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Die Welt · 1914-07-24 · 30 (24.7.1914) · p. 760

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
30 (24.7.1914)
Article
Deutscher Zionismus und hebräische Sprache
Date
1914-07-24
Page
760 (sequence 2)
Language
German
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76Ö Nr. 30 NESSELT ein Wunder erscheinen, daß sich dieses Volk Jahrtausende lang erhalten hat! Nun zur Entwicklung unseres Zionisten. Wie fängt er es an, sich sein auf Herzlschem Wege der Erkenntnis erworbenes Zionsideal zu erhalten? Es muß doch der Zeitpunkt kommen, wo er, von Theorien, die ihm nichts Neues mehr sagen können, übersättigt, sich nach lebendigen Formen sehnt, in welche er sein Leben einkleidet. Man hört wohl hie und da von zionistischen Formen reden. Allein Zionismus ist nur Wille zum Judentum. Jede jüdische Form aber beginnt mit der hebräischen Sprache. Und nur diese eröffnet uns, vorläufig hauptsächlich in den Sprachformen selbst und in der Literatur, Formen, für welche wir uns begeistern können, weil sie sich täglich fortentwickeln. Es kann kein Zweifel sein, daß sie uns auch bald gesellige Umgangsformen, beispielsweise bei der Feier unserer nationalen Feste, bringen wird, selbstverständlich unter Einwirkung Palästinas. Ich kann mir vorstellen, daß sich z. B. um die Peßachzeit auch bei uns Reit-, Sport- und Turnspiele in hebräischer Form und mit hebräischen Kommandos einbürgem, Spiele, welche vielleicht auf die alten historischen Grundlagen dieses Festes sich beziehen, daß Lieder aller Art bei uns gesungen werden, hebräische Wiegenlieder, Kinderlieder, Kommerslieder, Volkslieder, daß vielleicht sogar palästinensische Rundtänze bei uns Anklang finden. — Wenn also unser Zionist sich in der hebräischen Sprache und Literatur ausleben könnte, wenn er sich in mächtiger und anhaltender Begeisterung die hebräische Sprache erobern könnte, die ihm alle alten und sich neu entwickelnden Formen erschließt, ihm unsere nationalen Dichter erstehen läßt, da könnte er sich, ein entsprechendes Milieu Gleichgesinnter vorausgesetzt, in Formen und Werten bewegen, die wirklich nationalen Wert haben und die ihm auch eine ständige Entwicklung garantieren. Selbstverständlich kann er nur so an der Entwicklung Palästinas teilnehmen, wohin ihn die Liebe zur Sprache mehr als einmal in seinem Leben führen wird. Es muß nichts Bedrückenderes für unsere Tumfahrer in Palästina gegeben haben als das ewige Schweigenmüssen, nichts Beschämenderes als die Bestürzung von Tel Awiw bei ihrem Einzüge mit dem deutschen Lied: „Wohlan, laßt das Sinnen und Sorgen“. — Ehe ich zu den letzten Schlußfolgerungen und meinen positiven Vorschlägen übergehe, will ich erst noch einen ganz kurzen Blick auf die Entwicklung des deutschen Zionismus in seiner Gesamtheit werfen. Es ist klar, daß der Herzische Zionismus die hebräische Sprache nicht brauchte. Herzls Zionismus fing ja mit dem Judenstaat an. Das Land sollten wir sofort haben und es war nür nötig, die Leute mit „zionistischer Beweisführung“, welche ihnen ihr äußeres und inneres Judenleid vor Augen führte, zu bewegen, hinüber zu gehen. Dazu reichte diese Agitation schließlich aus und das Hauptagitationsmittel sollte ja der Charter sein, den Herzl so bald zu bekommen hoffte. In der Zeit des 6. und 7. Kongresses trat der große Umschwung ein. Die Uebersiedlung in unser neues Land schien den meisten von uns nur als Resultat jahrzehntelanger Arbeit erreichbar. Wo waren die Pharisäer, welche uns nach diesem „dritten Churban“, von dem Schemarjahu Levin auf dem 6. Kongresse sprach, die Sehnsucht nach Zion in eisernen Formen zu erhalten wußten? Es waren zwar keine Pharisäer, aber ein junges Geschlecht im Osten war da, das die alten Formen neu belebte, das in seiner Kindheit noch die hebräische Sprache fast als Muttersprache gelernt hatte. Und dieses Geschlecht übernahm alle positiven Elemente des Herzischen politischen Zionismus und fühlte sich berufen, die Leitung weiter zu führen. Der ganze Kampf zwischen Ost und West seit dem 6. Kongreß dreht sich wohl nur zum geringsten Teil um unsere Schlagworte: politischer und praktischer Zionismus, sondern in der Hauptsache um die Frage der Berufenheit, um die Schicksalsfrage, wer im Stande sei, das zionistische Ideal uns zu erhalten. Und den Beweis, daß nur der Zionismus des Ostens imstande sei, das Ideal nicht verblassen zu lassen und neue Quellen der Begeisterung zu erschließen, den haben die Juden des Ostens in der Zeit seit dem 7. Kongreß erbracht. Die Kongresse sind mittlerweile zu hebräischen geworden, alle Errungenschaften in Palästina, seien es kolonisatorische, seien es kulturelle, rühren — von einigen westlichen Pionieren vielleicht abgesehen — von den Juden des Ostens her. Und daß wir trotz der Zunahme der Schekelzahler, die auch zum Teil der Palästinaarbeit des Ostens zuzuschreiben ist, in Deutschland stagnieren, wer hätte dieses Gefühl nicht? Ja, man hat schon versucht, sich auch in Deutschland zu entwickeln. Abgesehen von dem Ausbau der Organisation, denke ich besonders an die Entwicklung des B. J.C. und der Jüdischen Turnerschaft. Das ist, um ein beliebtes Wort von Emil Cohn zu gebrauchen, die Erziehung zur Naivität: Unkompliziertheit im Denken und Handeln, Kameradschaftlichkeit, körperliche Uebungen, Rudern, Wandern, Singen, Turnen, das soll uns frisch und froh fürs Judentum erziehen. Man wird mir als altem' Ruderer und begeistertem Turner mangelndes. Verständnis für solche Dinge nicht vorwerfen können, aber man darf die Inkongruenz solcher Mittel mit unseren Zwecken nicht übersehen. Natürlich sind sie nicht imstande, dem nach Ganzheit und echtem Judentum Strebenden irgend etwas Jüdisches zu geben. Natürlich sind sie nicht imstande, uns die Massen zu gewinnen, welche ja, unserer sportlich interessierten Zeit gemäß, dieselben Dinge auch außerhalb unserer Ideale übt. Mit unspezifischen Mitteln kann man eben nicht Spezifisches schaffen. Vergleichen wir unsere blassen, unspezifischen Formen mit den religionsgesetzlichen Formen der Pharisäer und wir werden uns unserer Kurzsichtigkeit schämen. Was soll also mit dem deutschen Zionismus werden? Ein Zweifel ist gar nicht möglich. Wir müssen den Anschluß an das hebräische Judentum des Ostens und Palästinas gewinnen, wenn wir nicht ein wertloses Anhängsel im Zionismus bleiben wollen! Man tut sich bei uns noch immer auf das Organisationstalent unserer westlichen Juden, auf die straffe Erziehung und Disziplin viel zugute, die wir hier bei den Preußen genossen haben. Gewiß, es hat dies der zionistischen Bewegung, die ja auch vor Herzl schon existiert hat, seit Herzl eine charakteristische Richtung gegeben und sie in neue Bahnen gelenkt. Aber heute haben das die Russen schon sehr hübsch gelernt und könnten das ebensogut machen wie wir, wären nicht so viele äußere Hindernisse da. (Man denke übrigens an die Statuten der Bne Mosche, welche vor einiger Zeit in der „Weit“ veröffentlicht wurden.) Daß das Gefühl für die Disziplin dort wohl vorhanden ist, können wir schon glauben. Wir müssen unseren Nationalismus mit der hebräischen Sprache beginnen, und das erste Ziel ist es, die hebräische Sprache unter alle begeisterten Zionisten, vor allem natürlich die Akademiker, zu tragen, bis sie zur Umgangssprache unter ihnen wird. Es darf ferner kein Kind zionistischer Eltern geben, welches nicht einen gründlichen hebräischen Sprachunterricht bekommt. Es muß eine übermächtige und anhaltende Begeisterung alle durchdrungenen Zionisten erfassen, sich das Wertvollste, was ihnen in dem ungeheuren Entnationalisierungsprozesse entrissen wurde, wie-

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