Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 27 (3.7.1914)
- Article
- Erinnerungen an Theodor Herzl
- Date
- 1914-07-03
- Page
- 689 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 27 689 DIES^ELT hin auf so viel Schwierigkeiten stoßen, so ist es möglich, daß meine Kräfte dazu nicht ausreichen, und ich Werde gehen müssen. Ich habe den Weg gezeigt. Wenn im jüdischen Volke noch Lebenskräfte verborgen sind, so werden sich andere finden, die meine Idee verwirklichen werden." Wir sprachen noch manches vom Wesen der jüdischnationalen Idee und kamen auf den bevorstehenden Kongreß. Ich schlug ihm vor, in Basel eine Vorkonferenz einzuberufen; er antwortete mir, er habe selbst daran gedacht, und wir verabredeten, mindestens eine Woche vor dem Beginn des Kongresses in Basel zusammen zu kommen. Wir schieden herzlich voneinander, wie gute, alte Freunde, obwohl wir höchstens 1 y2 bis 2 Stunden gemeinsam verbracht hat- Als ich fortging, war ich ganz beruhigt. Ich sah, daß vor mir ein ganz ungewöhnlicher Mensch gestanden hatte, mit einer glühenden Ueberzeugung, die in der Tiefe seiner Seele wurzelte. In seinerUnterhaltung gab es nicht eine einzige allgemeine Phrase, die in den Schriften der bisherigen Palästinenser(ChoweweZion) geläufig war. Alles, was er sprach, trug den Stempel des Neuen, Frischen, Jüngstentstandenen; alles war von ihm selbst durchdacht und verarbeitet. Gewiß kannte er den Judaismus äußerst wenig; sein Geist aber, das Wesen des Judentums, war ihm nicht so fremd, wie man anzunehmen pflegt. Auch das jüdische Leben war ihm nicht ganz unbekannt, er erzählte mir, daß in seinem Eltemhause die jüdischen Feiertage gehalten wurden; das Passahfest beging man sogar sehr feierlich, auch seine Barmizwah-Feier wurde festlich begangen. Von der Jugend an habe er viele Erinnerungen an das jüdische Leben mitgenommen, von denen er mit Liebe sprach. Ich habe in ihm den Autor des Judenstaates gefunden und mehr als das. Daß es diesem Manne aber gelingen werde, den Kongreß würdig und groß durchzuführen und selbst an die Spitze zu treten, die volle Ueberzeugung hiervon hatte ich nicht gewonnen. Nach Hause schrieb ich indessen an diesem Tage ungefähr folgendes: „Wenn die inneren intellektuellen Eigenschaften Herzls seinem außergewöhnlich prächtigen Aeußeren entsprechen, so haben wir in ihm einen großen Führer der Bewegung gefunden." III. Nachdem ich etwa zwei Wochen in meiner lieben Schweiz umhergewandert war, die ich bereits seit elf Jahren nicht gesehen hatte, kam ich am 22. oder 23. August in Basel an. Selbstverständlich ging ich sofort ins Kongreß- Bureau, das sich damals unweit vom Marktplatz in der Freiestraße befand. Mit aufrichtigem Herzklopfen lief ich die schmale Treppe hinauf. Das war ja gewissermaßen die Vorstufe des Kongresses. Was mag dort jetzt geschehen,wie mögen die Vorbereitungen vor sich g^hen? Vor allem beunruhigte mich die Frage der Delegierten : werden viele herkommen, was werden es für Leute sein? An einem Schreibtisch, meinem engen,langen, etwas dunklen und staubigen Zimmer, dessen einziges Fenster auf ein enges, schmales Gäßchen ging, saß ein etwa 17 jähriger junger Mann, wie man mir sagte, einer von den Baseler Juden. Liebenswürdig beantwortete er meine Fragen. Die Auskunft aber war zwar sehr optimistisch, doch ziemlich unklar. — Nachdem ich eine halbe Stunde im Bureau zugebracht hatte, ging ich fort; ich war nicht gerade sehr optimistisch gestimmt. Ich bezog ein Zimmer im Hotel „Zum weißen Kreuz", von dessen Fenster man den wunderbar blauen Rhein sieht, der so ruhig und erhaben dahinfloß, offenbar wenig besorgt, wieviele Delegierte nach Basel kommen möchten. Ich hatte die Absicht, Briefe zu schreiben und ein wenig auszuruhen. Ich konnte aber nicht ruhig sitzen und eilte sofort zurück ins Kongreßbureau. An der Brücke begegnete ich David Farbstein, den ich noch von Zürich her kannte. Er bat mich, ihn zu begleiten, um den Saal zu besichtigen, den er in Kleinbasel für den Kongreß in Aussicht Ich ging mit ihm. Der Saal, in den man durch Photographie der Herz!-Büste von Friedrich Beer - Paris sei. And.