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Die Welt · 1914-07-10 · 28 (10.7.1914) · p. 717

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
28 (10.7.1914)
Article
Die Streitfrage
Date
1914-07-10
Page
717 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 28 717 DIE^ELT zerstreuten Volkes höflich ihres „wohlwollenden Interesses" zu versichern- Er fand aber den Weg zum Herzen seines Volkes, und das ist die Hauptsache. Herds Utopie ergriff die Massen, aber auch die Auserlesenen, die höher Differenzierten und tiefer Veranlagten unseres Volkes. Ist diese Wirkung nicht höchste und tiefste Wirklichkeit? Wie sonderbar, daß Achad- Haam, der immer wieder und wieder den Idealen das Wort redet, die Utopie so heftig bekämpft. Als ob wir die Grenzlinie zwischen Ideal und Utopie in allen Fällen so fest und sicher ziehen könnten; als ob die Unerreichbarkeit nicht auch bisweilen das Merkmal des Ideals wäre, und als ob nicht schon aus dem Wesen des Idealismus der Zwang zu einer Bescheidenheit folgte, die das Ideal nicht näher sieht als die Sterne, trotzdem aber auf höchst reale Wirkungen nicht verzichtet. ’ V. Nun erblickte Achad-Haam gerade in dem Einflüsse Herzls und seiner Pläne auf die großen Massen eine Gefahr: der politische Zionismus, der die materiellen Interessen in den Vordergrund stellt, sei nicht geeignet,, die sittliche Spannkraft und den nationalen Opfermut des Volkes zu steigern; es bestehe im Gegenteil die Gefahr, daß die übertriebenen Hoffnungen, die früher oder später fehlschlagen mußten, einen schweren Rückschlag, eine tiefe moralische Depression auslösen werden. Und deshalb stellte Achad-Haam dem politischen Ziele ein ethisches entgegen: die nationale Bewegung soll das Herz des Volkes beleben, es im Geiste vereinigen. Heute, siebzehn Jahre nach dem ersten Kongreß, wissen wir es schon: der von Achad-Haam befürchtete moralische Rückschlag ist nicht eingetreten, und Herzls „Utopie" vermochte das zustande zu bringen, was die von politischen Phantastereien freie Lehre Achad-Haams vergebens erstrebte. Der politische Zionismus hat nicht allein die wichtigsten Faktoren unserer realen Arbeit — die Organisation, den Kongreß, die Finanzinstitute — geschaffen, sondern er hat auch gerade für jenes ethische Ziel der Bewegung unvergleichlich mehr geleistet, als etwa jener auserlesene Kreis von Anhängern des Achad-Haamschen Zionismus, der unter dem Namen „Bne-Mosche“ bekannt ist. So paradox es auch klingt: Nicht Achad-Haam und sein Anhang, sondern Herzl und die von ihm geschaffene Organisation haben dem Achad-Haamismus praktisch zum Siege verholten. Herzls politische Methoden wurden überwunden, die von ihm geweckte Volkskraft schafft aber an dem großen nationalen Erneuerungswerk in einer Weise, die Achad-Haam selbst rückhaltlos anerkennt. (Vgl. „Ssach-hakol" im! vierten Bande des „Al parasch ath derachim".) Um nur ein Beispiel von vielen zu nennen: Jahrelang kämpfte Achad-Haam mit ungeschwächtem Eifer für die Idee einer systematischen Erziehungsarbeit in Palästina. Und was hat er erreicht? Man erinnere sich der großen Schwierigkeiten, die den Kreisen der Chowewe-Zion das „Beth-hasefer be’Jafo" mit einem Budget von einigen tausend Francs bereitete. Es war schon ein Sieg, als es Achad-Haam mit dem ganzen Einsatz seines großen persönlichen Einflusses und seines glänzenden schriftstellerischen Talents gelang, die Chowewe-Zion zu bewegen, daß sie die Knabenschule ganz der Alliance auslieferten, um das Budget der Mädchenschule selbständig decken zu können. Den Chowewe- Zion zuzumuten, daß sie noch einige tausend Francs aufbringen sollten, um auch die Knabenschule zu behalten, fiel ihm gar nicht ein, und er würde es wahrscheinlich bei den damaligen Verhältnissen als utopistische Verstiegenheit angesehen haben, hätte jemand solches beantragt. Man vergleiche nun hierzu unseren jüngsten Sprachen kampif und seine Folgen. Hier wurde in wenigen Monaten unter Führung der nächsten Mitarbeiter und Nachfolger Herzls ein großartiges nationales Schulnetz geschaffen, für das das Evolutionsdogma Achad-Haams wahrscheinlich Jahrzehnte in Anspruch genommen hätte. VI. Wir sind gewiß nicht so ungerecht, um gerade auf kulturellem Gebiete den großen Einfluß Achad- Haams leugnen zu wollen. Wenn sich der Sprachenkampf zu einer großartigen Kundgebung unseres nationalen Wollens gestaltete, so ist dies zielbewußte Wollen nicht zuletzt ein Verdienst der fünfundzwanzigjährigen Erziehungsarbeit Achad-Haams, und es verschlägt dabei nichts, daß Achad-Haam selbst auch hierin seine eigenen Wege ging und sich mit uns nicht ganz identifizieren wollte. Allein es ist doch kein Zufall, daß sein Einfluß gerade dort, wo er uneingeschränkt und widerstandslos wirkte — in den von allerlei politischen „Irrlehren" freien Kreisen der „Bne-Mosche" und später der „Histadruth“, an deren Wiege er gleichfalls gestanden hat, — lange nicht die lebendigen Kräfte auslöste, wie wir sie in den Reihen der im Banne Herzls stehenden zionistischen Organisation wirken sehen. Es bedurfte eben eines gewissen Einschlags von politischen „Irrlehren", damit der Achad-Haamismus zur schöpferischen Kraft wurde. Die „Utopie" Herzls bahnte ihm den Weg; die große unerreichbare Aufgabe, die Herzl mit erschütternder Gewalt verkündete, bildet und befestigt die Persönlichkeit des Volkes. Ein Volk führt man nicht mit einer streng durchgeführten, logisch widerspruchslosen Theorie allein; man muß dazu noch eine Fahne haben, die hoch über seinem Haupte schwebt. Und es gehört ein tiefes Gefühl für das Irrationale, das sich nicht in das Prokrustesbett unserer logisch-kausalen Erkenntnis spannen läßt dazu, um dem Volke seine Fahne vorantragen zu können, um „einen Fetzen Tuch und eine Stange" in lebendige Kraft umzu- Dieses Gefühl hatte Herzl, und deshalb hatte er die unvergleichlich tiefere Resonanz als Achad-Haam. Er träumte für sein Volk einen königlichen Traum. Er ließ es in der tiefsten Qual der Wirklichkeit die fernen Berge der Heimat am Horizonte aufsteigen sehen. Und jener königliche Traum schwingt heute noch in unserer Seele, trotzdem wir wissen, daß es ein Traum war. Die strahlende Wärme der Persönlichkeit Herzls, die uns heute noch das tiefste Erlebnis ist, bestimmt unser Tun und Wollen. „Träume sind vergänglich,“ wird man sagen. Allein, auch die Jugend und der Frühling sind vergänglich! Sind sie deshalb nicht höchste und tiefste Wirklichkeit? Leben sie nicht in uns und schaffen sie nicht an uns, auch nachdem ihre Blüten verduftet sind? Wahrlich, es ist mehr Recht im Unrecht der Jugend, als im Recht der Wissenden. So lebt Herzl heute noch für uns, in uns. Das Pathos des Herzischen Zionismus ist uns das „wandelnde Erlebnis".

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