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Die Welt · 1914-07-24 · 30 (24.7.1914) · p. 761

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
30 (24.7.1914)
Article
Deutscher Zionismus und hebräische Sprache
Date
1914-07-24
Page
761 (sequence 3)
Language
German
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Nr. Zy 761 der zu erwerben. Und sollte sich diese. Begeisterung noch erwecken lassen, so könnte es auch vielleicht in einem Teil der Masse Mode werden, ihre Kinder wieder hebräisch lernen zu lassen. Dies wäre dann das einzige Mittel, um die Massen an das Judentum zu fesseln, denn Theorien und Probleme taugen nur für die (der Zeit nach) allerersten Träger der Bewegung und verlieren ihre Wirkung sehr bald auch auf die intelligenten Kreise. Eine gesprochene Sprache aber taugt für alle. Sollte sich diese Begeisterung unter den deutschen Juden aber nur bei den wenigsten, erwecken lassen, so müßten wir dennoch diesen Weg gehen, da es keinen anderen Weg gibt, und wenigstens ein kleiner Teil von uns würde dann Volljude werden, auch außerhalb Palästinas. (Man darf vielleicht auch die Ghettojuden des Mittelalters zwar nicht als Vollmensch en , aber mit gewissem Recht als Voll Juden bezeichnen.) Und dieser kleine Teil würde sich dasselbe Ziel nationaler Kultur für das Galuth setzen, wie der Jude in Palästina, nur mit dem Unterschiede, daß es dort jedem Bauern möglich ist, Volljude zu sein, hier dagegen nur einem kleinen Kreis auserlesener, national begeisterter Männer und Frauen, welche selbstverständlich kulturell von Palästina abhängig wären. Uebrigens ist ein solcher Zionismus allein imstande, die großen Mittel, welche Palästina braucht, flüssig zu machen. Denn nur für „heiligste Güter“, d. h. vor allem für ihre Sprache, geben Völker Blut und Leben hin. Auch bei uns wird man mehr dafür lassen als Kupfergeld für die Nationalfondsbüchse. Wir haben bei den Juden Rußlands schon manch gutes Vorbild dafür. Ich resümiere meine theoretischen Auseinandersetzungen. Alle zionistische Arbeit, welche bisher in Deutschland getan wurde, ist gewiß notwendig und gut gewesen, aber sie diente bisher lediglich dem Zweck, die Hindernisse, welche uns den Weg zum Judentum versperren, hinwegzuräumen. Zu positivem Judentum ist es bisher nicht gekommen. Die bisherige Agitation wird man, wenn auch vielleicht mit wenig Erfolg, notgedrungen weiter bei größeren Massen anwenden, aber in erster Linie ist es notwendig, auf eine gesunde, positive Entwicklung bedacht zu sein, welche im ersten Stadium selbstverständlich eine rein persönliche Entwicklung der Besten und Energischsten ist. Jetzt, nachdem der große Umschwung seit dem 7. Kongreß in Deutschland uns erst klar vor Augen tritt, nachdem der hebräische Osten und Palästina uns Werte schenken, die uns zu heiligsten Gütern werden können, jetzt ist es an der Zeit, daß jeder seine Begeisterungsfähigkeit von neuem prüfe und daß seine Begeisterung noch zehnmal so stark werde als zur Zeit, da er Zionist wurde. „Weit, sehr weit entfernt ist der Hafen, den wir mit der Seele suchen. Dem tausendjährigen Wanderer jedoch darf kein noch so weiter Weg zu lang sein.“ (Autoemancipation.) Ich glaube, meine theoretischen Auseinandersetzungen werden zum großen Teil unsern deutschen Zionisten nicht neu sein. Aber eins wird den meisten neu sein, nämlich, daß man auf die Weise, wie man es bisher angefangen hat, allerdings nicht hebräisch lernen kann. Mir sagte vor kurzem ein Bundesbruder, er habe schon an vier Sprachkursen teilgenommen, aber er könne das Hebräische nicht lernen. Nun, wer meint, man könne so ganz nebenbei, neben all seinen anderen Interessen die Sprache erlernen, die für uns ja einen rein ideellen Wert hat, deren Erlernung kein praktisches Agens befürwortet, der irrt allerdings. Daß man auf die Weise, wie es bisher in den Sprachkursen betrieben wurde. nichts weiter hervorbringt, als die Phrase vom zu steinigen Boden für solche Dinge in Deutschland, von unüberwindlichen Schwierigkeiten, liegt auf der Hand. Daß die meisten nichts gelernt haben, liegt an der Inkongruenz der Zwecke mit den angewandten Mitteln. Die Schwierigkeit, die Sprache erst einmal so weit zu erlernen, bis man in die Literatur hineingekommen ist, ist allerdings nicht klein. Ist man aber erst einmal soweit, dann hilft die Literatur selbst weiter und ist imstande, mit allen den Energien, welche in ihr aufgespeichert sind, doppelt und dreifach zurückzuzahlen. Aber das~erste große Hindernis zu überwinden, dazu gehört allerdings ein ganz anderer Elan, eine ganz andere ' Ausdauer. Ich will lieber statt allem gleich praktische Vorschläge machen und eine Methode angeben, welche ich augenblicklich in Posen mit einer kleinen Anzahl junger Leute, die ich selbst unterrichte, ausprobiere. Es ist hier „wie überhaupt im Leben“. Kleine Opfer werden nicht gern gebracht; also fordere man große. Die Erlernung der Sprache muß klubmäßivg betrieben werden. Es werden nur geeignete Leute (auf Vorschlag) hineingewählt, welche die nötige Energie und Zeit aufbringen wollen. Die Erlernung der Sprache ist in den Vordergrund aller Interessen zu setzen (mindestens muß täglich eine Stunde gearbeitet werden). Die Leute müssen sich kameradschaftlich aneinanderschließen und sich bewußt sein, daß sie eine große Verantwortung auf sich genommen haben, daß der Erfolg nicht ausbleiben darf. Tüchtiges Zusammenhalten verzehnfacht die Energie. (Für mich war jedenfalls das ewige Alleinarbeiten das Schrecklichste an der Sache.) Es sollen mehrere Unterrichtsstunden in der Woche stattfinden. (Ich gebe einmal am Sonntag und einmal in der Woche abends je D/o Stunden.) Die Hauptsache ist die Hausarbeit. Man soll innerhalb eines Jahres imstande sein, sich in der Literatur weiter zu helfen. Selbstverständlich muß ein geeigneter Lehrer da sein. An geeigneten Lehrbüchern fehlt es ja nicht mehr. Die Klubmitglieder müssen möglichst das Gelernte im Gespräche unter sich anwenden. Hinter den hebräischen Interessen müssen alle anderen zurückstehen. Es muß sich in jedem größeren zionistischen Verein und an jedem größeren Orte, wo Zionisten leben, solch eine festgefügte hebräische Gruppe zusammentun. In erster Linie sollen die jungen Akademiker dieser Gruppe angehören. Die hebräische Kommandosprache in den zionistischen Turn- und Sportvereinen, welche wir ja über kurz oder lang werden einführen müssen, ferner hebräische Turnlieder können viel Stimmung für die hebräische Sprache machen und vielleicht bürgert sich die hebräische Sprache gerade in unseren Sportkreisen zuerst ein. Ich denke mir die ganze Bewegung ja überhaupt nicht derart, daß sich hebräische Salons bilden sollen, sondern es sollen gerade die jungen begeisterten Leute sich der Sprache bei jeder jüdischen Arbeit, bei ihren Festen, bei kameradschaftlichen Zusammenkünften bedienen. — Daß dies schwierig erscheint, bezweifelt keiner, aber das würde dann ganz von selbst kommen. Quid volentibus obstat? Noch ein Gesichtspunkt zum Schluß. Wenn man einmal zu der Ueberzeugung gekommen ist, daß der Zionismus sich proportional der hebräischen Sprachbewegung entwickeln wird (ebenso wie die Entnationalisierung mit der Abschaffung des Hebräischen fortgeschritten ist), daß wir, mag unsere Lage noch so anomal sein, als wirksamstes Agitationsmittel die Sprache besitzen, und mag sie sich noch so schwer einbürgern wollen, so muß natürlich in der ganzen jüdischen Welt hier der Hebel angesetzt werden. Aber schon oft ist

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