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Die Welt · 1914-07-03 · 27 (3.7.1914) · p. 690

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
27 (3.7.1914)
Article
Erinnerungen an Theodor Herzl
Date
1914-07-03
Page
690 (sequence 4)
Language
German
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690 Nr. 27 DIE3^PELT ein kleines Gärtchen, durch Reihen von Tischen gelangte, an denen die guten Baseler ihr schönes Bier tranken, entpuppte sich als ein sehr unfreundliches dunkles Lokal, ein richtiges billiges Bierlokal. Es war dies die uns allen so wohl bekannte Burgvogtei, die ich nicht im geringsten kränken möchte, da wir in der Folge so Viele freudige und wirklich glückliche Stunden dort verbracht haben. Ich sprach mich entschieden gegen dieses Lokal aus, aber Farbstein behauptete, es gäbe in Basel kein anderes, das in Betracht käme, mit Ausnahme eines einzigen Saales, für den man ein ungeheures Entgelt verlange. Hierauf konnte ich nichts erwidern, und der Saal Wurde gemietet. Auf dem Rückwege begegneten wir auf derselben alten historischen Brücke drei oder vier schäbig gekleideten jungen Leuten mit alten Hüten und ziemlich schmutzigen Kragen. Ich erkannte in ihnen sofort meine „Landsleute“; es waren Delegierte, aber In besondere Begeisterung bin ich durch diese Begegnung nicht geraten. Gegen drei Uhr nachmittags fand ich bereits zehn bis zwölf Personen vor, darunter einen einzigen, der etwa vierzig Jahre alt sein mochte; die übrigen waren junge Leute vom Schlage derer, die ich vorhin an der Brücke getroffen hatte.. Das sind deine Auserwählten, Israel, dachte ich, und mir wurde traurig zu Mute. Gegen Abend erschienen bereits einige Delegierte aus Deutschland und Oesterreich, und die Zahl der Delegierten stieg an diesem Tage auf ungefähr vierzig. Am nächsten Morgen, als ich auf dem Wege nach dem Bureau die Brücke überschritt, sah ich von der Ferne Herzl, der von seinem Hotel „Drei Könige“ kam. Hocherfreut, als begegnete ich einem meiner intimsten Freunde, schritt ich ihm entgegen. Er bemerkte mich auch von der Ferne und kam eiligen Schrittes auf mich zu, mich freundlich begrüßend. Wir drückten uns herzlich die Hand, und er begann, mich gründlich auszufragen über alles, was vorging. Ich erzählte ihm alles, was mir bekannt war. U. a., daß eine Offerte von einem Preß-Bureau eingelaufen sei, das uns anbot, uns sämtliche Meinungsäußerungen der europäischen Presse über den Kongreß zuzustellen, und ich fragte ihn, ob man dieses Angebot akzeptieren solle. Er antwortete entschieden: „Nein! Wenn man irgend etwas erdenkt, so soll man niemals danach fragen, was andere dazu meinen.“ Diese Antwort hat mir sehr gefallen. Nachdem Wir ungefähr eine halbe Stunde im Kongreß- Bureau verbracht hatten, gingen wir, um uns den vorher gemieteten Kongreßsaal anzusehen. Als Herzl ihn sah, sagte er entschieden: „O, nein, nein!“ Und an diesem Tage wurde der kleine Saal des Baseler Stadtkasinos mit den angrenzenden Zimmern gemietet, das für uns eine heilige historische Stelle, im höchsten Sinne des Wortes, geworden ist. Ueber diesem Gebäude flatterte zum ersten Male die blauweiße jüdische Nationalfahne, vor diesem Gebäude wurden zwei Tage später zum ersten Mal die Fahnen der stolzen, freien Korporationen der freien Schweiz unter Hochrufen auf die Juden gesenkt. Wer diesen großen Moment nicht miterlebt, wer nicht das von Stolz und innerer Glückseligkeit durchleuchtete Antlitz Herzls gesehen hat, als er auf dem Balkon erschien und tosende Hochrufe von schweizerischer und jüdischer Seite erschallten, der hat nichts Großes erlebt. Mit dem Augenblick seiner Ankunft in Basel ging Herzl mit allen Fasern seiner Seele in den Interessen des Kongresses auf. Die gesamte übrige Welt hatte für ihn tatsächlich zu existieren aufgehört. Er interessierte sich für alles, für die kleinsten Details, überwachte mit Scharfen Augen die kleinste Vorbereitung, ließ nichts, was geschah, außer Acht. Er erteilte die ganze Zeit nach allen Richtungen hin Instruktionen und wachte stets darüber, daß alles pünktlich ausgeführt wurde. Er erteilte seine Instruktionen in einem sehr weichen Ton, mit einem bezwingenden Lächeln, aber doch so kategorisch, daß niemand der Gedanke kommen konnte, seine Verordnungen nicht auszuführen oder ihm zu ‘widersprechen. Alle fügten sich, auch Leute, die in der Gesellschaft bereits eine angesehene Stellung einnahmen. So war nun einmal der magische Einfluß dieses großen Befehlshabers. Gewiß, Herzl verkörperte das Wesen des Befehlshabers in der höchsten sittlichen Bedeutung dieses Wortes. Der nächste Freund Herzls, sein nächster Mitarbeiter zu werden, hieß, der blinde Vollstrecker seiner Befehlen werden. Anders konnte es gar nicht sein. Wenn mehrere Kräfte Zusammenstößen, wenn mehrere Willensäußerungen gegeneinander auftreten, so unterdrückt der stärkste Wille die anderen. Das ist so einfach, so natürlich, daß es einfach unsinnig ist, von Despotismus und Tyrannei zu sprechen. Der Despot oder der Tyrann wird durch Willenlosigkeit, durch den Mangel einer jeden moralischen Kraft charakterisiert. Im Glauben, allein alle zu beherrschen, merkt der Despot nicht, daß er von allen beherrscht wird. Der starke Wille, der große Charakter erobert seine Umgebung instinktiv, von selbst, ohne es zu wollen. Ich sage das desfwegen, weil man Herzl des Oefteren einen „Despoten“ genannt hat, und mancher behauptete, deswegen nicht mit ihm arbeiten zu können. Es ist nicht so. Herzl hat niemals danach gestrebt, ergebene Sklaven zu finden, er suchte keine Untertanen, sondern Mitarbeiter, Arbeitsgenossen, die das ausführen könnten, Was er erdacht hatte, die seine Pläne verwirklichen1 sollten. Leute, die mit ihm gingen und ihm folgten. War es doch nicht möglich, daß er, der Schöpfer, Vollstrecker eines fremden Willens werden, anderen folgen konnte. Verlanget doch vom Mont Blanc, daß er die anderen Berge nicht in den Schatten stelle, daß er in seiner überragenden Größe die Sterne nicht verdunkele. Und darin bestand die Tragödie seines Lebens, daß er diese Mitarbeiter nicht fand. Viele rechneten es sich sogar zum Verdienst an, daß sie gegen diesen Großen und seinen sogenannten Despotismus auftraten. Auf diese Weise entstanden all diese „Fraktionen“ und dergleichen „Oppositionen“. Wieviel Unsinniges, Lächerliches, leider aber auch Unheilvolles lag in diesem närrischen Spiel der „Linken“. Opposition gegen Herzl! Gegen ihn, dessen Devise es war, alle seine Interessen völlig zu vergessen und sich ganz in den Dienst seines Volkes zu stellen. Viele wissen noch immer nicht, daß es manchmal in der Volkssache eine große Tugend bedeutet, sich zu unterwerfen, zu gehorchen. Wir, besonders die russischen Juden, verwechseln oft Eigensinn und Disziplinlosigkeit mit Willensfreiheit und Liebe zur Freiheit. Das Schweizerland ist das freieste Land in der Welt, und nirgends gibt es solche Disziplin, so willige Unterordnung unter die Obrigkeit, wie gerade in diesem Lande. Darin liegt seine Kraft. Wir dagegen machten, noch ohne etwas geschaffen zu haben, bereits „Opposition“. Es wäre lächerlich, wenn es nicht so traurig wäre. Als wir zusammen bei Tisch im jüdischen Hotel „BraunschWeig“ saßen, klagte Herzl in bitteren Worten darüber, daß er unter dem Mangel an Mitarbeitern

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