Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 28 (10.7.1914)
- Article
- Die Streitfrage
- Date
- 1914-07-10
- Page
- 715 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3315709-3316625-3316653-3355574--61637-3355654- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DIE WELT BERLIN W15, SÄCHSISCHE STR. 8. ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG Nr. 28 BERLIN, 10. Juli 1914 urvfefc N"27M 'X lion /p^n XVIII. JAHRQ. | vt II A | T. Dr. M. GLÜCKSOHN: Die Streitfrage — Das System des Jüdischen Nationalfonds — ZIONISTISCHER IINrlA.Ll I ZENTRALFONDS — REVCE DER PRESSE — PALÄSTINA-RUNDSCHAU: Aus den Ereignissen des Tages — WELTCHRONIK: Joseph Chamberlain; Der Tod des österreichischen Thronfolgerpaares u. a. — AUS DER BEWEGUNG — LITERARISCHES — Mitteilungen des Hauptbureaus des J. N F — Geschäftliche Nachrichten DIE STREITFRAGE (Herzl und Achad-Haam.) Von Dr. M. Glücksohn, Odessa Ein schönes Wort, das Martin Buber vom Verhältnis des wahrhaft lebendigen Menschen zu der Gestalt und dem Schicksal des Helden gebraucht, stimmt ganz und tief zu unserem Herzl-Erlebnis. „Er vermag ihn in die Ursächlichkeit einzustellen und mythisiert ihn dennoch, weil ihm die mythische Betrachtung eine tiefere, ganzere Wahrheit eröffnet als die kausale und ihm so erst die geliebte, beseligende Gestalt im Innersten erschließt.“ Hier liegt auch der Schlüssel zur Entscheidung in der seither historisch gewordenen Streitfrage „Herzl und Achad-Haam“. Insofern der Zionismus „in die Ursächlichkeit eingestellt", d. h. als ein System von vernunftgemäßen Zwecksetzungen betrachtet wird, müssen wir Achad-Haams Zweifel teilen, „ob sein (Herzls) Weg immer der richtige war, ob die Mittel, deren er sich bediente, wirklich auf das Ziel hinführten und ob er das Ziel selbst in seiner wahren Gestalt auch gut gesehen hat.“ Es soll offen und junumwunden zugestanden werden: In der Konzeption des Zionismus stehen wir heute Achad- Haam viel näher als Herzl. Wenn Afihad-Haam gegen die großen Pläne der neuen, schwungvoETn^Bewegung einen rücksichtslosen Kampf führte, der uns Jüngere beinahe wie eine Blasphemie verletzte; wenn er die früher in politisch-zionistischen Kreisen vorherrschend gewesene Auffassung, als ob der Zionismus „das Ende des Golus, die Lösung der Judenfrage in ihrem ganzen Umfange“ bedeutete, mit erbarmungsloser Strenge in den Grund bohrte: so durften wir uns wohl, von der hellen Begeisterung unserer Sturm¬ und Drangzeit beherrscht, über den harten Mann ärgern, dessen kühles Erkenntnisvermögen an der Desillusion Gefallen findet und der, wie wir damals glaubten, aus verbissener Genugtuung über menschliche Unzulänglichkeit den blühenden Garten der Illusion, den ein gottbegnadeter Herrscher unsichtbarer Königreiche um uns aufsprießen ließ, zu zerstören trachtete. Trotz allem Aerger aber konnten wir uns für die Dauer der ehernen Logik des harten Mannes und der noch härteren Wirklichkeit nicht verschließen. Wir haben uns allmählich daran gewöhnt, das Ziel des Zionismus in der Bildung einer kohärenten, wirtschaftlich und kulturell produktiven und auf eigenen Füßen stehenden jüdischen Bevölkerung in Palästina zu erblicken, deren Bedeutung für die große Diaspora vielleicht mehr auf national-kulturellem, als auf politischem und wirtschaftlichem Gebiete liegen würde. Und daß ist es ja — daß wir es offen und ehrlich gestehen — was Achad Haam mit seinem „geistigen Zentrum“ haben will. II. Der Streitfall Herzl—Achad-Haam wäre somit, was das Rationale am Zionismus anbetrifft, zugunsten Achad-Haams entschieden. Allein es gibt auch ein Irrationales am Zionismus, das ihn himmelhoch über ein bloßes System von realisierbaren, klar zu erfassenden und zu beweisenden Zwecksetzungen erhebt. Es wäre ein ganz verkehrtes Beginnen, eine große historische Bewegung, wie die zionistische, lediglich vom Gesichtspunkte des empirischen, in strenge logische Formeln zu fassenden Zusammenhanges von Ursachen und Wirkungen zu betrachten. Für die Beurteilung vollends der Wirkung einer Persönlichkeit wie Herzl ist jener Gesichtspunkt mehr als unzulänglich. Der geheimnisvolle Hauch der Persönlichkeit läßt sich nicht in die starren Formen unserer logisch-kausalen Erkenntnis hineinzwängen und seit Goethe wissen wir es ja: Der Mensch wirkt alles, was er vermag, auf den Menschen durch seine Persönlichkeit. Für Herzls Persönlichkeit und Werk wird also die mythische Betrachtung — verschleiern wir das Wort nicht aus Rücksicht auf den neunmalweisen Rationalismus — die richtigere sein. Die revolutionierende Tat Herzls