Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1914-07-24 · 30 (24.7.1914) · p. 762

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
30 (24.7.1914)
Article
Deutscher Zionismus und hebräische Sprache
Date
1914-07-24
Page
762 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3315709-3316625-3316655-3355866--61840-3355945
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

762 Nr. 30 DIE3^ELT darauf hingewiesen worden, daß gerade im Orient (außerhalb Palästinas) die Chancen für die Einbürgerung viel größer sind als bei uns. In Kleinasien, Syrien, Tunis und Marokko, in Saloniki usw. müßten hebräische Zentren entstehen. So viele unter uns bedauern, noch nicht nach Palästina gehen zu können, weil es für sie keine Arbeitsmöglichkeit dort gibt. Aber Palästina näher rücken könnten sie jedenfalls und dabei eine Menge zionistischer Arbeit leisten, die dankbarer ist als bei uns. Dort könnten sie auch ihre europäische Disziplin hintragen. Daß eine solche Bewegung auch eine wirtschaftliche Basis haben würde, ersieht man an der wirtschaftlichen Orientpolitik, welche heute alle Völker treiben. Ich meine, wenn solche Ideen sich bei uns einbürgerten, es würden viele frei verfügbare Kräfte, an denen wir hier in Deutschland solchen Ueberfluß haben, sich in den Dienst dieser großen Aufgabe stellen lassen. Besonders würden einmal unsere Kinder, welche ja das Hebräische von Kind an wieder lernen sollen, Geschmack an solcher Arbeit finden. Nachbemerkung der Redaktion: Wir verweisen auf den Artikel von Dr. Friedemann aus der „Jüdischen Rundschau“, den wir in der Revue der Presse in dieser Nummer zum Abdruck bringen. Dr. Friedemann und seine Freunde, die auf dem Leipziger Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland in der Minorität geblieben sind, wenden sich jetzt in der „Jüdischen Rundschau“ gegen die entschieden nationale Tendenz im deutschen Zionismus. Sie versuchen den Nachweis zu führen, daß die Möglichkeit einer jüdisch-nationalen Erziehung in Deutschland nicht bestehe und daß insbesondere alle jüdischkulturellen Bestrebungen, ein Mitleben mit der hebräischen Kultur und die Forderung, sich schon in der Diaspora persönlich mit Palästina zu verknüpfen, zu bekämpfen sind. Die Vertreter dieser Anschauungen,haben ihre Anhänger fast ausschließlich unter der älteren zionistischen Generation. Für den Geist der in der zionistischenjugend Deutschlands herrscht, ist der vorstehende Aufsatz charakteristisch. Wir werden in einer der nächsten Nummern zu den Anschauungen Dr. Friedemanns prinzipiell Stellung nehmen. Jacob Schiff über das Technikum in Haifa Ein Brief an den „American Hebrew“ Die jüngste Nummer des „American Hebrew" veröffentlicht folgenden Brief des bekannten amerikanischjüdischen Philanthropen Jacob Schiff: Zu wiederholten Malen — zuletzt in Ihrer Nummer vom 26. d. Mts. — ist öffentlich die Behauptung aufgestellt worden, daß mein Interesse für das Haifaer Technikum und meine Unterstützung seines Baufonds durch Dr. Schmarja L e v i n, einen der Führer der jüdisch-nationalen Bewegung, wachgerufen worden sei. Während ich es bisher nicht für wert gehalten habe, von dieser Behauptung Notiz zu nehmen, halte ich es jetzt, wegen der häufigen Wiederholung, für die höchste Zeit, festzustellen, daß diese Erklärungen absolut ungenau sind. Es war nicht Dr. Levin, sondern Dr. Paul Nathan in Berlin, der mich zuerst mit dem Plan bekannt gemacht hat, in Haifa eine jüdische Lehranstalt für die technische Ausbildung in sämtlichen Zweigen zu errichten. Die Ernsthaftigkeit, mit der Dr. Nathan mir von der Bedeutung eines solchen Instituts und dessen Möglichkeiten für die kulturelle Hebung der heranwachsenden Generation der palästinensischen Juden sprach, bewirkte, daß mein Interesse geweckt wurde. Mein Interesse wurde in nicht geringem Maße durch die Aussicht gesteigert, die sich mir für das harmonische Zusammenarbeiten deutscher, russischer und amerikanischer Juden, der Orthodoxen, Reformer, Zionisten und Antizionisten für die Sache der kulturellen Hebung und des Fortschrittes in Palästina zu eröffnen schien. Bedauerlicherweise gingen die Dinge ganz anders aus, als im Anfang erwartet wurde, und an Stelle des harmonischen Zusammenarbeitens des Vorstandes dieser Institution, dessen Sitz in Berlin ist und der während 4—5 Jahren die Leitung unter sich hatte, traten gerade zur Zeit, als das weitläufige Gebäude seiner Fertigstellung entgegenging und für die palästinensische Jugend eröffnet werden sollte, ernstliche Streitigkeiten ein. Zweifellos wurden die entstandenen Uneinigkeiten durch die Hartnäckigkeit der beiden streitenden Parteien wesentlich, gesteigert. Die Tatsache kann jedoch nicht bestritten werden, daß eine kleine Minorität der leitenden Körperschaft, geführt von Dr. Levin, durch ihre hastige Resignation und unzeitige Agitation Folgen verursachte, die ungeachtet der Anstrengungen der amerikanischen Kuratoren, die in ihren Beschlüssen absolut einig waren, zu dem Zusammenbruch des Projektes führten, in dem Moment, da es vollendet werden sollte und über Dollar 300000 dafür geopfert waren. Während ich noch hoffe, daß Mittel und Wege gefunden werden, das Technikum dennoch zur Vollendung zu bringen, so daß es dem großen Zweck gewidmet werde, dem es zuerst bestimmt war, kann ich doch nicht verhehlen, daß die bedauerlichen Geschehnisse, die zu jenem Zusammenbruch geführt ' haben, klar zeigen, daß die Palästina-Unternehmungen von einer Gruppe von Jüdisch-Nationalen, die ich für verhältnismäßig klein halte, stark beeinflußt sind, die, während sie ständig die Unterstützung und Mitarbeit der internationalen Judenheit am Palästina-Werk laut fordert, sich nicht scheut, dazu herabzusinken, die tadelnswertesten Mittel zu ergreifen, um, wenn nötig mit Gewalt, ihre Zwecke und Ziele zu erreichen. Die internationale und besonders die amerikanische Judenheit sollte es sich lieber ernstlich überlegen, wieweit bei einem solchen Stand der Dinge es in diesem Moment ratsam sei, ihr Interesse an den Palästina-Unternehmungen und -Projekten und ihre Unterstützungen zu vergrößern. Seabright, den 28. Juni. gez.: Jacob H. Schiff. Zu diesem Schreiben des Herrn Schiff haben wir folgendes zu bemerken: Herr Schiff hat im Januar dieses Jahres gesagt: „Der Zionismus' hat der Welt den Beweis erbracht, daß der Jude seine Selbstachtung nicht verloren hat. Er hat die auf die Wiederherstellung Palästinas gerichteten Bemühungen gesteigert und selbst, wenn er dort keinen jüdischen Staat schaffen kann, so führt er doch eine Gesundung unseres Stammlandes herbei, das er aus dem Sumpfe der Erniedrigung, in dem Palästina und ein großer Teil seiner jüdischen Bevölkerung versunken war, emporhob." Wir haben in der Tat Grund zu der Annahme gehabt, daß es Schmarja Levin . gelungen war, Herrn Schiff, den führenden jüdischen Philanthropen Amerikas, mit jüdischnationalen Gedankengängen vertraut zu machen, und daß das Interesse für die Wiedergeburt unseres Volkes in Palästina mit dazu beigetragen hat, ihn zur materiellen Unterstützung des Technikums zu veranlassen. Es hätte uns mit Genugtuung erfüllt, wenn diese Annahme auch heute noch richtig wäre. Nachdem Herr Schiff sich nun-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.