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Die Welt · 1914-07-10 · 28 (10.7.1914) · p. 716

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
28 (10.7.1914)
Article
Die Streitfrage
Date
1914-07-10
Page
716 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 28 716 DIE [ELT will so erfaßt werden, wie sie geboren wurde und wie sie lebendig blutvoll gewirkt hat; in urmenschlicher Unmittelbarkeit, mit der ganzen Spannung und Inbrunst einer Seele, die in Augenblicken gesteigerten Daseins und gesteigerter Erkenntnis sich selbst findet, aus ihren tiefsten Tiefen lebendige Kraft schöpft, sie wirken läßt und am Werk erneuert. In diesem Reiche gelten aber die klugen Einwände unserer Wirklichkeit mit allen ihren strengen Gesetzen nicht viel mehr, als etwa die Einwände der gemeinen Wirklichkeit gegen die „Täuschungen" der Kunst. Die Alltagswirklichkeit vermag der höheren und tieferen Wirklichkeit der schöpferischen Erfüllung nichts anzuhaben; der äußern Notwendigkeit tritt die innere der Entscheidung entgegen. Die irdisch gebundene, äußere Menschlichkeit, die sich in der Tretmühle des Lebens abhetzt, ist die höchste Menschlichkeit nicht. In den schöpferischen Stunden schafft sich der Mensch seine Wirklichkeit. Und so ergeht es auch dem Volke. In den Stunden großer Erschütterungen und Entscheidungen stemmt es sich den brutalen Attacken des Alltags entgegen, holt aus seiner geheimen Schatzkammer die höchste Kraft der Auflehnung und des Opfers und wirft sie in die Wagschale. Und „wer kennt sich selbst? Wer weiß, was er vermag? Hat nie der Mutige Verwegenes unternommen?" Es kommt eben nur auf den Mut an. III. Die Politik soll es daher, ähnlich wie die Kunst, — auch die Politik eines Volkes ist eine, vielleicht die höchste, Kunst — nicht auf das gemeine Wirkliche, sondern auf eine höhere Wirklichkeit absehen. Eine vernünftige Politik muß bisweilen etwas unvernünftig sein; sie muß, um das Mögliche zu erreichen, das Unmögliche erstreben. Denn hier liegen ja nicht einfach fertige, greifbare Faktoren vor, die man schön vernünftig kombinieren und gegeneinander abwägen könnte. Um bei unserem Beispiel von der Kunst zu bleiben: Es ist ein Gemeinplatz, daß die Kunst eines Volkes dessen Gebilde und Bildner zugleich ist. Die Kunstformen, wie die Kultur eines Volkes überhaupt, bilden nicht nur dessen Persönlichkeit ab, sondern sie bilden sie auch aus. Indem sie sich immer fortentwickeln, entwickeln, sie die Individualität des Volkes. Aehnliches gilt auch von der Politik. Auch sie hat es nicht mit einer festen, fertigen Individualität zu tun, vielmehr hat sie die Aufgabe, diese Individualität weiter zu bilden, oder auch umzubilden. So gesehen, ist das Volk eigentlich weniger eine Tatsache, als eine Richtung. Sein Wesen liegt nicht in einer erreichten Erfüllung, sondern in der Aufgabe, in einer Zukunft, die Gegenstand seines Strebens ist. Und deshalb ist es verfehlt, das Volkstum ausschließlich auf gewisse konkrete „nationale Güter", um einen beliebten Ausdruck Achad-Haams zu gebrauchen, zu stellen. Mehr als auf die „Güter" kommt es auf die Formen des Geschaffenen an, noch mehr aber auf die Fähigkeit und Möglichkeit, solche zu bilden. Und ebenso verfehlt ist es, ein hohes Ziel, das sich ein Volk stellt, wegen seiner Unerreichbarkeit abzulehnen. Gesetzt, daß es menschenmöglich wäre, die zukünftige, von jenem hohen Ziele mit beeinflußte Entwicklung der Volkspersönlichkeit so genau zu überblicken, daß man über das Können dieses Volkes in aller Zukunft mathematisch präzise Aussagen machen könnte, so ist doch jenes Ziel, trotz, oder genauer: gerade wegen seiner Unerreichbarkeit als persönlichkeitsbildende Aufgabe von größtem Werte: In der Einheit des Strebens nach einem Höheren wird das ewig strebende Volk sich selbst verwirklichen, d. h. immer weiter an der Ausbildung seiner Persönlichkeit arbeiten. In diesem Sinne darf man wohl sagen: Das von Achad-Haam gelehrte Judentum mit seinen fest umrissenen „nationalen Gütern" ist die größere Tatsache, das von Herzl postulierte Judentum mit den „unerreichbaren" Zielen ist die größere Aufgabe. Daß aber die Aufgabe für das Wesen eines Volkes mindestens so wichtig ist wie die Tatsache, haben wir bereits ge- IV. Von diesem Gesichtspunkte allein soll das „Utopische" an Herds Plänen und Wirken beurteilt werden. Und deshalb befindet sich Achad-Haam im Irrtum, wenn er glaubt, den politischen Zionismus dadurch gerichtet zu haben, daß er dessen „Wunderglauben" schön logisch widerlegte. Achad-Haam hatte gewiß recht, als er die für jene Zeit sehr kühne Ansicht vertrat, daß es unmöglich sein werde, „erstens das Land unserer Väter . . . durch diplomatische Zauberkünste der Herrschaft seiner Bewohner und Bebauer zu entziehen und es mit einem Male einem Volke zu eigen zu geben, das in der Feme wohnt und auf Rettung harrt — und zweitens in das Land ... ein armes, in alle Weltgegenden zerstreutes Volk zu sammeln, bis in den Ländern der Zerstreuung auch fast keine Spur von ihm übrig bleibe." Es war aber verfehlt, aus dieser an sich richtigen Ansicht den Schluß zu ziehen, daß der politische Zionismus als sittlich wertlose Utopie, ja als Gefahr für das große stille Werk der nationalen Wiedergeburt, abgelehnt werden müsse. Jener „falsche" Wunderglaube hat doch wahre Wunder gewirkt. Die revolutionierende Wirkung des politischen Zionismus wurde durch die Unerfüllbarkeit mancher seiner Pläne nicht beeinträchtigt, ja sie wurde vielleicht durch diese erst ermöglicht. Die unmöglichen Pläne waren nötig, damit nur das Mögliche geschieht. Herzl mußte utopisch grandiose Pläne fassen, um jenes ungeheure Maß von Stoßkraft zutage zu fördern, welches nötig war, um die Massen in Bewegung zu setzen. Es wurde schon wiederholt gesagt: Herzl hätte sich wahrscheinlich an die unendlich schwierige Aufgabe gar nicht herangewagt, wäre ihm nicht jene große Unbefangenheit, jener feste, unerschütterliche Glaube zu eigen gewesen, die die großen Revolutionäre des Menschengeschlechts auszeichnet. Wie er selbst den Flügelschlag der Offenbarung und der inneren Erneuerung über seinem Haupte vernahm, als ihm seine große Wahrheit aufging (man vergleiche Herzls zionistische Schriften, Selbstbiographie S. 18), so glaubte er auch, er brauchte diese Wahrheit nur zu verkünden, damit auch das Volk die Schwingen des Adlers rauschen höre und damit sein Herz erbebe und. sein Leben einen elementaren Umschwung, eine Erschütterung und Umwandlung von der Wurzel aus erfahre. Und deshalb schien ihm das Phantastische so einfach. Für das große Werk der Erlösung schien ihm die Aufbringung einer Nationalanleihe von zehn Milliarden Mark nicht zu schwer. Die zwingende Kraft der ihm offenbar gewordenen Wahrheit war ja größer als alle Schwierigkeiten. „Man findet jüdisches Geld in schweren Massen für eine chinesische Anleihe, für Negerbahnen in Afrika, für die abenteuerlichsten Unternehmungen — und für das tiefste, unmittelbarste, quälendste Bedürfnis der Juden selbst fände man keines?“ Und als ihm Baron Hirsch das Phantastische seiner Pläne entgegenhielt, wurde er durchaus nicht irre. Er wußte es besser: „Mit Phantastischem führt man die Menschen," und ihre großen Züge kann man nur aus der Höhe betrachten. Und e r hatte redit. Die zehn Milliarden hat er freilich nicht bekommen. Ehe schweren Geldsäcke waren durch „Imponderabilien, die hoch in der Luft schweben," nicht vom Orte zu rühren. Auch die Mächtigen der Erde wurden von seiner Wahrheit nicht mehr ergriffen, als nötig war, um den Sachwalter eines in aller Welt

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