Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1914-07-03 · 27 (3.7.1914) · p. 692

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
18 (1914)
Issue
27 (3.7.1914)
Article
Erinnerungen an Theodor Herzl
Date
1914-07-03
Page
692 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3316625-3316652-3355392--61564-3355523
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

602 Nr. 27 D!E3§BELT schweren Beleidigungen. Wie froh ist uns zumute — wie sehr schwer ist uns zumute. Feierlich, mit brüderlicher .Herzlichkeit und Liebe begrüßen sich die Delegierten untereinander, leise sprechend, alle erfüllt von der Unruhe des Wartens. Der große Moment naht heran. Die ganze Welt ist um uns versunken. Es ist feierlich still. Die Tribüne besteigt der alte Dr. Lippe aus Jassy. Er bedeckt sein ergrautes Haupt mit dem Hut und spricht mit zitternder Stimme laut und feierlich das 1.,-bräische Dankgebet: Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott, Herr der Welt, der Du uns diese Zeit hast erleben lassen. Ein Beben geht durch den Saal. Tränen sieht man in den Augen Vieler. Hinter mir schluchzt irgend jemand bitterlich. Die etwas zu lange Rede, die auf diesen wahrhaft unvergeßlichen Augenblick folgt, verdirbt die Stimmung und erfüllt die Seelen von neuem mit Unruhe. Die Rede ist zu Ende. Langsam erhebt sich und schreitet zur Tribüne — Herzl. Ich verschlinge ihn mit den Augen, aber sonderbar, was ist denn nur geschehen? Das ist nicht der Dr. Herzl, den ich bisher gesehen, den ich erst gestern spät abends noch gesprochen habe. Vor uns erscheint eine wunderbar erhabene königliche Figur, mit hoheitsvollen, tiefen Augen, die eine stille Trauer verraten. Es ist nicht mehr der elegante Dr. Herzl aus Wien, es ist ein aus dem Grabe erstandener königlicher Nachkomme Davids, der vor uns erscheint, in der Größe und Schönheit, mit der Phantasie und Legende ihn umwoben haben. Der ganze Saal ist ergriffen, als hätte sich ein historisches Wunder vollzogen. Und wahrlich, war es nicht ein Wunder, das hier geschah? Fünfzehn Minuten lang hat alles gebebt vor begeisterten Zurufen, stürmischem Jubel, Händeklatschen und Tücherschwenken. Der große zweitausendjährige Traum unseres Volkes schien in Erfüllung zu gehen; es war, als ob der Moschiach Ben David vor uns stand, und ein starker Wunsch, ein innerer Zwang ergriff mich, durch dieses stürmische, jubelnde Meer laut zu rufen: jechi Hamelech! Es lebe der König! (Aus dem russischen Manuskript übertragen.) MOSES (Zum zehnten Todestage Theodor Herzls) Von Dr. M. Jardeni ln der Knechtschaft wurde er geboren, unter den leidenden Brüdern, bei den Unterdrückten. Doch frei, auf der Höh', am Königshofe wuchs er auf, in Macht und 61anz, gewohnt zu herrschen und zu befehlen. Und er stieg herab zum Volke und sah es gedrückt unter der Zwangsarbeit von Pharao. Und es seufzten die Kinder Israels unter ihrer Cast Und er empfand den Schmerz und die Schande der Sklaverei. Da entdeckte sich ihm Sott der Allmächtige, und es loderte auf in seinem Herzen das heilige, unauslöschbare Feuer. Und er sprach zum Volke von der Freiheit und vom Lande der Väter. Die Kinder Israels aber wollten nicht hören, die einen ermüdet von Arbeit und Knechtschaft, die anderen satt und träge an ihren Fleischtöpfen. Und sie glaubten ihm nicht und riefen ihm zu: „Wer hat dich zum Führer über uns eingesetzt?■* Und die von den Kindern Israels, die königliche Aufseher waren, warfen ihm vor: „Sott sehe und richte, daß du unser Ansehen bei- Pharao und seinen Knechten herabsetzest und unseren Feinden ein Schwert in die Hände gibst.“ Da schenkte ihm Sott den Stab und die Kraft, Wunder zu zeigen. Und er tat die Wunder vor CDizraim und vor Israel. Und die Kinder Israels erwachten aus ihrer Dumpfheit und wurden aus einer Schar von Sklaven zu einem einigen Volk. Und Moses zog sie aus der Knechtschaft und führte sie in das Land der Freiheit. Und CDizraim beugte sich vor dem Wunder. Und er führte das Volk in das Land der Verheißung. Der Weg aber war lang und dornenvoll. Und das Volk ward mürrisch und ungeduldig, und die Kleinmütigen sehnten sich nach den Fleischtöpfen Aegyptens. Und das Volk murrte wider Moses- Und sie erzählten dem Volke Böses von dem Lande, das sie gekundschaftet hatten: Wir können nicht aufkommen gegen das Volk, das dort wohnt, denn es ist stärker als wir. Und die Kinder Israels schrien zu Moses: Warum hast du uns aus der Knechtschaft geführt um uns und unsere Kinder und unser Vieh verdursten zu lassen in dieser Wüste? Und der Führer ward müde, müde ob des Murrens und der Schreie, und sein Geist ward verwirrt ob des Elends und der Pein, und sein Herz ward schwach. Und er wich ab vom Wege der Verheißung, um den Hunger und den Durst des Volkes zu stillen. Er zweifelte und ward kleinmütig — nur einen Augenblick. Und Gott sprach zu ihm: Bereite dich zum Tode. Denn nicht du sollst das Volk in das Land führen. Und Moses sah das Land von ferne und starb, und alle Kinder Israels weinten um ihn.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.