Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 18 (1914)
- Issue
- 27 (3.7.1914)
- Article
- Erinnerungen an Theodor Herzl
- Date
- 1914-07-03
- Page
- 688 (sequence 2)
- Language
- German
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688 Nr. 27 uns her textliche Apathie, eine verbrecherische Gleichgültigkeit herrschte! Was mit Mühe und Kampf geschaffen war, schien für alle Zeiten in Trümmer zu gehen. Verzweiflung ergriff alle Herzen. Da ertönte mitten in diese Todesstille, mitten in diese finstere Verzweiflung hinein Herzls Ruf, machtvoll und stark an alle diejenigen, in denen das Gefühl ihrer Zugehörigkeit und Liebe zum Volke lebte, der flammende Appell: Auf zum Kongreß! Zum Kongreß! Ein jüdischer Kongreß soll es sein, auf dem die Juden selbst ihr Schicksal entscheiden und selbst ihre Zukunft schmieden. Vieler Herzen wurden neu belebt. Eben noch hoffnungslos und verzweifelt, gewannen sie neuen Lebensmut und neue Hoffnung. Aber es gab auch, selbst in den Reihen der alten Chowewe Zion, Männer, die die Kunde vom Kongreß sehr skeptisch, sogar feindselig aufnahmen. In unserem Odessaer Komitee haben bei weitem nicht alle die Idee des Kongresses und den neu entstehenden Zionismus überhaupt mit derselben Einmütigkeit begrüßt. Ein besonders heftiger Gegner war unser damaliger Vorsitzender, Abraham Grünberg. Er befürchtete, der Zionismus möchte alle Kräfte der Chowewe Zion an sich reißen, sodaß dem Odessaer Komitee nichts übrig bliebe, als seine Tätigkeit eihzustellen. Sogar L i 1 i e n b 1 u m , der bald darauf ein entschiedener Anhänger Herzls und des Zionismus wurde, legte anfangs ein gewisses negatives Verhalten der ganzen Sache gegenüber an den Tag. Im allgemeinen betrachtete die Mehrheit all dies Neue als ein waghalsiges Projekt, das wenig Aussicht auf Verwirklichung hatte, und ich selbst teilte diese Zweifel und Befürchtungen. II. Mitte Juni ungefähr erhielt ich in Odessa, zugleich mit anderen Freunden, vom Zionistischen Bureau in Wien die Einladung, am Kongreß teilzunehmen, der für den 28., 29. und 30. August (wenn ich nicht irre) festgesetzt war. Ich beschloß, dieser Einladung unbedingt Folge zu leisten. Allgemeine Wahlen zum Kongreß waren damals natürlich noch nicht organisiert. Dennoch haben Wahlen stattgefunden, denn an vielen Orten bestanden bereits Chowewe Zion-Gruppen. So, mit einem Mandate von Nicolajeff und Odessa versehen, verließ ich am 2. oder 3. August Odessa, um vor allem Wien zu besuchen. In Wien kam ich um 7 Uhr morgens an und war schon um zehn Uhr in der allen Zionisten so bekannten Türkenstraße 9, wo sich das Zionistische Bureau und die Redaktion der „Welt" befanden. Ich fragte nach Herrn Dr. Herzl. Im Bureau war er nicht. Ich wollte fort, um später das Bureau nochmals aufzusüchen, man sagte mir jedoch, daß man Dr. Herzl meine Ankunft sofort melden werde, und ich wurde gebeten, im Bureau zu warten. Man führte mich in ein großes Zimmer, in dessen Mitte ein langer Tisch stand, auf dem Pakete von „Welt"-Nummern aufgehäuft waren. Ich nahm eine „Welt“ in die Hand und versuchte zu lesen, war aber vor Aufregung nicht imstande, auch nur einen Satz zu lesen. Der Gedanke, daß ich jeden Augenblick den Verfasser des „Judenstaates", den kühnen Initiator des jüdischen Kongresses erblicken würde, hatte mich derartig ergriffen, daß ich an nichts anderes denken konnte. Sollte ich doch bald jenen Großen erblicken, der die ganze jüdische Welt in Bewegung setzte, der so viele Hoffnungen im Volke wieder aufleben ließ. Was mochte es für ein Mann sein? Wird er imstande sein, jene großen Hoffnungen durch Taten auch hur annähernd zu rechtfertigen? Mein Glaube an die Existenz starker, energischer und mächtiger Männer in unseren Reihen war äußerst gering. War ich doch niemals in unseren Kreisen derartigen Typen begegnet. Ich möchte noch erwähnen, daß ich von Herzl, ich weiß nicht warum, die ganze Zeit eine Vorstellung hatte, als sei er ein kränklicher Mann, kleinen Wuchses und mit einem kleinen Buckel. Wie ich darauf kam, kann ich mir selbst nicht recht erklären. Ich nehme an, daß der kurze, einsilbige Name diese Vorstellung verursacht hat. Jetzt freilich klingt er mir anders. Nachdem ich etwa zehn Minuten gewartet hatte, ging die Tür auf und auf der Schwelle erschien — endlich — ein hoher stämmiger junger Mann, ausgesucht chic gekleidet, in dunkelblauem Jakett ohne Weste, mit einem breiten Gürtel. Infolge meiner Kurzsichtigkeit sah ich die Gesichtszüge nicht genau. Irgendein Besucher, dachte ich mir, und tat, als sei ich in meine Lektüre vertieft. Der Herr aber kam mit einer leichten Verbeugung und liebenswürdigem Lächeln auf mich zu und stellte sich vor: Dr. Herzl. Etwas überrascht und verwirrt stand ich auf, und wir reichten uns die Hand. Ich muß gestehen, diese ausgewählte Kleidung nach der letzten Mode hat damals einen ziemlich unangenehmen Eindruck auf mich gemacht; besonders störte mich dieser Gürtel, und das Fehlen der Weste war meiner Ansicht nach für einen ernsten Menschen durchaus nicht schicklich. Sein liebenswürdiges Lächeln aber machte mich diesen auffallenden Chic ein wenig vergessen. Wir sprachen französisch, da ich mich deutsch schlecht ausdrücken konnte. Ich fragte ihn, in welchem Stadium sich unsere Sache befinde, ob er berechtigte Hoffnungen habe, seine Idee durchzuführen und den Plan des Kongresses zu verwirklichen; ob es viele gäbe, die mit ihm sympathisierten und bereit wären, mit ihm zu gehen. Er antwortete mir, daß er allerdings eine größere Anzahl von Personen gefunden hätte, die seinem Plan sympathisch gegenüberständen und Anteil an der Sache nehmen wollten. Er könne aber bei weitem noch nicht sagen, daß der Erfolg garantiert sei; doch nicht das sei das Unheil, daß noch nicht viele auf unserer Seite wären; dies sei vielmehr eine natürliche Erscheinung bei jeder neuen Idee. Unser Unglück bestehe darin, daß wir ziuvie! aktive Gegner besitzen und bei jedem Schritt auf fast unüberwindliche Hindernisse stoßen. Er, der doch die Assimilanten sehr‘gut kenne und von ihnen nicht das geringste Mitgefühl oder gar Mitarbeit erwartet habe, sei doch ganz überrascht, welch starker Widerstand unseren Plänen von ihrer Seite entgegengesetzt würde und wieviel niederträchtige Angriffe erfolgt seien. Hierin hätten sie alle Erwartungen übertroffen. Eine solche Gehässigkeit gegen die jüdischnationale Idee würden die wütendsten und zügellosesten Antisemiten kaum je bekunden. Die eigentlichen Antisemiten seien sie, die jüdischen Assimilanten, die gefährlichsten und schädlichsten. Er erzählte mir ausführlich die traurige und schmachvolle Geschichte von dem Verhalten der jüdischen Gemeinde in München gegenüber dem Kongreßplane. Er sprach über die maßlose Gehässigkeit, die gewissenlosen Verleumdungen, die gegen ihn persönlich ausgestreut wurden. Er sprach mit äußerer Ruhe, man konnte aber leicht merken, wie empört er im Innern war, eine bittere Verzweiflung schien auch ihn zu ergreifen. Aber je länger er sprach, desto heller und leuchtender wurde der Blick seiner tiefen, dunklen Augen. „Dies müssen Sie wissen. Ob ich die Sache weiter werde führen können, weiß ich nicht. Sollte ich ferner-