN: Bejahung and Verneinung * *1 ALI . des Galath — Erwiderung Schmarja Levins auf den Brief von Jakob Schiff — REVUE DER; PRESSE - PALÄSTINA-RUNDSCHAU — WELTCHRONIK - ZIONISTISCHER ZENTRALFONDS — AUS DER : BEWEGUNG — SPRECHSAAL — LITERARISCHES — Mitteilungen des Hauptbureaus des J. N.-F. — Geschäftliches S JUDENHEIT UND JUDENTUM Von Nachum Goldmann Unsere gesamte Behandlung der modernen Judenfrage, alle unsere Erörterungen und Debatten werden von einer methodologischen Voraussetzung beherrscht: wir scheiden zwischen zwei Ausdrucksformen der Judenfrage, die wir Judenheitsfrage und Judentumsfrage nennen. Seit dem Auftreten Achad-Haams und seiner Kritik des Herzischen Zionismus ist diese Unterscheidung beinahe zum Dogma geworden, so sehr, daß beispielsweise Abeies — in Nr. 26 der „Welt“ — an diese Unterscheidung eine Reihe zionistischer Streitfragen knüpft, ohne eine Prüfung der Berechtigung dieser Trennung vorzunehmen. Bevor man in eine Debatte darüber eintritt, ob der Zionismus die Judenheits- oder die Judentumsfrage oder beide lösen könne, muß doch gefragt werden, ob nicht vielleicht diese ganze Unterscheidung eine rein begriffliche ist, die konkret betrachtet unberechtigt ist Diese Frage aber läuft auf eine andere, grundlegende, hinaus: Wie verhält es sich mit den Begriffen Judenheit und Judentum in ihren gegenseitigen Beziehungen? Bei der Erörterung dieser Frage setze ich als Zionist zweierlei voraus. Ich sehe die Judenheit als ein Volk, als einen nationalen Organismus an, und unter Judentum verstehe ich nicht nur eine Religion oder eine Weltanschauung, sondern die nationale Kultur des jüdischen Volkes. Das Problem des Verhältnisses eines Volkes zu seiner nationalen Kultur gilt es zunächst zu untersuchen. Die Auffassung der Nation als eines organischen Gebildes weist uns den Weg, um den Umfang, den Rahmen der nationalen Kultur abzustecken. Was gehört zur Kultur eines Volkes? Was es als Volk schafft. Dies ist nicht identisch mit dem, was die Summe seiner Mitglieder schafft. Es ist eine bekannte Wahrheit, daß jeder Organismus mehr ist als die Summe seiner Bestandteile, daß also ein Volk mehr darstellt als die Summe seiner Glieder. Nur was das Volk an Kultur schafft, nur was seine Söhne als Mitschaffende an der nationalen Kultur leisten, ist nationale Kultur. Die genaue Abgrenzung ist am leichtesten in der Literatur vorzunehmen. Die Form, in der ein Volk seine Literatur schafft, ist seine Sprache. Alles, was daher in der nationalen Sprache geschaffen wird, und nur dies, ist Bestandteil der nationalen Kultur. Dieser Satz, der selbstverständlich und natürlich für alle anderen Völker ist, muß für uns Juden besonders betont werden. Denn auf Grund unserer anomalen nationalen Existenz, in der die Sprache unseres Alltags, heute auch meist diejenige unseres kulturellen Schaffens, nicht die nationale Sprache ist, haben wir — und vielfach auch überzeugte nationale Juden — die Neigung, alles was Juden schaffen, in gewissem Sinne unserer nationalen Kultur einzureihen. Das geht nicht an. Was Juden nicht in der nationalen, der hebräischen Sprache leisten, mag als Aeußerung der jüdischen Lebenskraft, als Ausdrucksform des jüdischen Geistes für uns sehr bedeutsam und wertvoll sein, zur nationalen Kultur zählt es nicht. Mag in Heines Dichtung noch so viel von. jüdischem Geist und jüdischer Eigenart enthalten sein, sein Werk bleibt für ewig ein Teil der deutschen Kultur. Es ist eigentlich eine alte, von Henri Bergsons Philosophie nur konsequenter, systematischer und. wirkungsvoller ausgestaltete Erkenntnis, daß der Grundtrieb des menschlichen Geistes, die Phänomene ' des Lebens und des zeitlichen Ablaufs der Entwicklung zu verdinglichen, zu substantiieren und ihnen so eine eigene Existenz zu verleihen, nur möglich ist für das Vergangene. Nur was bereits abgeschlossen ist, kann für unseren Geist eine gesonderte, selbständige Existenz annehmen. Nur Erlebnisse, die bereits durchlebt sind, vermögen wir sinngemäß zu verdinglichen und von ihnen als besonderen Realitäten zu sprechen. Eine Liebesepisode, ein Freundschaftsbund, ein künstlerisches Erleben und Schaffen, das der Vergangenheit angehört, wird für unseren rückwärts gewandten Blick zu einem selbständigen Wesen, losgelöst von seinem Träger, nimmt gewissermaßen einen absoluten Ewigkeitswert an, der unabhängig ist von unserem Sein und Vergehen. Der Künstler vergeht,

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