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Die Welt · 1914-07-03 · 27 (3.7.1914) · p. 691

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Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
27 (3.7.1914)
Article
Erinnerungen an Theodor Herzl
Date
1914-07-03
Page
691 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 27 691 DIE2§KELT Die Sorge um die Qualität und Quantität der neu an komm enden Delegierten hat Herzl selbstverständlich mehr noch als mich beunruhigt. Er sprach von vielen, die versprochen hatten, zu kommen, und von anderen, die ihre Sympathie für den Kongreß schriftlich zum Ausdruck gebracht hatten. Besondere Freude bereitete ihm der Brief von Samuel IVLohilewer aus Bialystok, der Herzls Idee mit großer Begeisterung begrüßte. Dieser Zustimmung freute sich Herzl nicht nur, er war beinahe stolz auf sie. Ueberhaupt bereitete ihm nichts größere Freude, als die Zustimmung der Rabbiner. In seinem jüdischen Instinkt empfand er es, daß dort, wo die Rabbiner sind, das Volk ist. Dennoch wäre es falsch, zu glauben, daß seine besondere Zuvorkommenheit gegen die Rabbiner auf einer gewissen Diplomatie beruhte, wie viele geglaubt haben. In dem Moment, wo in Herzl der Jude erwachte, erstand auch in ihm die instinktive Achtung vor den Vertretern des jüdischen Volksgeistes, dem er tiefe, aufrichtige Hochachtung entgegenbrachte. Herzl hat, wie ich bereits erwähnte, den Judaismus wenig gekannt. In der Tiefe seiner Seele aber barg er eine heiße Liebe zu ihm. Wenn Herzl die Frage der Kultur in einem jüdischen Palästina hätte entscheiden müssen, so wäre er gewiß für die jüdisch-nationale Kultur im Geiste unserer Propheten und unserer historischen Tradition in viel höherem Maße eingetreten, als viele unserer jungen Kulturträger, die bisweilen einen antireligiösen und antihistorischen Fanatismus an den Tag legen. Diese meine Ansicht habe ich bereits vor fünfzehn Jahren in meiner Charakteristik Herzls ausgesprochen. Niemals hätte Herzl seine Hand erhoben' gegen irgendetwas, das dem Volke heilig und teuer ist. Mit Entrüstung sprach er wiederholt mit mir wegen taktloser Auftritte unserer ungezügelten Jugend in Rußland. Er war dagegen, daß die Kulturfragen aufgeworfen wurden, weil er dies für verfrüht hielt. „Noch ist das Kind nicht geboren und sie streiten bereits um seine Erziehung,“ flüsterte er mir auf dem III. Kongreß ins Ohr, während der heißen Debatte über den Antrag der Kulturkommission. Ihm schien das lächerlich, und er hatte recht. Der Rubikon war überschritten. Es galt vorwärts zu kommen. Diese Stimmung machte sich in allem bemerkbar, was Herzl tat, in allem, was er mit mir sprach. Es ist für mich zweifellos, daß er diese Tage vor dem ersten Kongreß als den Vorabend einer großen entscheidenden Schlacht empfand. Wohl gelang es ihm, die innere Aufregung und die starke Bewegung seiner Seele zu verbergen, aber ich konnte sehen, wie stark er unter dem Druck der Hoffnungen stand, die er auf den Kongreß gesetzt hatte. Ich war fast die ganze Zeit mit ihm zusammen, und jeder Tag, jede Stunde brachte mich ihm näher und näher. Ich habe fast überall mitgearbeitet, sogar in der Finanzkommission. Von allen Kommissionssitzungen mußte man ihm einen detaillierten Bericht erstatten, für alle genaue Instruktionen einholen. Je näher ich ihm kam, desto klarer und deutlicher wurde mir diese ungewöhnlich starke Natur in ihrer ganzen Größe. Stunde für Stunde erkannte ich mehr, wie sehr er von seiner Idee ergriffen war und wie er mit seinem ganzen Sein in ihr aufging. Er dachte an nichts anderes. Eine solche unerschütterliche Ergebenheit habe ich niemals wieder gesehen, auch nicht unter den feurigsten Chowewe Zion, die ich alle genau kannte. Dieses vollständige Sichselbstvergessen um einer Idee willen hat mich tief gerührt. Und dennoch, ich konnte noch immer nicht jenen starken, mächtigen Herzl entdecken, der fähig sein sollte, der Führer zu werden, ein Napoleon der Bewegung. Mich hatte seine Weichheit irre geführt, seine liebenswürdige Manier, sein Gentlemantum. Ich dachte immer wieder, das alles paßt doch nicht für einen Führer, der ein harter, unbeugsamer Mensch sein muß. Der Kongreß sollte am Sonntag beginnen, und am Freitag fand die erste Vorkonferenz der deutschen Delegierten statt. Etwa 60 bis 70 Leute mochten gekommen sein. Den Vorsitz führte natürlich Herzl. Mein ganzes Interesse war auf seine Leitung konzentriert. War es doch eine Art Generalrepitition oder Probeschlacht. Im allgemeinen hat diese Vorkonferenz der Deutschen einen sehr guten Eindruck auf mich gemacht. Zum ersten Male sah ich hier Westjuden mit gutem jüdischem Herzen, mit heißer Liebe zu den nationalen Gedanken, die außerdem über ein gewisses Maß von Takt und Disziplin verfügten, was unter den russischen Juden ganz unbekannt war. Angenehm überrascht nat mich die Tatsache, daß alle klar und fließend sprachen; einige schienen glänzende Redner zu sein. Jetzt, nach siebzehnjähriger zionistischer Arbeit hat sich diese Redegabe auch unter den russischen Juden stark entwickelt. Früher war sie dort eine Seltenheit. Herzl hat sich in dieser Sitzung durch nichts Besonderes hervorgetan. Er hat nur geschickt alle Fragen beseitigt, die zu scharfen Auseinandersetzungen führen konnten, und hat hierbei allerdings großes Talent bewiesen. Geredet hat er aber wenig. Er ließ andere sprechen. Nur kurze sachliche Erklärungen gab er bisweilen ab. Er sprach immer in einem so weichen Ton, daß er mir im ganzen doch ein schwacher Vorsitzender zu sein schien. Diesen Eindruck gewannen auch andere, sodaß bei vielen der Gedanke auftauchte, ob man nicht für den Kongreß einen anderen Präsidenten wählen solle. Das hat eine sehr unruhige Stimmung hervorgerufen. Die Stimmung wurde noch unruhiger am nächsten Tage, als meine russischen Landsleute sich separat zu verversammeln begannen. Es traten schon hier aus der Mitte der Jugend, zu der die meisten russischen Delegierten gehörten, unstete, zügellose Elemente hervor, die es verstanden haben, eine Art „Opposition“ fertig zu bringen. Irgend einen Sinn hatte diese Opposition nicht, aber diese Herren schienen zu jedem Opfer bereit zu sein, um ihren Radikalismus um jeden Preis zu bekunden. Alle Versuche, die heißen Köpfe zu beruhigen, blieben erfolglos. Herzl wandte sich wiederholt zu mir: „Aber mein lieber Ben-Ami, bändigen Sie doch Ihre jungen Leute“; es war aber sehr schwer, etwas zu erreichen. Es war bereits gegen Mitternacht, als ich mich entschloß, in die rauschenden Wellen der Opposition zu dringen. Ich habe meinen Landsleuten die Bedeutung des kommenden Tages in Erinnerung gebracht, der im Leben unseres vielgeprüften Volkes vielleicht ein entscheidender werden könne, und selbst die wütendsten versprachen, die Würde des Kongresses zu wahren, ein Versprechen, das sie gewissenhaft eingelöst haben. Trotz dieser Zusicherung konnte ich die ganze Nacht vor Aufregung nicht schlafen. Es war mir zumute, als stände ich am Vorabend eines großen Gerichtstages für unser ganzes Volk. Welches Urteil mag er uns bringen? Und dann kam der Morgen, jener große, historische Tag, der Tag des I. Kongresses. Als ich nach dem Kasino ging, war ich so erregt, daß meine Füße wankten. Nun sitze ich im Kongreßsaal. Alles ist von einer erhabenen feierlichen Stimmung durchdrungen; alles ist erfüllt von Herzenswärme und seelischer Verwandtschaft; aus aller Augen leuchtet Freude und Hoffnung. Und doch zieht jene geheimnisvolle, erhabene, jüdische Trauer durch den Saal. Aus allen Ecken und Enden der Welt kamen die zerstreuten Kinder Israels zusammen. Wird doch gar Vieles einander zu erzählen sein, — all das endlose Leid, all die Qualen, all die Schmähungen und

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